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Kultur
17.07.2022

Ammler Bildhauerin stellt in Walenstadt aus

Ausstellung «Mensch»: eine von Karl Bickel angefertige Zeichnung (l.) und eine von Daniela Ferdani geschaffene Skulptur.
Ausstellung «Mensch»: eine von Karl Bickel angefertige Zeichnung (l.) und eine von Daniela Ferdani geschaffene Skulptur. Bild: museumbickel
Traditionell widmet sich die Sommer-Ausstellung im museumbickel dem Namensgeber des Museums, Karl Bickel (1886–1982). Dieses Jahr in Kombination mit Bildhauerin Daniela Ferdani, die teils in Amden lebt.

Der menschliche Körper in seinen unterschiedlichsten Formen und seiner physischen Präsenz spielt bei beiden Kunstschaffenden eine zentrale Rolle. Zum 20-jährigen Jubiläum des museumbickel treten die Werke der beiden KünstlerInnen in einen spannenden Dialog. Es stehen sich nicht nur verschiedene Kunstgattungen gegenüber, auch Überschneidungen im Schaffen von Karl Bickel und Daniela Ferdani (*1965) werden sichtbar gemacht.

Die Ausstellung konzentriert sich vor allem auf das malerische und zeichnerische Werk Bickels, wobei seine graphischen Arbeiten und die Briefmarken im Bickelkabinett im Untergeschoss des Museums zu sehen sind.

Der Akt. Körper und Mensch

Im Gegensatz zu Daniela Ferdani eignete sich Karl Bickel die menschliche Anatomie nicht nach realen Modellen an, vielmehr studiert er sie nach medizinischen Lehrbüchern. Die Nacht (1915) veranschaulicht seine Studien und neoklassizistische Umsetzung in eindrücklicher Weise. In dieser grossformatigen Rötelzeichnung, die 1916 bereits im Zürcher Kunsthaus ausgestellt wurde, komponiert Bickel in mehr oder weniger statischer Weise die Figuren zu einer Gruppe.

Bickels menschliche Körper werden sicher durchmodelliert dargestellt und die symbolistischen Akte versuchen die sinnliche Leiblichkeit der Körper zu sakralisieren. Dem ästhetischen und ideologischen Bannkreis Ferdinand Hodlers verpflichtet und geprägt durch sein Urerlebnis mit Michelangelos Arbeiten in der Sixtinischen Kapelle, bestrebt Bickel mit seiner aus heutiger Sicht doch sehr zeitbedingten Aktdarstellung an eine überzeitliche Weltordnung anzuschliessen.

Im Gegensatz zu Bickels eher statischen Menschendarstellungen wirken Daniela Ferdanis Skulpturen belebt. Sie widerspiegeln keine künstlerischen Stereotypen oder Ideale. Vielmehr sind es reale Menschen mit emotionalem Ausdruck, festgehalten in einem bestimmten Augenblick.

Die wie Bickel in Zürich geborene Künstlerin, die mit ledigem Namen Staub hiess, ist heute in Amden und Zürich wohnhaft. Die Bildhauerin modelliert in Ton oder Plastilin, bevor ihre Skulpturen in Bronze oder Gips gegossen werden. Doch auch Werke aus gebranntem Ton, man mag sie als Skizzen bezeichnen, finden sich in ihrem Œuvre.

Es war während eines Sprachaufenthalts in Paris 1986, als sich Ferdani in die Arbeiten von Auguste Rodin und Camille Claudel verliebte. Die Faszination lässt sie nicht mehr los und sie besucht 2002, vor genau 20 Jahren, einen ersten Aktmodellierkurs an der Kunstakademie in Trier. Nach einigen Kursen in ganz Europa entscheidet sie 2008, sich voll und ganz der Bildhauerei zu widmen, und studiert an der renommierten Florence Academy of Art Bildhauerei. Was bei Bickel eine kurze Studienreise war, wird für Ferdani zu einer dreijährigen Ausbildung.

Es ist vor allem der weibliche Körper, ob in ruhender Position oder in Bewegung, der sie fasziniert. Sie versucht in ihren Skulpturen, Emotionen anhand einer bezeichnenden, wahrhaften Position festzuhalten. Körper und Emotion verbinden sich im Akt und werden Mensch.

