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Kultur
31.05.2021
06.06.2021 17:00 Uhr

Der Betrachter wird genüsslich zum Voyeur

Der Zürcher Künstler Marck zeigt verführerische Videoskulpturen.
Der Zürcher Künstler Marck zeigt verführerische Videoskulpturen. Bild: zVg
Die neue Ausstellung der IG Halle im Rapperswiler Kunstzeughaus verblüfft mit sinnlichen Werken. Erotik und Voyeurismus erhalten hier einen neuen, künstlerischen Aspekt.

Es ist eine verblüffende und womöglich nicht ganz jugendfreie Ausstellung, welche die IG Halle unter dem Motto «Voyage Voyeur» im Kunstzeughaus Rapperswil zeigt. Für den Zuschauer ungewohnt, dass er beim Betrachten der Bilder, Objekte und Skulpturen selber zum Voyeur wird. Denn so viel vornweg: Es gibt viel nackte Haut, Frauenkörper und Intimität zu bestaunen. Wobei die Werke wahrlich hochkarätig sind und deren Schöpfer wie etwas MARCK oder Clio Newton derzeit international Erfolge feiern. 

Der Rundgang durch die Ausstellung beginnt mit einem Paukenschlag in Form von drei riesigen Frauenporträts von Clio Newton. Verblüffung auch hier: Der erste Eindruck, hier handele es sich Fotografien, ist ein Irrtum. Der amerikanischen Künstlerin mit Wohnsitz Zürich gelingt es, mit ihren  extrem detailreichen Kohlezeichnungen, die flüchtige Mimik auf Frauengesichter perfekt einzufangen. Gleichzeitig umgibt die Porträts bei aller Nähe und Offenheit ein Geheimnis. 

Charlie Hochstrasser (links) und Guido Baumgartner zwischen zwei Bildern von Clio Newton. Bild: Jérôme Stern/LInth24

Von Höhepunkt zu Höhepunkt

Gleich gegenüber von Newtons Bilder folgt mit drei Videoinstallationen des Künstlers MARCK der nächste Höhepunkt. Drei weibliche Models, deren Körper von im Wind wehenden Stoffen verhüllt und enthüllt wird. Das Video verzaubert mit einer Art «Hochglanz-Erotik» – Ästhetik ist dem Künstler offensichtlich wichtig. Vielleicht noch raffinierter präsentiert sich seine Videoinstallation daneben: Ein Frauenkopf, deren schwarze Haare zur Rauchsäule werden und sich so ständig verändern. Nur schon die Arbeiten von MARCK rechtfertigen einen Besuch. 

Doch da gibt es ja noch die Werke von vier weiteren Künstlerinnen zu entdecken, zumal auch diese formal einen völlig eigenständigen Weg verfolgen. So zum Beispiel die federleichten Exponate der österreichischen Künstlerin Sonja Lackner. Sie zeigt unter anderem ein Bett aus rosa gefärbten Vogelfedern. Auch ihr Werk «Stairway to Heaven» aus demselben Material lässt den Betrachter staunen und schmunzeln. Humor kann man der Künstlerin nicht absprechen. Das wird dem Besucher spätestens bei ihren Fotografien klar. So zeigt sie etwa ein Bild einer rotgefärbten undefinierbaren Körperöffnung unter dem Titel «Who dares to enter». 

 

 

Annatina Grafs «Nightlife»-Serie verwirrt und bezaubert zugleich. Bild: Jérôme Stern/LInth24

Sprung in die Nacht

Vollends intim wird es bei der Bündnerin Annatina Graf und ihrer Bilderserie «Nightlife». Der Betrachter fühlt sich als Zeuge von rauschhaften Begegnungen in der Nacht. Mit ihren Bildern ausschliesslich in  Goldtönen und Schwarz erzeugt sie eine Illusion von Nähe: Wie in einem Film sieht man Menschen in extrem privaten Situationen – Voyeurismus als Kunstform sozusagen. 

Den beiden Co-Präsidenten der IG Halle, Guido Baumgartner und Charlie Hochstrasser, ist mir «Voyage Voyeur» eine bemerkenswerte Ausstellung gelungen. Sie sind sich bewusst, dass das Thema Voyeurismus negativ belegt ist und ihre Ausstellung auch kontroverse Diskussionen auslösen kann. Er freue sich über alle Reaktionen, sagt Guido Baumgartner. «Gerade die Werke von MARCK provozieren öfters heftige Reaktionen, wie auch diejenigen von Sonja Lackner.» Sie hätten auch schon derartige Rückmeldungen erhalten. «Aber das darf Kunst ja auch.»

 

Sonja Lackners Fotografien können auch irritieren. Bild: zVg

Corona als Auslöser für die Ausstellung

Wie kamen die beiden Ausstellungsmacher überhaupt auf das Thema? Aufgrund der Ängste rund um Corona seien bekanntlich viele Leute daheim geblieben, hätten wenig Kontakt gehabt. «Es war eine sehr unsinnliche, kalte Zeit.» Dem hätten sie etwas sehr Sinnliches entgegenstellen wollen, erklärt Baumgartner. «Eine Ausstellung, die zugleich Wärme und Erotik vermittelt.» Man könne sie durchaus als gewagt bezeichnen, aber das Motto der IG Halle laute schliesslich «Kunst, Experiment, Diskurs». 

Auch in anderer Hinsicht war Corona an der Entstehungsgeschichte beteiligt: So war es nur dank einigen abgesagten Ausstellungen in Japan, Brasilien und Russland möglich, die Werke von MARCK zu erhalten. «Darum war er auch ganz happy, dass ich ihn angefragt habe.» 

«Voyage Voyeur»

Die Ausstellung dauert vom 30. Mai bis 8. August 2021

Öffnungszeiten:
Mittwoch: 14 - 20 Uhr
Donnerstag: 14 - 17 Uhr
Freitag bis Sonntag: 11 - 17 Uhr

www.ighalle.ch

Jérôme Stern, Linth24