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05.01.2022
05.01.2022 19:12 Uhr

«Cassis oder Amherd gehört nach Peking»

Vertritt seit zwölf Jahren die St.Galler SVP im Nationalrat: Roland Rino Büchel aus Oberriet.
Vertritt seit zwölf Jahren die St.Galler SVP im Nationalrat: Roland Rino Büchel aus Oberriet. Bild: Ulrike Huber
Im Interview erläutert der St.Galler SVP-Nationalrat und Sportkenner Roland Rino Büchel unter anderem, was er von Boykottaufrufen gegen Sportveranstaltungen und manchen «Recherchejournalisten» hält.

Zwölf Jahre Nationalrat, zwölf Jahre Aussenpolitische Kommission, zehn Jahre Büro des Nationalrats: rheintal24 – Partnerportal von Linth24 – hat mit dem Rheintaler Nationalrat und Kenner des internationalen Sports Roland Rino Büchel über die Olympischen Spiele in Peking und die Fussball-WM in Katar, über Stadler Rail, den Bundesratsjet und die Besuche von Politikern an Olympischen Spielen (und in seiner Berner Wohnung) gesprochen.

Roland Rino Büchel, sehen Sie sich immer noch als «grössten FIFA-Kritiker» der Schweizer Politik?
Kürzlich hat mir Blick-TV eine ähnliche Frage gestellt. Die Journalistin ging davon aus, dass ich mich selbst als «FIFA-Kritiker» bezeichne. Das ist nicht so. Und das war nie so.

Seit der Qualifikation der Schweizer Nati unter Murat Yakin stehen die FIFA und Katar hierzulande im Fokus der Kritik. Gemäss Amnesty International und der englischen Zeitung «The Guardian» sind auf Stadionbaustellen in Katar in rund zehn Jahren 6'500 Gastarbeiter gestorben.
Das ist eine erstaunlich oberflächliche Betrachtung jener «Experten» und «Recherchejournalisten». Viele Zeitungen und NGOs haben die Information ungeprüft übernommen und in die Welt hinausgestreut. Ob dies jeweils mit Absicht oder wider besseres Wissen geschieht, weiss ich nicht.

Wollen Sie damit sagen, dass die Zahl nicht stimmt?
Ich muss niemanden verteidigen. Doch ich kann unberechtigte Behauptungen nicht ausstehen, egal gegen wen. Reden Sie einmal mit Experten, welche seit Jahren vor Ort tätig sind; zum Beispiel mit Vertretern der ILO (Red.: Internationale Arbeitsorganisation der UNO) oder der weltweiten Baugewerkschaft BWI. Sie sagen, dass die kolportierte Zahl mit arbeitsbedingten Todesfällen auf Stadionbaustellen wenig zu tun hat. Ähnlich sieht es die renommierte Sport- und Menschenrechtsexpertin von Transparency International Deutschland, Sylvia Schenk.

Sie suggerieren, dass Recherchejournalisten den Dingen genauer auf den Grund gehen müssten?
Ich verstehe nicht, dass sich bis heute kein hiesiger Reporter genauer mit dem Thema befasst hat. Ganz nüchtern, ohne Übertreibungen, ohne Beschönigungen. Die NZZ hat kürzlich einen Versuch gewagt. Herausgekommen ist ein oberflächlicher Reisebericht.

Juso-Präsidentin Ronja Jansen ist auf allen Kanälen präsent, im Parlament häufen sich die Vorstösse. Wenn es um Menschenrechtsanliegen geht, dominieren linke Politiker.
Es ist nicht so, dass ich mich in erster Linie auf die «Erkenntnisse» der Jungsozialisten stütze, wenn ich einer Angelegenheit auf den Grund gehe. Ich traue es mir selbst und auch guten Journalisten zu, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Braucht es einen Boykott der Fussball-WM, wie er zum Beispiel in Norwegen immer wieder gefordert wird?
Nein. Und, nebenbei: Die Norweger müssen nichts boykottieren. Trotz Superstar Erling Haaland haben die Skandinavier die WM-Qualifikation nicht geschafft. Ein grosser Teil des Reichtums Norwegens beruht auf der Erdölförderung. Möglicherweise hat das Verhalten einiger Norweger ebenso viel mit der Konkurrenz auf den Welt-Rohstoffmärkten zu tun wie mit Menschenrechten. Wenn sich die ganz Guten unter den Gutmenschen gross aufspielen, ist jeweils Vorsicht geboten.

