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Sport
07.09.2021

Olympia-Tagebuch: Besuch im olympischen Dorf

Tagebucheintrag Nr. 8: Sandra Stöckli über ihre letzten Tagen in Tokio und die Ankunft in der Schweiz.
Tagebucheintrag Nr. 8: Sandra Stöckli über ihre letzten Tagen in Tokio und die Ankunft in der Schweiz. Bild: Facebook, Sandra Stöckli
Die Rapperswiler Athletin Sandra Stöckli hat die Paralympics bereits hinter sich. Sie durfte noch das olympische Dorf erkunden, ehe sie eine emotionale Rückreise antrat.
  • Tagebucheintrag von Sandra Stöckli

«Am letzten Mittwoch hatte ich meinen letzten Wettkampf, wo ich den 9. Rang erreichte. Am Abend haben wir noch nicht gross gefeiert, da am nächsten Tag für ein paar Athleten noch das Team-Rally anstand. Obwohl ich todmüde war, konnte ich überhaupt nicht schlafen, ich bin noch dermassen auf Hochtouren gelaufen. Der Mittwoch war ein extrem emotionaler Tag – für mich waren es fast zu viele Eindrücke und Emotionen, so konnte ich nur etwa eineinhalb Stunden schlafen. Doch auch meinen Teamkollegen und meiner Konkurrenz ging es gleich, was ja auch verständlich ist nach so einem Wettbewerb.

Von der Athletin zum Staff

Am nächsten Tag fuhr ich nochmals 1 Stunde auf dem Velo auf den Rollen, um einfach nochmals auszufahren. Es war eine supertolle Stimmung, denn nun war alles ein wenig entspannter. Danach nahm ich meine zwei Velos auseinander und verstaute sie in den Boxen. Da ein paar andere Athleten beim Team-Rally mitmachten und ich nicht, durfte ich in die Rolle des Staff schlüpfen, was natürlich ein interessanter Wechsel war. Meine Aufgabe war es zu erkennen, wann die Schweizer im Rennen kommen und in welchem Abstand. Obwohl es geregnet hat was das Zeug hält, hat es sehr viel Spass gemacht.

Übernachten im olympischen Dorf

Wir stellten uns eigentlich darauf ein, dass wir im Paracycling Hotel bleiben bis am Samstag und dann zurückfliegen. Unser Nationaltrainer verkündete dann, dass er sich ordentlich ins Zeug gelegt hat, so dass wir einen Tag und eine Nacht im olympischen Dorf verbringen durften – ich sprudelte vor Freude und war extrem dankbar, dass uns das ermöglicht wurde. 

Empfang von der Schweizer Delegation

Voller Vorfreude standen wir also am Freitagmorgen früh mit unserem Gepäck vor unserem Hotel, doch es kam einfach kein Bus. So haben wir kurzerhand Taxis bestellt und fuhren gut zwei Stunden von Fuji zum Olympic Village. Die Ankunft war sehr, sehr nass, es hat nur geregnet. Wir wurden superfreundlich mit viel Applaus von der Schweizer Delegation empfangen und freuten uns, die anderen Sportler wie Marcel Hug, Catherine Debrunner, Nora Meister und noch mehr zu sehen.

Riesiger Essenspalast

Zuerst füllten wir uns unsere Mägen im Essenspalast. Eine riesige Halle mit einem Stand nach dem anderen und ganz viel unterschiedlichem Essen – auch speziell zubereitete Gerichte für die unterschiedlichen Religionen. 

Entdeckungsreise durchs olympische Dorf

Nachdem wir Velofahrer unsere Mägen gefüllt haben, gingen wir los auf Entdeckungsreise durch das olympische Dorf. Ich kann gar nicht alles aufzählen, was man da vorfand: Es gab eine riesige Spielhalle mit Dartscheiben, PlayStation, Boccia oder Pingpong, dann gab es ein Areal für die Entspannung mit Massagestühlen, es gab auch ein spezielles Restaurant mit einheimischen Essen, es gab Salons für Haare und Nägel, natürlich auch Souvenirshops oder auch ein Medical Center mit Zahnarzt, Röntgengeräten, Hals-Ohren-Ärzten, Gynäkologen – ein ganzes Spital.

Japanische Kriegsschiffe

Das Dorf grenzte ans Wasser an und dort sah man auch die japanischen Kriegsschiffe, welche für die Sicherheit des Dorfes sorgten. Was ebenfalls sehr eindrücklich war, waren all die aufgehängten Fahnen der verschiedenen Nationen, wo ich sehr stolz vor der Schweizer Flagge ein Foto machte. Wir Schweizer Velofahrer hatten riesig viel Spass miteinander und es war ein richtig schöner Abschlusstag nach den Paralympics.

Emotionale Heimreise

Am Samstag traten wir dann die Heimreise an und das war wirklich ein spezielles Gefühl. Man arbeitet so lange auf die Paralympics hin und dann sind sie so schnell wieder vorbei. Als ich im Flieger sass Richtung Heimat hörte ich Musik, schaute aus dem Fenster raus und liess mir alles durch den Kopf gehen – da liefen schon ein paar Tränen die Wangen runter. Natürlich hauptsächlich von den positiven Emotionen, aber auch von ein paar negativen: Hätte es nämlich keine Klassenzusammenlegung gegeben, so wäre ich mit zwei Medaillen im Flieger gesessen... Das war schon recht hart für mich. Ändern kann man halt nichts – und die positiven Emotionen überwiegen natürlich. Der Empfang in Zürich war herzerwärmend, die Leute applaudierten uns, schwenkten Kuhglocken und heissten uns wieder ganz herzlich zurück in der Heimat.

«Best Team Ever»

Mittlerweile bin ich zuhause und habe mich durch einen riesigen Wäscheberg gekämpft und ich muss sagen, ich vermisse mein ganzes Team wirklich sehr fest. Ich bin ja schon mehrere Weltmeisterschaften gefahren und ich kann sagen, dass ich noch nie ein solch sensationelles Team und Staff mit einer solch guten Stimmung hatte – das vereinfacht natürlich vieles, denn man kann noch so viel trainieren, wenn das Team und Staff nicht stimmt, dann kann man die Leistung nicht abrufen.»

Am Dienstag 7. September 2021 von 18:30 bis ca. 19:30 Uhr wird Sandra Stöckli bei der Quartierinsel (Jonaport, Zentrum Jona) öffentlich empfangen und berichtet von ihren Erlebnissen.

Linda Barberi, Linth24