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Kolumne
29.05.2022
29.05.2022 14:24 Uhr

Aktienmärkte: Spürbare Erholung

Christopher Chandiramani: «Verschiedene langfristige Folgen können noch nicht abschliessen beurteilt werden.»
Christopher Chandiramani: «Verschiedene langfristige Folgen können noch nicht abschliessen beurteilt werden.» Bild: PD
Nach den prozentmässig zweistelligen Verlusten an den Börsen seit Jahresbeginn gab es in der verkürzten Auffahrtswoche eine spürbare Gegenbewegung. Der SMI schloss mit 11‘647 Zählern, ein Wochenplus von zwei Prozent.

Der Krieg in der Ukraine, der extreme Preisanstieg von Energie und Treibstoffen, Rohwaren und Lebensmitteln hatten den Aktienmärkten stark zugesetzt, an der Schweizer Börse ein Minus von fast zehn Prozent in diesem Jahr. Zudem wurden von den Notenbanken Leitzinserhöhungen angekündigt, in den USA bereits teilweise umgesetzt. Solche Cocktails mit schlechten Nachrichten sind stets Gift für die Aktien.
Erste Lichtblicke haben jedoch eine Erholung eingeleitet. Einerseits steht in den soeben publizierten FED-Sitzungsprotokollen der US-Notenbank, dass Zinserhöhungen weniger aggressiv erfolgen sollten, weil sich Wirtschaft und Teuerung bereits verflachen. Die Einkaufsmanager-Indizes in  den USA und GB lagen bereits tiefer. Zudem geht aus Äusserungen von US-Präsident Biden hervor, dass die Handelssektionen und Strafzölle gegen China – eingeführt vom Vorgänger Trump – gelockert werden sollten. So etwas würde das Lieferkettenproblem entspannen. US-Technologieaktien haben aufgrund dieser Informationen bereits positiv reagiert.
Fragen rund um Energie, Klima, Pandemie und Lieferketten wurden auch am WEF besprochen, hier stand der Krieg im Vordergrund. Hoffnungen gab es immer wieder auf eine diplomatische Lösung des Konflikts. Das WEF endete am Freitag.
Die Schweizerische Nationalbank hat wiederum am Devisenmarkt interveniert setzt ihre Wechselkurspolitik fort.
Der Ölpreis bleibt volatil aufgrund von Ängsten vor noch höheren Preisen oder sogar Boykotten.

Unternehmensnachrichten

Der grösste Teil der Generalversammlungen von Schweizer Firmen wurde bereits angehalten, auch die meisten Quartalsergebnisse vom Januar-März sind publiziert. Kurserholungen sind vor allem bei Aktien mit überdurchschnittlichen Verlusten eingetreten, namentlich Richemont, Dufry, Bank Vontobel und Credit Suisse, Kursgewinne diese Woche zwischen 6 und 13 Prozent. .
Der Winterthurer Maschinenbauer Sulzer zieht sich vollständig aus dem russischen Markt zurück. Nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine wurden vorerst noch Teile des Geschäfts weitergeführt, diese Aktivitäten werden nun verkauft infolge immer höherem Risiko durch die Sanktionen.
Lieferengpässe und chinesische Corona-Politik belasten den Textilmaschinenhersteller Rieter weiterhin schwer. Dies veranlasste zu einer Verlustwarnung und Rieter könnte im ersten Halbjahr 2022 sogar roten Zahlen schreiben.
Der Basler Pharmakonzern Roche hat einen PCR-Test für das Affenpockenvirus entwickelt, weiter auch im Bereich Onkologie eine Zulassung für das Krebsmedikament namens Polivy erhalten.
DKSH, ein vor allem in Asien aktiver Vertriebsspezialist, hat in Kambodscha und in Taiwan Distributionsaufträge erhalten. In Kambodscha werden neu Haushalts- und Körperpflegeprodukte vertreiben.

Aussichten

Eine sich im Gang befindliche Inflationsspirale belasten, ebenfalls die durch den Krieg verstärkte Verknappung von diversen lebensnotwendigen Gütern (auch Getreide). Verschiedene langfristige Folgen können noch nicht abschliessen beurteilt werden. Die Situation darf sich nicht weiter verschärfen. Für eine Entwarnung bei den Zinsen ist es auch noch zu früh. Zwar sind die Europäer, und vor allem die Schweizer zurückhaltender als die Amerikaner. Hohe Zinsen belasten die Schuldner stark, für einige Staatsbudgets und Entwicklungsländer ist das Zinsniveau sogar eine existenzielle Frage. Mit Stimmungsschwankungen an den Märkten ist weiterhin zu rechnen. Bei den Aktien kann sich eine Schnäppchenjagd lohnen, vor allem Renditeperlen.

Christopher Chandiramani, Börsenanalyst und freier Mitarbeiter Linth24