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Rapperswil-Jona
28.06.2020
29.06.2020 18:10 Uhr

Aus Rapperswil-Jonas reicher Frühgeschichte

Über Rapperswil thront das mittelalterliche Schloss, eine der Sehenswürdigkeiten.
Die Vergangenheit der Rosenstadt reicht weit zurück – bis in die Jungsteinzeit – und präsentiert sich überraschend vielfältig.

Die Gemeinde Rapperswil-Jona bildet den westlichsten Ausläufer des Kantons St.Gallen. Sie umfasst eine Halbinsel und deren Umland, nahe der engsten Stelle des Zürichsees, an verkehrstechnisch günstiger Lage. Mit über 27'000 Einwohnern ist die Stadt heute zweitgrösster Ort im Kanton. Sie punktet jedoch nicht nur als attraktive und finanzstarke Wohngemeinde, sondern auch als Wirtschaftsstandort, Dienstleistungszentrum, Verkehrsknotenpunkt und mit einer technischen Hochschule (HSR).

Eine wichtige Rolle spielt auch der Fremdenverkehr: Zu den Sehenswürdigkeiten zählen neben Knies Kinderzoo das mittelalterliche Schloss und die malerische Altstadt. Beide sind Zeugen einer reichen Ortsgeschichte, deren Anfänge – wie wir noch sehen werden – sehr weit zurückreichen.

Der vor zwanzig Jahren errichtete Holzsteg verläuft unweit seiner historischen Vorgänger.

Eine Beilwerkstatt, Holzstege und ein Vicus

Bereits zur Jungsteinzeit (Neolithikum) liessen sich Menschen hier an der Uferzone des Sees nieder. So stiess man im Seegubel auf das Lager einer Beilwerkstatt aus dem dritten vorchristlichen Jahrtausend. Auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt, am Grund des Obersees bei der Hochschule für Technik, liessen sich die Reste einer regional bedeutenden Siedlung und eines Holzstegs über die See-Enge nachweisen. Sie datieren aus dem bronzezeitlichen 17./16. Jahrhundert vor Christus.

Vor der Zeitenwende legten Kelten der Eisenzeit mehrere Körpergräber bei Kempraten an. Ihr Territorium geriet später, nach der Niederlage im gallischen Krieg (58–52 v. Chr.), unter römische Herrschaft.

Die Römer bauten zunächst die Verkehrswege aus, um ihr expandierendes Reich und dessen Grenzen militärisch zu sichern. Ab dem 1. Jahrhundert kreuzten sich in Kempraten wichtige Landstrassen in Richtung Bündner Pässe/Italien, Zürich/Mittelland und Winterthur/Bodensee, während ein Holzsteg über die See-Enge führte. Für den Verkehr zu Wasser bot sich Kempraten ebenfalls als Etappenort und Umladestation an.

  • Die restaurierten Mauerreste des römischen Forums in Kempraten.
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  • Das Forum war das Herz des römischen Vicus. Hier wurde Handel getrieben und politisiert.
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Wohl aus diesen Gründen errichteten die Römer an der Kempratner Bucht einen Vicus, eine kleinstädtische Siedlung. Sie fungierte als regionales Verwaltungs- und Handelszentrum.

Der römische Vicus in Kempraten verfügte über einen Hafen, mehrere Tempel und ein Forum, das als Marktplatz diente. Ausserdem lassen sich verschiedene Betriebe nachweisen, unter anderem eine Töpferei und eine Schweinezucht. An mehreren Stellen befanden sich Wohnhäuser, deren teilweise mediterraner Baustil mit Innenhöfen, Säulengängen und Wandmalereien auf einen hohen Romanisierungsgrad und wirtschaftliche Potenz der Bewohner hindeutet.

Nach einer zwischenzeitlichen Blüte erlebte der Kempratner Vicus eine längere Phase der politischen Instabilität. Dies führte schliesslich zur Aufgabe der Siedlung im 4. Jahrhundert.

Der Name ist eine Knacknuss

Die römischen Ruinen wurden im Frühmittelalter von den eingewanderten Alemannen als Friedhof genutzt. Erst in dieser Epoche wird auch der Siedlungsname sicher fassbar: Centoprato, Centoprata (um 740), später Centipratis (863). Der alemannische Weiler wurde im Hochmittelalter in die Herrschaft der Herren von Rapperswil integriert und hiess Chendibrâton, Kentbraten. 1335 finden wir dann erstmals die Variante Kempraten.

Der Ort blieb lange ländlich geprägt und entwickelte sich, mittlerweile als Ortsteil Jonas, in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts dank der reizvollen Lage und tiefen Steuern zum gehobenen Wohnquartier.

Blick auf eine noch unbebaute Wiese bei Kempraten an einem nebligen Tag im Spätherbst.

Die genaue Deutung des sicherlich vordeutschen Ortsnamens ist ungeklärt. Wir beschränken uns auf eine Auflistung der gängigsten Vorschläge:

  • Lateinisch *Centum Prata «hundert Wiesen», sachlich angemessen, war lange Zeit der Favorit, doch könnte hier eine frühmittelalterliche, halbgelehrte Umdeutung eines älteren Namens vorliegen.
  • Gallisch *Candibrodunum oder *Cantabrodunum, jeweils mit Hinterglied *dunon, latinisiert *dunum «Zitadelle, Burg». Vorne könnte letztlich *kando- «weiss, glänzend» stecken, vgl. bretonisch cann «weiss». Alternativ käme *canta «Kreis, Schleife» in Frage, unter anderem fortgesetzt im Ortsnamen Chantes (Haute-Saône, Frankreich). Die französische Ortschaft liegt an einer Flussschleife. Hingegen wäre in unserem Fall an die Zürichsee-Bucht bei Kempraten zu denken.

An dieser Stelle legen wir eine kurze Verschnaufpause ein. Lesen Sie nächste Woche die Fortsetzung mit der (Namens-)Geschichte dreier anderer Ortsteile Rapperswil-Jonas.

Erläuterungen

*: eine unbezeugte, aber erschliessbare Form.

Gallisch: die Sprache der Gallier, der antiken Kelten in weiten Teilen der Schweiz und Frankreichs.

Bretonisch: eine keltische Sprache in der Bretagne, an der nordwestlichen Atlantikküste Frankreichs.

Alemannen: ein deutschsprachiger Stamm der Germanen.

Literatur

ortsnamen.ch: www.ortsnamen.ch

Historisches Lexikon der Schweiz (HLS): hls-dhs-dss.ch

Ackermann, Regula: Der römische Vicus von Kempraten, Rapperswil-Jona. Neubetrachtung anhand der Ausgrabungen Fluhstrasse 6-10 (2005-2006), St. Gallen 2013 (Archäologie im Kanton St. Gallen 1).

Delamarre, Xavier: Dictionnaire de la langue gauloise. Une approche linguistique du vieux-celtique continental. 2e édition revue et augmentée, Paris 2003: éditions errance.

Stefan Knobel, Linth24