Nun will FIFA-Boss Gianni Infantino die Fussball-WM sogar alle zwei Jahre durchführen. Geht es darum, noch mehr Geld zu einzunehmen?
Selbstverständlich geht es auch um Geld und Macht. Die FIFA und die UEFA unter Präsident Aleksander Ceferin ringen um die Einnahmen aus dem «grossen» Fussball. Die Einkünfte der FIFA gehen in beträchtlichem Mass in die Entwicklung des weltweiten Fussballs, diejenigen der UEFA landen eher bei den reichen Clubs, in den Taschen der Spieler und der teils windigen «Spielerberater».

Das ist überspitzt.
Ein wenig schon, klar. Trotzdem meine Frage: Was ist besser für den Fussball? Wenn die Milliarden in die weltweite Entwicklung des Fussballs gesteckt werden oder in die Taschen von Millionären?

Wenn die Spieler immer stärker belastet werden, steigt die Verletzungsgefahr.
Das Zweijahresmodell wurde von Trainerikone und Arsenal-Legende Arsène Wenger und seinem Team entwickelt. Wenn die internationalen Spielkalender, wie von ihm erarbeitet und vorgeschlagen, intelligent organisiert werden, führt dies eher zu einer Entlastung der besten Spieler.

Zu den Winterspielen in Peking: Soll die Schweiz den Anlass boykottieren?
Auf keinen Fall. Weder die Sportler noch Bundespräsident Ignazio Cassis. Auch Sportministerin Viola Amherd nicht. Wir müssen nicht anderen Ländern nachtrotten. Ganz klar: Einer aus dem Duo gehört nach Peking.

Ignazio Cassis wollte sich unlängst mit dem Aussenminister Chinas treffen, am Schluss kam es nur zu einem virtuellen Meeting.
Ja, der Bundesratsjet schaffte es nur bis nach Sibirien. Der Weg führte dann über Moskau zurück in die Schweiz. Die verpassten Treffen können im Februar in Peking nachgeholt werden.

Waren nicht auch Sie im letzten Sommer mit dem Bundesratsjet unterwegs?
Das trifft zu. Anders als bei den Bundesräten Guy Parmelin, Simonetta Sommaruga und Ignazio Cassis «bockte» das Flugzeug bei jener offiziellen Präsidialreise mit Nationalratspräsident Andreas Aebi aber nicht (lacht).

Die Reise ging in die Ukraine und nach Kasachstan. Haben diese Staaten eine wirtschaftliche Bedeutung für die Schweiz?
Ja. Und ich bin optimistisch, dass die Stadler Rail von Peter Spuhler bald Rollmaterial in die beiden Länder liefern kann. Womöglich konnte die Aebi-Delegation einen Beitrag dazu leisten, dass die Schweiz Teil jener riesigen Infrastrukturprojekte wird.

Peter Spuhler bietet im neuen Werk in St.Margrethen auf rund 35'000 Quadratmetern Produktions- und Lagerflächen hunderte Arbeitsplätze für gut qualifizierte Arbeitnehmer.
Dort werden die modernen KISS-Züge und weitere Schienenfahrzeuge für den hiesigen und den internationalen Markt gefertigt. Aber auch in den Büros arbeiten Topleute, welche Dienstleistungen für die ganze Gruppe erbringen. Vergessen wir dabei aber nicht, dass das innovative Rheintal auch als Zulieferer für die Autoindustrie von grosser Bedeutung ist. Das freut einen, der wie ich, schon sein Leben lang «Benzin im Blut» hat.

Wirken sich Ansiedelungen wie diejenige von Stadler Rail positiv auf die Region aus?
Solche neuen Niederlassungen befruchten unsere dynamische Region zusätzlich. Die Ernst Fischer AG der Thurgauer SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr hat übrigens den Bau erstellt. Ich hatte mich schon auf die Neujahrsbegrüssung der SVP Rheintal in den Stadler-Hallen gefreut. Leider musste der Anlass wegen Corona verschoben werden. Am Freitag hätten wir mit SVP-Vizepräsident Franz Grüter einen prominenten Gastredner begrüssen können. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben!

Diana Gutjahr wird bald Mutter und Franz Grüter Präsident der Aussenpolitischen Kommission.
So ist es. Bei Diana wird es in diesen Tagen so weit sein. Franz Grüter, ein ebenso erfolgreicher wie bodenständiger IT-Unternehmer, wird der manchmal verpeilten Aussenpolitischen Kommission guttun. Er hat schon in den USA und in China gelebt und gearbeitet.

Stichwort China: Wer gewinnt die olympische Abfahrt?
Vorausgesetzt, dass sie sich nicht verletzen oder vor den Spielen noch positiv auf Corona getestet werden, Lara Gut oder Sofia Goggia. Beide sind cool genug, um unter sehr speziellen Umständen ihre Leistung abrufen zu können. Bei den Männern rechne ich mit Beat Feuz, Marco Odermatt oder dem Norweger Aleksander Aamodt Kilde, dem Freund von Mikaela Shiffrin.

