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Sport
17.09.2021

Olympia-Tagebuch: Es geht pausenlos weiter...

Tagebucheintrag Nr. 9: Sandra Stöckli ist zurück in der Schweiz, doch an eine Pause ist nicht zu denken.
Tagebucheintrag Nr. 9: Sandra Stöckli ist zurück in der Schweiz, doch an eine Pause ist nicht zu denken. Bild: zVg
Die Rapperswilerin Sandra Stöckli ist von den Paralympics in Tokio zurück und hat sich bereits wieder an die Schweiz akklimatisiert. In ihrem letzten Tagebuch auf Linth24 blickt sie nochmals zurück.
  • Tagebuch von Sandra Stöckli

«Wie schon im letzten Tagebuch erwähnt, war die Ankunft am Flughafen Zürich sehr emotional und herzerwärmend. Viele Leute – Familie, Verwandte, aber auch Unbekannte – warteten auf uns und haben uns herzlich in der Schweiz willkommen geheissen.

Am Tag der Ankunft bin ich total müde zuhause angekommen, mein Körper und Kopf waren kaputt und voller Emotionen und Erfahrungen und die ersten drei vier Nächte habe ich immer 12 Stunden oder mehr geschlafen, was wirklich sehr gut getan hat. Zuhause hier in Kempraten habe ich es wirklich sehr genossen, einfach abschalten zu können. Ich telefonierte am Montag dann meinem Trainer und dachte, er sagt, ich solle mich entspannen und nur fahren gehen, wenn ich will. Als ich dann das Telefon abnahm sagte er mir, am Mittwoch gehe es los in Nottwil mit dem Training, bis dann sei ich dann schon wieder fit. Ganz nach dem Motto: Mission Tokio abgeschlossen, Mission Paris gestartet.

Gleich wieder Struktur

Man hört oft, dass olympische oder paralympische Athleten nach solch einem grossen Event in ein Loch, eine Depression fallen, da wie ein grosser Teil vom Alltag dann plötzlich fehlt. Dadurch, dass ich bereits am Mittwoch wieder mit dem Training begann, hatte ich schon wieder eine Struktur und konnte so eben eine Depression vermeiden.

Der Empfang der Stadt

Ich habe mich natürlich sehr gefreut, dass die Stadt einen Empfang mir zu Ehren macht, doch am Nachmittag habe ich mich noch gefragt, wer dann überhaupt zu so einem Empfang kommen wird. Ich war dementsprechend zu Tränen gerührt, dass dann so viele Menschen an den Anlass kamen – ich kriege jedes Mal Gänsehaut, wenn ich daran denke.

  • Viele Leute hörten gespannt den Erzählungen von Sandra Stöckli zu. Bild: Linth24
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  • Auch viele Bekannte, wie ihre Freunde vom VC Eschenbach, reisten für den Empfang an. Bild: Linth24
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Empfang des Paraplegiker-Zentrums

Am Mittwoch ging ich dann eben auf Nottwil ins Training, wo das Paraplegiker-Zentrum ebenfalls einen Empfang geplant hat mit einigen Medaillen- und Diplomgewinnern. Dort wurde jeder einzelne Athlet aus einem Seitengang vom Zentrum aufgerufen und es wurden ein zwei Sätze zur Person gesagt. Als ich das Publikum sah, traf mich fast der Schlag: So viele Leute waren da! Personal, Patienten oder Extra-Angereiste – alle standen da und jubelten uns zu.

Viel bewegt in der Schweiz

Laurent Prince, Direktor Schweizer Paraplegiker-Vereinigung, sagte in seiner Ansprache, dass wir uns vielleicht gar nicht bewusst seien, wie viel während den Paralympics bewegt haben, also nicht nur hier im Zentrum haben wir Personen zu Tränen gerührt, sondern wir hätten die ganze Schweiz bewegt. Jeder einzelne von uns sei als Held zurückgekommen. Das ist nur ein kurzer Teil von seiner Ansprache, doch das war sehr emotional und eindrücklich. Mir wurde auch erst nun, da ich zurück bin, bewusst, wie viele Leute uns zugeschaut und uns angefeuert haben. Ich spüre es, es ist ganz anders als in Rio – die Schweiz hat es wirklich miterlebt und hat eben mit uns mitgefiebert. Das ist wirklich schön, das zu spüren und zu sehen, dass wir mit unseren Leistungen auch Freude in die Schweizer Stuben bringen durften.

Tosender Applaus am Weltklasse Zürich

Am Donnerstag ging es gleich weiter bei der Weltklasse Zürich, wo alle Medaillen- und Diplomgewinner der olympischen und paralympischen Spiele eingeladen wurden. Mit grossem Interesse verfolgte ich diese Rennen – endlich mal zuschauen, anstatt selber mitzumachen – und es war wirklich ein sehr gelungener Abend. Das Highlight war natürlich, als wir Medaillen- und Diplomgewinner persönlich aufgerufen wurden, ins Letzigrundstadion einlaufen durften und uns alle Zuschauer zujubelten und kräftig applaudierten. Eine Sängerin sang auch noch die Schweizer Nationalhymne und eine riesige Schweizerfahne wurde auf dem Rasen aufgezogen. Auch das war ein unbeschreibliches Gefühl und eine riesige Ehre. Es war auch wie ein wenig eine Entschädigung dafür, dass wir in Tokio vor leeren Publikumsrängen agieren mussten.

Blick nach vorne

Am Freitag hatte ich dann bereits wieder eine Sitzung mit meinem Trainer, wo wir die Wettkämpfe analysierten und einen Rückblick machten. Auf Basis dieser Daten werden nun Schlussfolgerungen gemacht und wir sahen, wo wir nun noch weiterhin arbeiten müssen. Der Blick ist also stets nach vorne gerichtet.

Heimeliges Rennen in Arosa

Am Wochenende war ich dann in Arosa, wo auch ein kleines Schweizer Handbike-Rennen stattfand, mit sehr viel Zuschauer. Auf diesen Anlass habe ich mich sehr gefreut und es ist erstaunlich gut gegangen – mein Körper ist also schon gut erholt. Zu meiner Freude konnte ich gut mit den Männern mithalten, was für mich sehr lässig war. Es war ein kleines, herziges Rennen in den Bergen, was im Gegensatz zu Tokio fast schon ein kleiner Kulturschock war. 

  • Im Rennen in Arosa mochte Sandra Stöckli gut mit den Männern mithalten. Bild: zVg
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  • Etwas Süsses darf nach einer solchen Vorbereitung auf die Paralympics auch mal sein. Bild: zVg
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Wie geht es nun weiter?

Wie man sieht, mache ich keine Pause, sondern das Training geht gleich weiter, vor allem im Kraftbereich wird noch viel investiert. Ende Monat bin ich noch in Lugano an zwei Rennen, was dann auch meinen Saisonabschluss bildet. Geplant ist, dass die Saison dann um Ostern rum wieder startet, da wird dann die Weltmeisterschaft in Kanada sein und wir steuern natürlich auch Paris 2024 an, wofür ich genau so hart arbeiten werde wie für die Paralympics Tokio.»

Linda Barberi, Linth24