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Rapperswil-Jona
15.10.2021
15.10.2021 08:06 Uhr

«Jeden Tag komme ich an meine Grenzen»

Ein eingespieltes Team: Maria-Rita Oddo mit ihrem Hund Ivan.
Ein eingespieltes Team: Maria-Rita Oddo mit ihrem Hund Ivan. Bild: Rolf Lutz, Linth24
Heute ist «Tag des Weissen Stockes». An diesem Tag machen blinde und sehbehinderte Menschen auf ihre Anliegen aufmerksam. Linth24 hat Maria-Rita Oddo am Rapperswiler Bahnhof getroffen. Von Rolf Lutz

Um das geht es:

Jeweils am 15. Oktober ist internationaler Tag des weissen Stockes. An diesem Tag wollen blinde und sehbehinderte Menschen auf ihre Anliegen aufmerksam machen.

Dieses Jahr stehen die Leitsysteme, wie zum Beispiel die weissen Leitlinien an Bahnhöfen, im Zentrum.

Linth24 hat die sehbehinderte Maria-Rita Oddo durch den Bahnhof Rapperswil begleitet und sich den oftmals beschwerlichen Weg erklären lassen.

Bei Maria-Rita Oddo war der Verlust der Sehkraft ein schleichender Prozess in Folge einer Autoimmunkrankheit. Heute sieht sie praktisch nichts mehr, «links nichts, rechts erkenne ich noch hell und dunkel.» Dennoch, sie ist positiv, eine aufgestellte Frau, die ihr Leben meistert. Mit ihrem Führhund Ivan schafft sie den Alltag hervorragend – und freut sich auch immer wieder, dass nette Menschen ihr zur Hilfe kommen, wenn sie es benötigt. Davon und von vielem anderen mehr erzählt die Rapperswilerin im Linth24-Gespräch.

Maria-Rita Oddo, der Verlust Ihrer Sehkraft war ein schleichender Prozess. Wie gehen Sie heute damit um?
Mittlerweile ist dies mein Alltag, das gehört zu mir und ich lebe mit der Krankheit. Aber akzeptieren kann ich es nicht. Jeden Tag komme ich an Grenzen und mit diesen muss ich mich auch täglich beschäftigen.

Beschreiben Sie uns diese Grenzen.
Tagtäglich sind es ganz einfache Dinge, die mich herausfordern, wie zum Beispiel beim Einkaufen, wenn ich die Sachen nicht finde, oder wenn ich einen Weg suche, und es gibt keine Leitlinien. Ich habe zum Glück meinen Führhund Ivan, der mich leitet. Wir sind ein eingespieltes Team.

Wie sieht es mit Ihrem Arbeitsweg aus?
Vor drei Jahren sind wir mit unserem Geschäft umgezogen, in ein Industriegebiet in Pfäffikon SZ. Dort hatte es keine Markierung und mein Arbeitsweg führte an einer dicht befahrenen Kantonsstrasse entlang, ohne Leitlinien, Trottoir und Ampeln für die Überquerung. Sie können sich vorstellen, wie gefährlich das für mich war. Ich musste alles bei den Behörden beantragen, und das dauerte dann sehr lang, genau gesagt 15 Monate, bis die Infrastruktur einigermassen erstellt war.

Sie steigen jeweils am Bahnhof in Rapperswil vom Bus in den Zug um. Wie kommen Sie da zurecht?
Die Infrastruktur ist gut ausgebaut – obwohl, zuerst waren die Leitlinien falsch gelegt worden, man musste sie nochmals wegnehmen und neu legen (lacht). Die Leitlinien sind sehr gut ausgebaut, man findet sich gut zurecht. Ich fühle mich im Bahnhof sicher und wenn ich etwas nicht finde, hat es ja immer Leute, die man fragen kann.

Diese Markierungen am Bahnhof sind für Maria-Rita Oddo wichtige Leitlinien auf ihrem Weg zum Perron. Bild: Rolf Lutz, Linth24

Wie reagieren die Passanten auf Sie?
In den allermeisten Fällen sind die Leute sehr hilfsbereit und sehr freundlich – natürlich gibt es dann auch solche, da muss ich mich klar bemerkbar machen, damit sie mir helfen. Ja, dann hat es halt auch viele, mit Kopfhörer im Ohr, da brauche ich dann etwas mehr Geduld (lacht). Ich habe auch schon ganz eindrückliche Erlebnisse gehabt.

Erzählen Sie uns eines davon.
In Zürich hat mir eine Frau geholfen, damit ich ins richtige Tram gefunden habe. Und daraus ist eine jahrelange Freundschaft entstanden.

Wie finden sich blinde Menschen im öffentlichen Raum zurecht? Trottoir-Randabschlüsse, Grünstreifen und andere bauliche Elemente dienen als «natürliches» Leitsystem. Sie werden absichtlich in die öffentliche Architektur als Orientierungselemente integriert. Denn weisse Leitlinien werden erst dort eingesetzt, wo keine baulichen Führungselemente gegeben sind. Viele Leute wissen kaum etwas darüber. Das möchte zum Beispiel der Schweizerische Blindenbund am diesjährigen internationalen «Tag des Weissen Stockes» mit Ihrer Hilfe gerne ändern.

Rolf Lutz, Linth24