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Rapperswil-Jona
21.12.2020
21.12.2020 15:05 Uhr

Dubios: Aus Pflegeabteilung im Porthof wird Kindergarten

Der ehemalige Leiter der Rapperswil-Joner Betagteneinrichtungen RaJoVita, Christoph Künzli, kritisiert die Stadtführung
Rapperswil-Jona macht kurz vor Bauende des Alterszentrums im Porthof aus der Pflegeabteilung einen Kindergarten. Ein verstörender Akt. Und eine vernichtende Kritik des Ex-RaJoVita-Leiters.
  • Bericht und Kommentar von Bruno Hug

Anfang 2020 hat der Stiftungsrat der RaJoVita unter Präsident Daniel Lätsch den bewährten und geschätzten Leiter der Rapperswil-Joner Betagteneinrichtungen, Christoph Künzli, entlassen. Die Hintergründe blieben mehrheitlich im Dunkeln. Bekannt wurde einzig, dass sich der bewährte RaJoVita-Leiter Künzli stark gegen die von Stadtpräsident Martin Stöckling geforderte, private Finanzierung des Altersheims Schachen gewendet hatte. (Artikel dazu: Entlassung, Brisanter Brief, Brisante Aussagen).

Harsche Kritik an Zick-Zack-Politik

In der Linth24 zugestellten Stellungnahme äusserst sich Christoph Künzli zur fragwürdigen Konzeptänderung in der Alters-Politik. Er bezieht sich dabei auf die am 18. Dezember 2020 verschickte städtische Medienmitteilung. Darin hiess es, dass die sich mitten im Bau befindende erstellte Pflegewohnungs-Abteilung mit 19 Betten im neuen Alterszentrum Porthof nicht realisiert werde. Stattdessen will der Stadtrat darin einen Kindergarten stationieren. Warum genau, bleibt im Nebel der städtischen Kommunikationskunst hängen.

Wegweisendes Projekt zunichte gemacht

Mit der Versenkung des Pflegetrakts sei «die Arbeit von acht Jahren und ein wegweisendes Konzept zunichte gemacht worden», sagt Ex-RaJoVita-Leiter Christoph Künzli. Verlierer seien das Alterszentrum Porthof und die darin dereinst wohnenden rund 150 älteren Menschen.

In dieser Stadt sei man sich zwischenzeitlich an ein galoppierendes Polit-Zick-Zack gewohnt. Man müsse «fast ohnmächtig zuschauen», wenn leichtfertig Entscheidungen in der Altersarbeit durch «Pseudoexperten mit militärischer Kasernen-Vergangenheit» kommentiert würden. Womit Künzli auf den heutigen Stiftungspräsidenten und Ex-Militär-Brigadier Daniel Lätsch zielt.

In der Folge fasst Linth24 Künzlis Kritik an der Nicht-Realisierung der Pflegeabteilung im Porthof zusammen. Den detaillierten Brief finden Sie hier:

Pflege bis ans Lebensende – das war einmal

Künzli schreibt, dass das Alters-Konzept im Jahr 2012 verabschiedet worden sei. Darin war vorgesehen: «Wohnen mit Service» von zusätzlichen fast 100 Wohnungen bis 2025. 50 bis 60 Wohnungen auf dem Areal Porthof und die restlichen im Schachen. Im Plan enthalten war auch eine Pflegeabteilung mit 19 Betten im Porthof.

Das Ziel war, möglichst vielen Menschen selbständiges Wohnen bis ans Lebsensende durch Services rund um die Uhr und an 365 Tagen zu ermöglichen. Dazu war die geplante Pflegeeinheit elementar – was schweizweit anerkannt und überall umgesetzt wird.

«Rund-um-die-Uhr-Pflege» wird ausgehebelt

Nun aber will die Stiftung RaJoVita die bestellte und fast fertig gebaute Pflegeeinheit «aus was für Gründen auch immer» nicht mehr mieten. Statt einer Pflegeeinheit soll dort nun ein Kindergarten entstehen. Künzli betitelt diese Umpolung als «Schildbürgerstreich». Mit diesem werde die «Rund-um-die-Uhr-Pflege» für die 150 älteren Bewohner einfach ausgehebelt.

