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Kanton
23.11.2022
23.11.2022 10:17 Uhr

Welche Frau wird Ständerätin?

v.o.l.: Barbara Gysi (SP), Franziska Ryser (Grüne), Esther Friedli (SVP) und Susanne Vincenz-Stauffacher (FDP)
v.o.l.: Barbara Gysi (SP), Franziska Ryser (Grüne), Esther Friedli (SVP) und Susanne Vincenz-Stauffacher (FDP) Bild: zVg
Nach 36 Jahren im Bundesparlament tritt der St.Galler SP-Ständerat Paul Rechsteiner zurück. Wer tritt in die Fussstapfen? Bundeshaus-Experte Hanspeter Trütsch schätzt die Kandidatinnen ein.

Ständerat Paul Rechsteiners Rücktritt auf den 16. Dezember 2022 macht eine Ersatzwahl noch vor den Gesamterneuerungswahlen im Herbst 2023 erforderlich. Damit bringt der St.Galler seine politische Konkurrenz in die Bredouille – diese musste nämlich in aller Eile Kandidaten für seine Nachfolge suchen.

Und das hat sie getan: Für die SVP tritt Esther Friedli, für die SP Barbara Gysi, für die FDP Susanne Vincenz Stauffacher und für die Grünen Franziska Ryser an. stgallen24 hat Bundeshaus- und Politik-Experte Hanspeter Trütsch um eine Einschätzung gebeten.

Hanspeter Trütsch, haben Sie mit dem zu diesem Zeitpunkt doch überraschenden Rücktritt von Paul Rechsteiner gerechnet?

Der Rücktritt auf Ende der Legislatur war zu erwarten. Paul Rechsteiner gehört mit 36 Jahren in Bundesbern zur Seniorengilde. Nun tritt er bereits auf Ende Jahr zurück. Das war die eigentliche Überraschung und sorgt in den Parteizentralen für Hektik. Denn in den nächsten Monaten kommt es gleich zweimal zu Ständeratswahlen: zuerst die Ersatzwahl im März und dann die Erneuerungswahlen im Oktober.

Wie beurteilen Sie die Kandidatinnen generell?

Das Frauenquartett, das sich der Wahl stellt, ist einmalig und sorgt auch schweizweit für Aufsehen. Vier bestens qualifizierte Kandidatinnen stehen zur Auswahl, sie sind gut vernetzt, haben je ein klares politisches Profil, sitzen bereits im Nationalrat und haben sich in ihren Kernthemen längst einen Namen schaffen können.  Alle haben zweifellos das Profil zur Ständerätin. Aber im Moment ist nur ein Sitz zu vergeben. Kleiner Trost: Die drei Nichtgewählten erhalten mit ihrer Kandidatur eine gute Startrampe für die Nationalratswahlen im Herbst, und damit ist ihre Wiederwahl gesichert.

Fehlt aus Ihrer Sicht eine Kandidatin oder sogar ein Kandidat?

Nein, ich finde es gut, dass wirklich nicht auch noch die «Jositsch»-Nummer gespielt wird. St.Gallen kann es wirklich: vier Frauen treten an – das ist Frauenförderung nach St.Galler Art. Das traut man diesem doch eher konservativen Kanton eigentlich gar nicht zu.

Bild: zVg

Ihre Prognose zum Ausgang des ersten Wahlgangs?

Im ersten Wahlgang schafft keine der Bewerberinnen das nötige absolute Mehr. Ab jetzt gilt es ernst: Jetzt werden die Karten neu gemischt. Gemessen an der Parteistärke dürfte die SVP-Kandidatin gut abschneiden, links und grün konkurrenzieren sich und nehmen einander Stimmen ab und die FDP-Kandidatin landet im Mittelfeld. Dass sich die Mitte für eine Stimmfreigabe entschieden hat, macht die Ausgangslage noch etwas ungewisser.

Wer wird nach Ihrer Einschätzung nach dem zweiten Wahlgang neue Ständerätin?

Ständeratswahlen sind Persönlichkeitswahlen. Für den zweiten Wahlgang wird links-grün nur noch mit einer Kandidatin antreten. Entscheidend ist in allen Lagern die Mobilisierung. Und vor allem: Wohin gehen die Stimmen der Mitte und der GLP? Tendenziell wohl zugunsten der FDP-Kandidatin – weil die Mitte mit Ständerat Beni Würth im Herbst auch auf die Stimmen der FDP angewiesen ist, dürfte man sich gegenseitig unterstützen. So unter dem Motto «das bürgerliche Doppel» – und die Wahl schaffen.

Klar ist: Wir wissen erst nach dem zweiten Wahlgang am 30. April, welche Frau künftig den Platz von Paul Rechsteiner einnehmen wird. Die neue Ständerätin wird frühestens in der Sommersession 23 ihr Amt antreten können; bis dahin bleibt der Sitz verwaist.

Der erste Wahlgang findet am 12. März 2023 statt, ein allfälliger zweiter Wahlgang am 30. April 2023.

Hanspeter Trütsch
Jahrgang 1953, lebt in St.Gallen, wo er auch die Schulen besuchte. Nach dem Betriebswirtschafts-Studium begann Trütsch seine Journalistenlaufbahn 1977 bei Schweizer Radio DRS. Nach einem Stage im Studio Zürich wechselte er zum Regionaljournal Ostschweiz. Von 1982 bis 1990 verlagerte sich das Tätigkeitsfeld von Hanspeter Trütsch ins Ressort «Innenpolitik/Wirtschaft» von Schweizer Radio DRS in Bern, in den Jahren 83 bis 89 berichtete er für das Radio aus dem Bundeshaus .

1990 wechselte er zum Schweizer Fernsehen als Ostschweiz-Korrespondent. 1996 wechselte er in die damalige SF-Bundeshausredaktion , die er seit 2005 leitete.  2007 wurde er mit dem Radio- und Fernsehpreis der SRG idée suisse Ostschweiz ausgezeichnet. Ausserdem ist er der 41. Ehren-Födlebürger der Stadt St.Gallen.

Am 1. März 2016 gab er die Leitung der TV-Bundeshausredaktion von SRF ab und berichtete bis Ende Januar 2018 weiterhin aus Bern. Seit Februar 2018 ist Hanspeter Trütsch pensioniert. Er arbeitet aber weiterhin als Moderator und Publizist (Diskussionsleitung, Coaching, Moderationen etc.).

(Quelle: srf)

Miryam Koc, stgallen24 / Linth24