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Rapperswil-Jona
04.07.2020
05.07.2020 15:06 Uhr

Rapperswils Blütezeit unter den Habsburgern

Die Pfarrkirche Maria Himmelfahrt in Jonas Ortszentrum.
Als die Stadt Rapperswil im Mittelalter gegründet wurde, trug ein anderer Ort der Region denselben Namen. Und Jona, einst armes Untertanengebiet, sollte die Stadt später übertrumpfen.

Im Zuge der alemannischen Migration um 600 nach Christus entstanden in der näheren Umgebung Kempratens (mindestens) fünf weitere kleine Weiler. Zwei davon wollen wir hier genauer betrachten.

Vom Gewässer zur Ortschaft

Auf die Sesshaftwerdung der Alemannen deutet eine frühe Urkunde von 834. Sie erwähnt den Gutsbesitzer Cunzo sowie dessen Familie, die ihren Besitz, unter anderem super Iohannam fluvium «am Fluss Jo(han)na» gelegen, dem Kloster St.Gallen übertragen wollen.

Dieselbe Kirche vom Kirchhügel (l.) aus gesehen. Sie wurde auf einem Felsen errichtet.

In den folgenden Jahrhunderten fliessen die Quellen nur spärlich. Doch ist anzunehmen, dass sich ein Bauern-Dorf nahe der Jona entwickelte. 1260 war ein Pfarrer Cůno aus Jonun verbürgt; offensichtlich hatte die Siedlung den Namen des Flusses übernommen. Kurz zuvor war auch die Gründung der Stadt Rapperswil erfolgt, deren Grafen den Einflussbereich rasch auf das Umland mit Jona ausweiteten. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts mehren sich die Belege des Ortsnamens: in Ion (1275), Bartholomeus von Jône (1295), der kilkenherro von Jonen (1298). Der Flussname erscheint seltener: ein akker stosst an du Jonan (1376). Ab dem 14. Jahrhundert finden wir Jonen für Siedlung und Gewässer.

In der Zwischenzeit war das Rapperswiler Geschlecht erloschen und ihre Herrschaft an die Habsburger gefallen. Jonan (1383) und seine Umgebung bildeten das bäuerliche Untertanenland der Stadt Rapperswil. Dieser Zustand dauerte bis zur wirtschaftlichen und kirchlichen Loslösung von Jona 1803 an.

Der Ort blieb bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine mehrheitlich bäuerlich geprägte Gemeinde, entwickelte sich nach dem 2. Weltkrieg zu einem Wohn-, Gewerbe- und Industrieort. Vor der Fusion im Jahr 2007 mit Rapperswil war Jona die zweitgrösste und finanzkräftigste Gemeinde des Kantons geworden.

Der Fluss Jona entspringt im Kanton Zürich und fliesst durch das Stadtgebiet.

Obwohl der Flussname zuerst bei den Alemannen bezeugt ist, dürfte er durchaus vor-alemannischer Herkunft sein: Althochdeutsch *Jōna (Dativ *ze Jōnūn «an/bei der Jona») stellt vermutlich eine Entlehnung aus keltisch (gallisch?) *yownā «sich Bewegende» oder «Weg, an dem man entlang gehen kann» dar. Von derselben Vorform lässt sich auch der Aargauer Ortsname Jonen herleiten.

Weiler mit Berner Zwillingsort?

Am nördlichen Obersee-Ufer gründeten die Alemannen ebenfalls eine Siedlung. Ihr Name lautete auf Althochdeutsch *Bollingun (o.ä., Dativ Plural) «bei den Angehörigen des Bollo». Der zugrundeliegende Personenname Bollo ist eine Koseform und lässt sich einerseits zum Wort für Bruder (oder Buhle?), andererseits zum Männernamen Bodilo (verwandt mit gebieten) stellen. Einen vielleicht identisch gebildeten Ortsnamen sieht man in Bolligen bei Bern.

