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15.09.2021
16.09.2021 09:08 Uhr

Buchvernissage: «Der Fall Anna Göldi ist wie eine Wundertüte»

Für Autor und Jurist Walter Hauser ist der Fall Anna Göldi Passion und Obsession zugleich.
Für Autor und Jurist Walter Hauser ist der Fall Anna Göldi Passion und Obsession zugleich. Bild: Linth24 / ZVG
Autor Walter Hauser beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit dem Fall von Anna Göldi und feiert am Freitag mit seinem neusten Werk Buchvernissage. Im Interview erklärt der Glarner seine anhaltende Faszination.

Die Enthauptung von Anna Göldi, eine der letzten der Hexerei beschuldigten Frauen in Europa, liegt bereits gut 350 Jahre zurück – Name und Geschichte bleiben jedoch unvergessen. Auch wegen dem Glarner Walter Hauser, Schriftsteller sowie Gründer und Präsident der Anna-Göldi-Stiftung. Der mittlerweile in Weesen wohnhafte Dr. iur, Journalist und ehemalige Kantonsrichter ist verantwortlich für das «Anna Göldi Museum» und hat bereits mehrere Bücher über den Fall Göldi geschrieben, immer wieder mit zusätzlichen Fakten. Auch sein neustes Buch «Anna Göldi – geliebt, verteufelt, enthauptet» basiert auf neuen Erkenntnissen, wie der Autor im Linth24-Interview bekannt gibt.

Linth24: Herr Hauser, Sie schreiben: «Anna Göldi lebt. Auch wenn sie durch das Schwert enthauptet wurde, lebt sie weiter als Symbol für Opfer von Willkür und Machtmissbrauch.» Gibt es aktuelle Beispiele, die das veranschaulichen?

Walter Hauser: Staatliche Willkür erleben wir tagtäglich. Vor allem hilfsbedürftige und alleinstehende Menschen, insbesondere auch alleinerziehende Mütter, sind behördlicher Willkür ausgesetzt. Es ist deshalb wichtig, dass wir uns zu Werten wie Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit klar bekennen. Sie sind zurzeit auch in der zivilisierten westlichen Welt  akut in Gefahr.

Sie beschäftigen sich seit über 20 Jahren mit dem Fall von Anna Göldi und ihrer Enthauptung vor gut 250 Jahren. Warum diese anhaltende Faszination – oder ist es schon fast eine Obsession?

Der Fall Anna Göldi ist wie eine Wundertüte, die immer wieder Überraschendes hervorbringt. Seit wir das grossartige Anna Göldi Museum in Glarus haben, gibt es eine Vielzahl interessanter Kontakte zu interessanten Leuten. Diese Kontakte bringen mich plötzlich wieder auf eine neue Spur und spornen mich zu weiteren Recherchen an. Insofern ist es eine Passion oder sogar Obsession, ja.  

«Das neue Buch erzählt die Geschichte von Anna Göldi viel klarer»
Schriftsteller Walter Hauser

In Ihrer Buch-Ankündigung reden Sie von neuen Erkenntnissen. Um was geht es konkret?

Die letzten drei Hexenprozesse in Europa, in Kempten D, Tinizong GR und Glarus, waren stark inspiriert durch den Teufelsglauben, der vom Churer Priester und Exorzisten Johann Joseph Gassner am Ende der Aufklärung neu entflammt worden war. Diese Zusammenhänge mit dem wiedererwachten Satansglauben ist relativ neu. Auch dass der Fall Göldi einer der ersten Fälle von Whistleblowing in Europa war, ist ziemlich unbekannt. Deutsche Journalisten haben geheime Gerichtsakten veröffentlicht und den Fall europaweit ins Rollen gebracht. Der Whistleblower des Hexenprozesses, Landschreiber Johann Melchior Kubli, avancierte später zum Regierungsrat des Kantons St. Gallen.

Zitat aus einem Interview: «Ich habe mein Buch auch neu geschrieben, weil mein altes ein schlechtes Buch ist.» Sie gehen hart mit sich ins Gericht...

