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Kolumne
18.06.2022

Aktienmärkte leiden unter Zinsschock

Bild: zVg.
Die überraschend kräftige Erhöhungen der Leitzinsen in den USA und in der Schweiz haben die Abwärtsbewegung an den Aktienmärkten verstärkt. Jahrestiefstwerte wurden erreicht und unterschritten. Der Wochenverlust des SMI betrug rund 4.5 Prozent.

Da nicht nur Energie, Erdölprodukte und Transporte massiv teurer geworden sind, sondern die ganze Wirtschaft in eine Lohn-Preisspirale gerät, haben die Notenbanken der Schweiz und der USA reagiert und zur Bekämpfung der Inflation eine Zinsrunde eingeläutet. Überrascht hat vor allem die Schweizerische Nationalbank SNB, indem sie der Europäischen Zentralbank zuvorgekommen ist. Weitere Zinserhöhungen sind nicht ausgeschlossen. Somit wären Negativzins und anhaltende Tiefzinspolitik der letzten 7 Jahre bald Geschichte.

Auch an den alten Problemen hat sich nichts geändert, Krieg, Lieferkettenprobleme, neue Corona-Fälle, vor allem in China (Lockdowns). Sogar an der Tour de Suisse gab es einen Corona-Ausbruch.

Die Zinserhöhungen hatten auch Folgen für die Währungsrelationen. EUR/CHF betrug zum Wochenschluss 1.022, USD/CHF 0.965. Bitcoins wurden zu 20‘700 USD gehandelt. Erdöl wurde aufgrund von Rezessionsbefürchtungen und in Erwartung einer geringeren Nachfrage etwas billiger.

Unternehmensnachrichten

Die ganze Woche hindurch waren die Aktienmärkte geprägt durch Nervosität und Pessimismus. Alle Branchen und Titel waren von der schlechten Stimmung erfasst, Zykliker und Technologierwerte am stärksten, auch die Finanztitel, sogar wenn sie durch höhere Zinsen wieder mehr Geld verdienen. Es gab nur vorübergehende und kurze technische Erholungen.

Hart getroffen wurde der Flughafen Zürich durch den Totalausfall der Flugsicherung Skyguide. Hunderte von Starts und Landungen wurden annulliert. Der Betrieb normalisierte sich erst am Folgetag. Zuvor meldete der Flughafen Rekordfrequenzen für den Mai 2022.

Die Bellevue Bank rechnet für das erste Halbjahr mit einem voraussichtlich um 35 bis 40 Prozent tieferen Reingewinn. Im Jahre 2021 hatte die Gruppe mit CHF 22.5 Mio. Franken noch ein Rekordergebnis erreicht.

Das Urner Industrieunternehmen Dätwyler hat bekannt gegeben, gestiegene Rohstoffpreise und Mehrkosten der Transporte und Lieferengpässe direkt den Kunden weiter zu belasten.

Eine französische Niederlassung der UBS hat vor einem Gericht in Lanes eine Niederlage erlitten. Sie wird nun wegen Belästigung von zwei Whistleblowern, die Steuerbetrug enthüllt haben, vor Gericht gezerrt.

Der Detailhändler Dufry verlängert den Vertrag mit dem internationalen Flughafen von Kuwait.

Der Sanitärhersteller Geberit beendet ein Aktienrückkaufprogramm, welches er im Herbst 2020 begonnen hatte. 

Die Bündner Kantonalbank übernimmt die Mehrheit, d.h. 70 Prozent an der BZ Bank von Martin Ebner.

Die SBB bestellen von Stadler Rail sieben weitere Giruno-Züge für rund CHF 250 Mio.

Aussichten

Die Zinserhöhungen bedeuten eine Kehrtwende. Seit 2015 hat sich die Geldpolitik der Notenbanken kaum verändert. Nun herrscht Alarmstimmung infolge der hohen Inflation. In der Schweiz ist diese jedoch mit 3 Prozent wesentlich tiefer als in der EU oder den USA mit 8-9 Prozent. Offenbar hat die Preisstabilität momentan mehr Priorität als Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung. Die Notenbanken nehmen ebenfalls in Kauf, dass die internationale Überschuldung wieder auflebt, auch Kreditnehmer (Hauseigentümer) in Schwierigkeiten geraten könnten. Höhere Zinsen treffen auch die Entwicklungsländer. Die Teuerungsbekämpfung hat immer auch Risiken, und die Notenbanken reagieren meistens zu stark und zu spät..

Aber mit zwei Prozent sind unsere Hypothekarkredite immer noch relativ tief.  Unsere früheren Generationen zahlten noch 5-7 Prozent Zins. Alte Festhypotheken behalten zudem den tiefen Zins bis zum Ende der Laufzeit.

Der Immobilienmarkt und die Pensionskassen werden jedoch durch die höheren Zinsen und auch Aktien zurzeit stark belastet, einerseits durch höhere Verzinsung von festverzinslichen Anlagen und indirekt auch über schwächeres Wachstum und tiefere Unternehmensgewinne. Die Händler sprechen von einem „Bärenmarkt“.

Christopher Chandiramani, Börsenanalyst und freier Mitarbeiter Linth24