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22.01.2022
21.01.2022 17:22 Uhr

St.Galler Frauen durften erst ab 1972 kantonal abstimmen

Vorreiterin in Sachen Gleichberechtigung: Hanny Thalmann wurde 1971 als erste St.Gallerin in den Nationalrat gewählt.
Vorreiterin in Sachen Gleichberechtigung: Hanny Thalmann wurde 1971 als erste St.Gallerin in den Nationalrat gewählt. Bild: KEYSTONE/STR
1971 wurde in der Schweiz das Frauenstimmrecht eingeführt. Neun Kantone stimmten zuerst dagegen. Darunter auch St.Gallen, wo das Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene erst 1972 eingeführt wurde.

Am 7. Februar 1971 stimmte die Schweiz über die Einführung des Frauenstimmrechts ab. Das Resultat fiel mit 65,7 Prozent Ja- zu 34,3 Prozent Nein-Stimmen deutlich aus. Die St.Galler Männer waren jedoch mehrheitlich dagegen. Für ein knappes Jahr konnten die St.Galler Frauen zwar national abstimmen und wählen, auf Kantons- und Gemeindeebene waren sie immer noch bevormundet.

Am 23. Januar 1972 wurde das Stimm- und Wahlrecht für Frauen auch auf kantonaler und kommunaler Ebene eingeführt. Bei einer Stimmbeteiligung von 41,5 Prozent waren knapp zwei Drittel dafür.

Mut und Unternehmungsgeist

Zwei Monate später fanden die Grossratswahlen statt. In das 180-köpfige Kantonsparlament wurden elf Frauen gewählt, sechs der CVP, vier der Freisinnigen Partei und eine der Sozialdemokratischen Partei.

Im Bezirk St.Gallen schafften es vier Frauen ins Parlament, darunter auch «Fräulein Dr. Heidi Seiler mit dem Spitzenresultat von 11'338 Stimmen», stand in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 21. März 1972. Das«Fräulein» präsidierte nicht nur die FDP Frauengruppe des Bezirks St.Gallen, Heidi Seiler (1914 bis 1982) war auch promovierte Juristin und leitende Beamtin bei der städtischen Polizei.

Die St.Galler FDP Frauen waren schon lange vor der Einführung des Frauenstimmrechts politisch aktiv. 1926 gründeten sie die erste freisinnige Frauengruppe der Schweiz.

«Die Gründung der Frauengruppe bedeutete für die damalige Zeit etwas Aussergewöhnliches und erforderte Mut und Unternehmungsgeist, sowohl von den Frauen als auch von der Parteileitung», hielt die erste Präsidentin Ida Weber in einem Brief fest. Der Weg zum Frauenstimmrecht sollte für die Pionierinnen noch lang und steinig bleiben.

1959 appellierte Heidi Seiler vergeblich an die FDP-Delegierten, «dass die Frau, die mit Ausnahme der politischen Rechte dem Mann heute gleichgestellt ist, auch verpflichtet werden sollte, mit dem Stimm- und Wahlzettel zum Wohle unserer Heimat mitzuarbeiten», wie das St.Galler Staatsarchiv in einem historischen Einblick zum Frauenstimmrecht festhält.

Die St.Galler FDP gab für die erste Abstimmung über die Einführung des eidgenössischen Frauenstimmrechts vom 1. Februar 1959 mit 126 zu 59 Stimmen die Nein-Parole aus. Die Landespartei hatte Stimmfreigabe beschlossen.

Wahlerfolg dank Frauenstimmrecht

Auch bei der CVP gab es Wegbereiterinnen. Seit der Einführung des kirchlichen Frauenstimmrechts 1968 waren Frauen auch in Kirchenvorsteherschaft, Synode und Kirchenrat wählbar. Erste Kirchenrätin wurde 1973 Ursula Germann-Müller, die Leiterin des Lehrerinnen-Seminars Sargans.

1971 zog Hanny Thalmann als eine von elf Frauen in den Nationalrat ein. Als erste Studentin der Handels-Hochschule St.Gallen (heute HSG) hatte sie 1943 den Doktortitel der Wirtschaftswissenschaften erlangt. Nach zwei Legislaturperioden trat die St. Galler CVP-Politikerin zurück.

Der Wahlererfolg der CVP bei den Grossratswahlen 1972 war laut «NZZ» auf das Frauenstimmrecht zurückzuführen: «Die katholischen Frauen haben geschlossener für die CVP gestimmt.»

Grosses Aufholpotenzial

Nach Annahme des kantonalen Stimm- und Wahlrechts für Frauen im Jahr 1972 begannen einzelne Frauen damit, kirchliche und politische Anliegen miteinander zu verbinden. 1977 formierten aktive katholische Frauen die Arbeitsgruppe der CVP-Frauen.

1996 stellte die CVP mit Rita Roos-Niedermann ihre erste Regierungsrätin. Neben Roos wurde auch Kathrin Hilber in die Regierung gewählt. Damit gelang es der SP auf Kosten der FDP, die seit rund 60 Jahren geltende Zauberformel (3 CVP, 3 FDP, 1 SP) zu knacken.

In der Ostschweiz liegt der Frauenanteil in den politischen Gremien tiefer als im Schweizer Durchschnitt. Aktuell wird der Kanton St. Gallen von fünf Männern und zwei Frauen regiert. Von den 120 Parlamentsmitgliedern sind 32 oder ein Viertel weiblich.

Das Aufholpotenzial der Frauen ist gross. Im Nationalrat, wo der Kanton St.Gallen 12 Sitze hält, vertreten fünf Frauen die Anliegen des Kantons, im Ständerat sitzt keine St.Galler Frau mehr, nachdem die ehemalige FDP-Regierungsrätin Karin Keller-Sutter im Januar 2019 zur Bundesrätin gewählt wurde.

sda/ Linth24