Das erste Göldi Buch schrieb ich vor mehr als 15 Jahren. Seither habe ich neue Erkenntnisse gewonnen und mein Wissen vertiefen können. Das Buch von 2007 ist veraltet. Das neue Buch erzählt die Geschichte von Anna Göldi auch viel klarer und bringt das Wichtige des Hexenprozesses auf den Punkt.

«Wir haben heute neue historische Dokumente in unserem Besitz»
Schriftsteller Walter Hauser

Sie dürfen ein bisschen Werbung machen: Warum sollen die Leute Ihr neues Buch «Anna Göldi – geliebt, verteufelt, enthauptet» lesen, wenn es doch schon so viel Geschriebenes und Verfilmtes darüber gibt?

Das neue Buch ist neuster wissenschaftlicher Stand der Anna Göldi-Forschung. Es gründet auf 20 Jahre langer Recherchetätigkeit. Und nicht zu vergessen: Wir haben heute neue historische Dokumente in unserem Besitz wie etwa das originale Stammbuch des deutschen Journalisten Lehmann. Dieses Buch war vor 20 Jahren noch in Deutschland und nahezu unbekannt.

Sie sind Gründer und Präsident der Anna-Göldi-Stiftung, die sich gegen Justiz- und Behördenwillkür engagiert. Wie viele Fälle bearbeiten Sie pro Jahr?

Ehrlich gesagt, sind die Herausforderungen in den letzten Jahren so gross geworden, dass es schwierig wird, allen Ansprüchen zu genügen. Wir vergeben alle zwei Jahre den Menschenrechtspreis, aber wir sind nicht anwaltschaftlich tätig. Ich selber bin ja zu 100 Prozent ehrenamtlich tätig und verdiene durch meine Aktivitäten als Stiftungsratspräsident keinen Rappen. Wichtig scheint mir die Bildung eines guten und verjüngten Teams für die Zukunft. Das hat zurzeit Vorrang. Ich bin auch nur Teil eines Teams.

«Die originalen Handschriften der Prozessbeteiligten können gelesen werden»
Schriftsteller Walter Hauser

Seit vier Jahren gibt es zudem das «Anna Göldi Museum» in Glarus, für das Sie ebenfalls verantwortlich zeichnen. Welches ist das Highlight für die Besucher?

Das Ambiente im denkmalsgeschützten Hänggiturm ist einmalig. Diese Stimmung muss man erlebt haben. Das Thema Anna Göldi wird seriös, wissenschaftlich korrekt und mit modernen Mitteln dargestellt. Auch junge Menschen sind fasziniert. Vor allem die Darstellung des Richtschwertes, mit dem Anna Göldi vom Wiler Arzt und Scharfrichter Volmar enthauptet wurde und die digitale Umsetzung des Stammbuches von Lehmann gehören zu den Highlights. Man muss sich vorstellen: Die originalen Handschriften der Prozessbeteiligten können gelesen werden.

Und noch eine letzte Frage: Im 2020 haben Sie den Glarner Kulturpreis erhalten. Was haben Sie mit den CHF 20'000 gemacht?

Dieses Geld habe ich für die Signaletik ANNA, die heute am oberen Ende des Kamins beim Göldi Museum angebracht ist, verwendet. Dieses Kunstwerk, inszeniert vom emeritierten ETH-Gestaltungsprofessor Peter Jenny, hat exakt soviel Geld gekostet.

Buch-Vernissage: Anmeldung hier!

Fr 17. September
19:00 Uhr
Buchvernissage mit Walter Hauser

Anna Göldi Museum
Fabrikstrasse 9
8755 Ennenda, Schweiz

Sa 18. September
15:00 Uhr
Gespräch mit Walter Hauser

Anna Göldi Museum
Fabrikstrasse 9
8755 Ennenda, Schweiz

Di 28. September
19:30 Uhr
Buchvernissage mit Walter Hauser

Kulturlokal Schänis
Eichen
8718 Schänis, Schweiz

Für Platzreservationen:
Tel. 055 650 13 54
Mail: kontakt@annagoeldimuseum.ch

Sibylle Marti/Linda Barberi, Linth24