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29.03.2022

CO₂-Kompetenzzentrum bei KVA Linth eröffnet

Ein Pionierprojekt bei der KVA Linth in Niederurnen soll landesweit nutzbares Know-how hinsichtlich CO₂-Abscheidung aufbauen.
Ein Pionierprojekt bei der KVA Linth in Niederurnen soll landesweit nutzbares Know-how hinsichtlich CO₂-Abscheidung aufbauen. Bild: zvg
Bei der KVA Linth entsteht ein CO₂-Kompetenzzentrum, das die Grundlagen für die erste Schweizer Abscheidungsanlage erarbeitet. Anfallendes Kohlendioxid soll künftig genutzt oder gespeichert werden.

Im Januar 2021 hat der Bundesrat die langfristige Klimastrategie für die Schweiz veröffentlicht, wonach die Schweiz bis 2050 unter dem Strich keine Treibhausgase mehr ausstossen soll. In diesem Dokument wird aufgezeigt, wie die Schweiz ihren Beitrag zu den international vereinbarten Zielen zur Reduktion der Klimagase erreichen will.

Diese Strategie basiert u.a. auf dem Konzept «Netto-Null» und legt für die einzelnen Sektoren die zu erreichenden Ziele fest. Mit dem Ziel «Netto-Null» wird dem Umstand Rechnung getragen, dass sich auch im Jahre 2050 nicht alle CO₂-Emissionen vermeiden lassen. So zum Beispiel in der Landwirtschaft, bei der Zementherstellung oder bei der thermischen Abfallbehandlung. Die zu diesem Zeitpunkt noch ausgestossenen CO₂-Emissionen müssen vollständig und dauerhaft mittels Senken (negativen Emissionen) der Atmosphäre entzogen werden.

Neben den sehr grossen Herausforderungen zur Reduktion der CO₂-Emissionen aus den Brenn- und Treibstoffen stellen die Kehrichtverwertungsanlagen wichtige Schlüsselelemente zur Erreichung der vorgegebenen Ziele dar.

CO₂-Kompetenzzentrum in Niederurnen

Am Standort der KVA Linth in Niederurnen entsteht ein CO₂-Kompetenzzentrum. Zweck dieses Zentrums ist es, eine CO₂-Abscheidungsanlage zu bauen und zu betreiben. Das CO₂ wird dabei direkt aus den Abgasen der KVA Linth gewonnen. Anschliessend kann das CO₂ wiederverwendet werden – etwa für synthetische Treibstoffe –, oder es wird sicher, lokal bei der Herstellung von Beton aus dem Rückbau eingebunden oder in internationalen, unterirdischen Lagerstätten gespeichert. Dieser Prozess wird CCS genannt, kurz für «Carbon Capture and Storage».

Kehrichtverwertungsanlagen sind für die CO₂-Abscheidung besonders gut geeignet, da sie eine grosse Quelle von CO₂ darstellen. Zudem steht die Energie, die für den Abscheidungsprozess benötigt wird, durch die thermische Verwertung des Abfalls bereits zur Verfügung. Dass die Abgasreinigungen der Anlagen bereits eine sehr hohe Qualität aufweisen, ist ebenfalls eine gute Voraussetzung.

Mit Anlage CO₂-Negativemissionen erreichbar

Die Hälfte des CO₂, das eine Kehrichtverwertungsanlage ausstösst, ist biogenen Ursprungs (z.B. von Holzabfällen oder Küchenresten) und damit klimaneutral. Wenn man dieses CO₂ nun ebenfalls abscheiden und unterirdisch speichern kann, können negative Emissionen generiert werden: Rein rechnerisch wird mehr CO₂ eingespart als ausgestossen.

Die CCS-Technologie ist deshalb ein entscheidendes Element, um die Klimaziele 2050 des Bundes mit «Netto-Null» Treibhausemissionen zu erreichen Aus diesem Grund hat der Bund mit dem Dachverband der Betreiber Schweizer Abfallverwertungsanlagen (VBSA) eine Zielvereinbarung geschlossen, wonach bis im Jahr 2030 mindestens eine CO₂-Abscheidungsanlage in Betrieb sein muss. Als längerfristiges Ziel soll die Branche bis im Jahr 2050 3.6 Millionen Tonnen CO₂-Emissionen einsparen.