Keine besonders originelle Prognose.
Nein, aber eine gute… Als Athlet würde ich mir Urs Lehmann, den Präsidenten von Swiss Ski, zum Vorbild nehmen. Ich hatte anfangs 1993 als «Wirt» im Swiss Chalet miterlebt, wie er an den Weltmeisterschaften im japanischen Morioka/Shizukuishi den widrigsten Umständen trotzte und Gold holte. Es war die beeindruckendste Kopfleistung, die ich im Sport je erlebt habe! In China traue ich Niels Hintermann Ähnliches zu wie damals Urs Lehmann in Japan.

Sie sind gegen einen sogenannten politischen oder diplomatischen Boykott der Olympischen Winterspiele. Trotzdem sagen Sie, dass die politischen Delegationen klein gehalten werden sollen.
Ich hatte an zahlreichen sportlichen Grossanlässen zu tun. Ein wichtiges Anliegen war mir dabei immer eine möglichst geringe Belastung der lokalen Bevölkerung und der Sportler. Es ist für sie fast nicht auszuhalten, wenn sich politische Wichtigtuer gross in Szene setzen. Das erschwert die Organisation und treibt die Kosten der Anlässe unnötig in die Höhe.

Die Bewerbung von St.Moritz/Davos war 2015 Konkurrent zu Peking. Was waren die Hauptgründe für das damalige Nein der Graubündner Stimmbevölkerung?
Ganz klar die Verträge, welche das IOC damals vorschlug. Kein westlicher Veranstalter wollte den Anlass zu jenen Bedingungen. Die allesamt guten Bewerbungen von St.Moritz/Davos, München/Garmisch, Oslo/Lillehammer und Stockholm scheiterten samt und sonders am demokratischen Prozess in den entsprechenden Ländern.

Dann verblieben noch Kasachstan mit Almaty und China mit Peking im Rennen, also zwei straff organisierte Staaten mit wenig Wintersporttradition.
Almaty hat am Schluss nicht wirklich Vollgas gegeben, um den Zuschlag für die milliardenteuren Spiele zu erhalten. Das IOC und die Wintersportler müssen China quasi «Danke» sagen. Das Land ist das einzige, welches diese Olympischen Winterspiele 2022 stemmen kann und will.

Sagen Sie damit indirekt, dass es unter diesen Umständen schwierig ist, politische Forderungen zu stellen?
Genau. Das haben die Moralisten in unserem Land noch nicht begriffen.

Michelle Gisin fordert in den Medien, dass China «die Chance nutzen» soll.
Welche Chance? Sie sagt: «Es ist das Ziel des Sports, Leute zu verbinden und Kulturen näherzubringen.» Ich kann ihr jetzt schon sagen, dass diese Idee an diesen Spielen nicht im Vordergrund stehen kann und wird. Das liegt aber mehr an Corona als an China.

Wie die USA werden Kanada, Australien, Grossbritannien und auch Japan, immerhin Organisator der diesjährigen Sommerspiele, keine hochrangigen Politiker an die Olympischen Spiele schicken.
Dass die einflussreichen USA unter Präsident Joe Biden mit dem mächtigen China auf Konfrontationskurs sind, ist nicht neu. Wir hingegen sind ein neutraler Kleinstaat. Meine Antwort ist und bleibt ein klares Nein zu jeder Art von Boykott der Schweiz. Es kommt besser, wenn Vertreter von Staaten miteinander reden, anstatt sich gegenseitig auszugrenzen.

Auch die neue deutsche Aussenministerin Annalena Baerbock reist «definitiv nicht» nach Peking.
Ja und? Fritz Müller aus Hintertupfigen geht auch nicht hin. Die Aussenminister unseres nördlichen Nachbarn haben Olympische Winterspiele bisher nicht besucht. Nichts Neues unter der Sonne also. Erstaunlich ist einzig, dass diese «Nichtneuigkeit» Schlagzeilen macht.

Eine komplett andere Frage zum Schluss: Man hört, dass junge Parlamentarier parteiübergreifend einen leichteren Zugang zueinander finden als die älteren Damen und Herren in Bundesbern. Ist das auch Ihr Eindruck?
Sie sind via soziale Medien sicherlich mitteilsamer. Bei solchen Dingen bin ich altmodisch. In meiner kleinen Berner Wohnung waren schon fünf Bundesräte zu Gast, dazu Dutzende Parlamentarier aller Parteien. Darunter hatte es, da mache ich jede Wette, auch künftige Bundesräte. Derartige Treffen hängt man aber nicht an die grosse Glocke.

stz., rheintal24 / Linth24