Finanzierbarkeit der Langzeitpflege

Die Finanzierbarkeit der Langzeitpflege sei in erster Linie abhängig vom Betreiber. Offenbar drückte hier ein zu erwartendes Defizit von jährlich 250'000 Franken auf das Gemüt der Stadtpolitiker. Statt andere Betreiber zum Zuge kommen zu lassen und bessere Finanzierungsmodelle zu suchen – offenbar machte dazu auch Ex-RaJoVita-Leiter Künzli ein Angebot –, versenkte der Stadtrat das sinnvolle Altersprojekte in «einer Machtdemonstration», gepaart mit «Arroganz». «Und das nach acht Jahren Vorarbeit und kurz vor Bauvollendung», wie Künzli ausführt. Verlierer seien die älteren Menschen, denn keine mobile Dienstleistung ersetze die schon gebaute Pflegeeinheit im Haus.

Unsägliche Verstrickungen

Künzli macht für die dubiose «Nacht- und Nebelaktion» auch die vielen personellen Verstrickungen in der Stadt verantwortlich. Im Stiftungsrat von RaJoVita sitzen die auswärtigen Susanne Hofer und Andreas Paintner. Beide seien erfahrene Altersspezialisten und hätten das Porthof-Projekt gekannt und für sehr gut gehalten. Offenbar aber mussten sie das Spiel der Stadtoberen als zugezogene Spezialisten mitmachen.

Auch der für das Alter im Stadtrat zuständige Luca Eberle musste beim trüben Spiel offenbar mitspielen. Er habe «aus der Not eine Tugend gemacht» und realisiere im Alterszentrum (!) – als SP-Mann – lieber einen Kindergarten, als dass er sich für die Pflegeeinheit eingesetzt habe.

2.5-Millionen-Legat auf dem Spiel?

Auch Stiftungspräsident Daniel Lätsch habe das Projekt Pflegeeinheit bestens gekannt, versuche aber stets, «die Wünsche seines Parteikollegen Martin Stöckling umzusetzen». Er müsse bei jedem Thema beim Stadtpräsidenten antreten. Selbst als sich Ex-RaJoVita-Mann Künzli bei Lätsch über ein Legat von über 2,5 Millionen Franken erkundigt habe, hätte sich dieser bei Stöckling rückversichern müssen. Interessant sei nun, wie mit dem zweckgebundenen Erbe umgegangen werde, wenn die Pflegewohnungen nicht umgesetzt werde, schreibt Künzli zum brisanten Thema noch.

Weitere Stadträte verärgert

Im Stiftungsrat der Alterswohnungen Jona würden die beiden Stadträte Tanja Zschokke und Ueli Dobler einsitzen. Es sei bekannt, dass ihr Gremium über den Rückzug von RaJoVita verärgert sei. Insbesondere, da der Bau im Porthof weit fortgeschritten sei. Dabei sei klar: Jeder private Träger hätte für die Pflegeabteilung einen neuen Betreiber gesucht. Aber eben: Der (dubiose) Bau eines Kindergartens erhielt den Vorzug!

Pflegezentrum Schachen

Künzli bilanziert: «Mit der Finanzierung des Pflegezentrums Schachen muss eine öffentliche Diskussion zur Altersarbeit stattfinden. Es darf nicht sein, dass zukunftsweisende Lösungen kurz vor Bauvollendung gestrichen werden. Und keiner sich dafür einsetzt, dass Wort gehalten wird.»

Der «willkürliche und unglaubwürdige Zick-Zack-Politik» der Stadtführung, in dem «Möchte-gerne-Experten wie Pilze aus dem Boden schiessen» würden, sei deprimierend, so Alters-Spezialist Christoph Künzli gegenüber Linth24. Es sei «an der Zeit», dass sich «in dieser Stadt endlich eine überparteiliche Bewegung» formiere.

Kommentar: «Möchte-gern-Experten» rund um die Verwaltung

Wie in dieser Stadt ein sinnvolles Alterskonzept aus nebligen Gründen versenkt wird und offenbar auch noch Sparmassnahmen im Spiel sind – während die Stadt, zum Beispiel im Grünfeld ungeniert Land für Millionen verschenkt –, macht perplex.

Mich erschreckt auch die Aussage des Ex-RaJoVita-Leiters, dass «Möchte-gern-Experten wie Pilze aus dem Boden schiessen». 
Das passt zu einer Aussage einer Führungsperson aus dem Stadthaus, die mir gegenüber letzthin ausführte: «Die Bürger müssten einmal wissen, wie der Stadtrat und der Stadtpräsident praktisch für jedes Thema Experten engagieren und Gutachten in Auftrag geben.»

Die Geschäftsprüfungskommission täte gut daran, den Stadtrat aufzufordern, in der nächsten Jahresrechnung alle Aufwendungen für Expertenberichte und Gutachten offenzulegen.

Bruno Hug, Linth24