Lebenszyklus

Die Darstellung vom Menschen auf körperlicher und emotionaler Ebene, aber auch in einer zyklischen Abfolge, sieht man denn auch in Ferdanis Arbeit Mutter-Tochter (2020). Die angezogene, tanzende Mutter, eine lebensgrosse Wiedergabe ihrer eigenen Mutter, und die Tochter, eine Abformung der Künstlerin selbst, stehen sich gegenüber und thematisieren die Beziehung ebendieser in einem grösseren Kontext. So trägt die Tochter ein Schriftband um den Körper, auf dem gesammelte Gedanken von Frauen über und an ihre Mütter aufgeschrieben sind.

In ihrer Zeitgarderobe von 2006 zeigt die Künstlerin durch Körperabformungen weiblicher Modelle die physische Veränderung, die ein Mensch im Laufe der Zeit durchlebt. Der Lebenszyklus ist auch bei Karl Bickel ein zentrales Thema. Bereits 1918 erschien eine achtteilige Mappe seiner Aktzeichnungen. Es sind grossformatige Lithografien, die er unter dem Titel Lebenszyklus zusammenfasst und die ihm später auch als Vorlage für die Mosaike am Paxmal dienen. Doch intensiv widmet der Künstler sich der Thematik in seinem späteren Schaffen. Drei dieser Beispiele in Öl auf Leinwand, Begegnung, Zeugung und Kind aus den Jahren 1930/34, werden in der Ausstellung Ferdanis Zeitgarderobe (2006) gegenübergestellt.

Vom Figürlichen zur Abstraktion dekliniert Bickel gewisse Bildinhalte mit Darstellungen von Menschen immer wieder und in seinem ganzen Œuvre durch. Die Auferstehung, hier gezeigt in drei unterschiedlichen Ausführungen (1919, 1957, 1957/70) und eine Anlehnung an Michelangelos Jüngstes Gericht (1534-41), zeigt dies eindrücklich.

Studien

Ob Mann, Frau oder auch nur einzelne Körperteile wie der Kopf, bei beiden KünstlerInnen ist die zeichnerische und skulpturale Studie oder Skizze Teil ihres Gesamtwerks und kann vor allem bei Bickel als fast schon eigenständiger Arbeitszyklus angeschaut werden. Die Ausstellung widmet sich daher dieser Thematik in den unterschiedlichsten Bereichen. Ferdanis Kelly Portrait (2006) tritt in Dialog mit einer Auswahl von Bickels Rötelzeichnungen Frauenköpfe darstellend. Männliche und weibliche Aktskizzen Bickels stehen Ferdanis Tenerezza (2019) und Traum (2016) gegenüber.

Die Ausstellung soll anhand der beiden KünstlerInnen Einblick geben in die unterschiedlichen Darstellungsweisen des Menschen, nicht nur aus weiblicher und männlicher Perspektive, auch epochale Unterschiede werden sichtbar gemacht.

Obwohl Ferdani sich zu Beginn ihrer Künstlerkariere auch mit der Abstraktion auseinandersetzte (Venus, 1998), ist es eine an Rodin angelehnte Formsprache, die ihr Werk dominiert. Dennoch übernehmen die Bewegungen ihrer Skulpturen nicht eine konsequente allegorische Rolle, sondern vielmehr den Ausdruck einer mentalen Verfassung oder eines emotionalen Moments.

Und obwohl man in Karl Bickels Œuvre einen Wandel hin zu bewegten und belebteren Menschendarstellungen oder sogar hin zur Abstraktion wahrnehmen kann, dominiert in seinem freien künstlerischen Schaffen die eher statisch wirkende, neoklassizistische Darstellungsweise vom Menschen. Bickel greift auf einen Symbolismus zurück, der auch bei einem Rodin zu finden ist, von dem sich allerdings Ferdani komplett löst.

Daten & Details

  • Ausstellung «Mensch»: Karl Bickel & Daniela Ferdani
  • Ort: museumbickel Walenstadt
  • Ausstellungsdauer: 29. Juli 2022 bis 11. September 2022

Öffnungszeiten und Adresse

Freitag bis Sonntag, jeweils 14 bis 17 Uhr

museumbickel
Zettlereistrasse 9
8880 Walenstadt

www.museumbickel.ch

Noëmi Bechtiger, Kuratorin museumbickel