Ziel ist eine flächendeckende CO₂-Abscheidung

Mit der Gründung des CO₂-Kompetenzzentrums in Niederurnen wird die KVA Linth nun zu einem Entwicklungsstandort für die ganze Schweiz. Ziel ist es, naturwissenschaftliches und technisches Know-how zur CO₂-Abscheidung zu gewinnen und dieses Wissen der ganzen Abfallverwertungsbranche sowie ähnlich gelagerten Branchen landesweit zur Verfügung zu stellen. Auf dieser Basis soll dann eine gesamtheitliche Beurteilung für eine flächendeckende CO₂-Abscheidung in der Schweizer Abfallbranche möglich sein, sowohl aus ökologischer als auch aus ökonomischer Perspektive.

Das CO₂-Kompetenzzentrum wurde am 28. März 2022 in Anwesenheit der Regierungsräte Kaspar Becker (GL) und Dr. Martin Neukom (ZH), Frau Andrea Burckhardt, Abteilungschefin Klima BAFU, und Dr. Robin Quartier, Geschäftsführer VBSA, eröffnet und ist vorerst auf vier Jahre ausgelegt. Bis dahin sollen alle Grundlagen beisammen sein, um über eine Investition in eine CO₂-Abscheidungsanlage bei der KVA Linth entscheiden zu können. Betrieben wird das Projekt von der Stiftung Zentrum für nachhaltige Abfall- und Ressourcennutzung (ZAR). Finanziert wird es durch das Bundesamt für Umwelt (BAFU), den Branchenverband VBSA, die Stiftung für ein starkes Glarnerland der Glarner Kantonalbank, die KVA Linth sowie den Zweckverband Kehrichtverwertung Zürcher Oberland (KEZO) in Hinwil. Das Zentrum wird geleitet von Walter Furgler, Geschäftsführer der KVA Linth.

Logistische und politische Herausforderungen

In den kommenden vier Jahren wird das Team verschiedene Arbeitsschritte durchführen. Dazu gehören unter anderem der Aufbau des Kompetenzzentrums und eines verlässlichen Umwelt-Monitorings. Die Abgasreinigung und die Abwärmenutzung werden optimiert. Weiter wird das Team mögliche Absatzkanäle für das abgeschiedene CO₂ evaluieren und logistische Fragen klären, etwa was den Abtransport des CO₂ angeht. Zudem sind diverse Abklärungen zum Bewilligungsverfahren nötig.

Um CCS ganzheitlich umsetzen zu können, gibt es auch punkto Speicherung noch diverse logistische und politische Herausforderungen. So muss beispielsweise eine Transport-Infrastruktur in der Schweiz und in Europa aufgebaut werden. Für den Export und die Speicherung von CO₂ im Ausland sind zudem entsprechende politische und rechtliche Rahmenbedingungen notwendig. An entsprechenden Lösungen arbeiten zurzeit der Branchenverband VBSA und die ETH Zürich, mit Unterstützung von verschiedenen Verbänden, Kantonen und dem Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK). Das CO₂-Kompetenzzentrum in Niederurnen konzentriert sich derweil auf den ersten Teil des CCS-Prozesses, sprich die CO₂-Abscheidung direkt in der KVA Linth.

CO₂-Abscheidung und Abfallvermeidung

Zu Recht wird bei der Präsentation einer neuen Technologie immer auch die Frage aufgeworfen, braucht es das nun wirklich? Wäre da nicht das Vermeiden von Abfällen viel effizienter?

In der Tat ist die Vermeidung von Abfällen ein Gebot der Zeit. Doch der Anfall der von uns allen erzeugten Abfälle lässt sich nicht von den Abfallverwertungsanlagen steuern. Er ist geprägt von unserem Konsumverhalten, der Kurzlebigkeit der Produkte und dem Umstand, wie wir mit all unserem Hab und Gut umgehen. Abfallvermeidung und Wiederverwertung sind kein Widerspruch zur CO₂-Abscheidung in Kehrichtverwertungsanlagen. Um zu einem nachhaltigen, klimaverträglichen Umgang mit unseren Gütern zu kommen, braucht es zwingend beides.

Nach der Abscheidung des CO₂ direkt in der KVA Linth wird das Treibhausgas entweder wiederverwendet (CCU – Carbon Capture and Use) oder in internationalen, unterirdischen Lagerstätten gespeichert (CCS – Carbon Capture and Storage). Bild: KVA Linth
KVA Linth / Stiftung ZAR