Bereits in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts ist die Rede von Pauliniago, 1127 von Bolle. Eine Urkunde von 1229 bezeugt eine ecclesiam in Bollingen «eine Kirche in Bollingen». Die weitere Geschichte des bis heute ländlich geprägten Weilers ist eng mit jener Jonas verknüpft.

Herren vom anderen Ufer, wörtlich

Rapperswils Namensgeschichte begann auf der anderen Seite des Obersees. Auch in der March hatten sich Alemannen niedergelassen. Einer ihrer Orte erschien 972 auf einer Urkunde als Rahprehtesuuilare: «Rapperswil». Die Bezeichnung reflektierte althochdeutsch *Râtprëhtswîlari (o.ä.) «Gehöft des Ratprecht», zusammengesetzt aus dem Männernamen *Râtprëht (rât «Rat, Mittel», brëht «glänzend, hell») und wîlari, ursprünglich mittellateinisch villare «Gehöft». Zum besagten Ort – heute Altendorf SZ – gehörte eine Burg auf einem Hügelvorsprung. Sie war Stammsitz der Edlen von Rapperswil.

  • Der längliche Schlosshügel ist der älteste Teil der im Mittelalter gegründeten Stadt Rapperswil.
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  • Die befestigten Mauern auf dem Schlosshügel stehen teilweise noch heute.
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Gegen 1200 wurde der Gotthard passierbar; das zu erwartende Transitaufkommen versprach Profit. Daher verlegten die Rapperswiler ihren Sitz ans andere Seeufer, auf einen verkehrstechnisch günstigen Felssporn über der Kempratner Bucht. Dort errichteten sie eine Burg und eine befestigte Siedlung: ihr Neu-Rapperswil. Die cives de Ratprehtswilêr «Bürger von Rapperswil» wurden 1229 erstmals erwähnt. Rasch erstreckte sich das Herrschaftsgebiet der Grafen von Raprehswile zwischen der Innerschweiz und dem Zürcher Oberland.

Nach dem Aussterben der Edlen von Rapperswil zu Beginn des 14. Jahrhunderts gelangte Raperswile (1323) schliesslich an die Habsburger. Unter ihnen wurde die Selbstverwaltung der Stadtbürger gestärkt und eine Holzbrücke über die See-Enge errichtet. Verkehr, Wirtschaft und Kultur erlebten in Rapperschwil (1364) einen Aufschwung, was weitere Privilegien nach sich zog.

Nach einer Phase der Krise und Isolation wandte sich Raperßwil in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts den Eidgenossen zu, wurde aber nicht zum vollberechtigten Ort. Der Stadtstaat versuchte vergeblich, diesen Status durch geschicktes Taktieren bei Konflikten zu erlangen. Im 18. Jahrhundert lähmten politische und gesellschaftliche Zerfallsprozesse Rapperswiel. Die strukturelle Neuordnung nach der helvetischen Revolution 1798 wirkte befreiend und bereitete den Boden für die Industrialisierung und die künftige Entwicklung der Stadt.

Erläuterungen

*: eine unbezeugte, aber erschliessbare Form.

Alemannen: ein deutschsprachiger Stamm der Germanen.

Althochdeutsch: die Vorstufe der jetzigen deutschen Sprache.

Gallisch: die Sprache der antiken Kelten in weiten Teilen der Schweiz.

Mittellateinisch: die im Mittelalter gebräuchliche Form des Lateins.

Ressourcen

ortsnamen.ch: www.ortsnamen.ch

Historisches Lexikon der Schweiz (HLS): hls-dhs-dss.ch

Greule, Albrecht: Deutsches Gewässernamenbuch. Etymologie der Gewässernamen und der dazugehörigen Gebiets-, Siedlungs- und Flurnamen. Unter Mitarbeit von Sabine Hackl-Rößler, Berlin/Boston 2014: Walter de Gruyter.

Niemeyer, Manfred (Hrsg.): Deutsches Ortsnamenbuch, Berlin/Boston 2012: Walter de Gruyter.

Stefan Knobel, Linth24