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Kultur
23.05.2021
01.06.2021 11:08 Uhr

Der Künstler, der in den Wolken schwebt

In Martin Arnold Rohrs Wolkenbilder verliert man sich gerne.
In Martin Arnold Rohrs Wolkenbilder verliert man sich gerne. Bild: Jérôme Stern/LInth24
Martin Arnold Rohr präsentiert in der Alten Fabrik Rapperswil-Jona seine grosse Retroperspektive. Die Rückschau verblüfft auch durch die Vielfalt seiner Werke.

Die Vielfalt ist zunächst regelrecht verwirrend. Kaum zu glauben, dass die Werke in der Ausstellungshalle der Alten Fabrik Rapperswil von einem einzigen Künstler, Martin Arnold Rohr, stammen. Wobei ein zweiter Blick zwei Hauptthemen im Schaffen des 70-Jährigen Rapperswiler Malers aufzeigt: Erstens bevorzugt er grossformatige Gemälde und zweitens konzentriert Rohr sich auf wenige Farben. 

Tatsächlich verblüffen Rohr Gemälde in der von der Gebert Stiftung für Kultur organisierten Ausstellung durch die sparsame, gleichzeitig eindrückliche Verwendung von Farben. Oft beschränkt er sich sogar auf Schwarz und Weiss. «Diese Reduktion ist mir wichtig», sagt er. «Knallbunte Gemälde interessieren mich nicht.» Wunderbares Beispiel für diese sparsame Anwendung von Farben sind seine Wolkenbilder, die Rohr als «Mediationen» bezeichnet. Mit einem Hauch von Weiss, Blau und Grau malt der Künstler Wolkengebilde von berückender Schönheit und Schlichtheit. Als Betrachter fühlt man sich wie ein Vogel am Himmel. 

Schwarzweiss-Bilder sind typisch für Martin Arnold Rohrs Schaffen. Bild: Jérôme Stern/LInth24

«Technik ist nicht so wichtig»

Beim Betrachten dieser Bilder drängt sich eine Frage unweigerlich auf: Welche Technik hat Rohr bei diesen Bildern angewandt, um diesen Effekt zu erreichen? Er habe Sand, Wasser und wenig Farbe in einem Kübel vermischt, um die Masse anschliessend aufzutragen und mit Spachtel sowie Pinsel zu bearbeiten. Wobei Rohr bescheiden hinterherschickt, die Technik sei ihm gar nicht so wichtig. 

Eine weitere Bildreihe nimmt das Auge gleich daneben gefangen, wobei diese perfekt passend in die Fenster eingepasst wurden. Auch hier nimmt man zunächst die zurückhaltenden Farben wahr, welche nicht mehr als eine sanfte Tönung der grossen Leinwände sind. Er habe die Farben Schicht um Schicht aufgetragen, sagt Rohr. «Meistens beginne ich mit Blautönen, die dann von anderen Farben überdeckt werden.» Auch hier ist dem Künstler das überzeugende Ergebnis wichtiger als die Technik. 

Mit seiner Skulptur «Requiem» zeigt Martin Arnold Rohr auch Humor. Bild: Jérôme Stern/LInth24

Fahrradschläuche erhalten ein zweites Leben

Nun ist Martin Arnold Rohr nicht nur ein begnadeter Maler, sondern ein ebenso fantasievoller Bildhauer. Bestes Beispiel dafür ist das Werk «Requiem» an einer Zwischenwand in der Mitte des Raums: Ein schwarzes Holzkreuz, umschlungen von unzähligen Fahrradschläuchen. Ihn würden alte Fundsachen und insbesondere Fahrradschläuche als Materialien faszinieren, sagt Rohr. Dann fügt er lächelnd hinzu, dass es noch einen zweiten Grund für deren Verwendung gebe. «In meiner Nachbarschaft gab es einen Velomechaniker. Von ihm erhielt ich sämtliche alten Fahrradschläuche für meine Skulpturen.»

Mit diesen Worten führt der Künstler zu grossen Skulptur namens «Wrack»: Ein sperrige Konstruktion, die wie eine Mischung aus Liegevelo und Einkaufswägelchen wirkt. Auch hier umschlingen unmengen von Fahrradschläuchen das Holzgerüst. Als Betrachter schwankt man zwischen Schmunzeln und Schauern. 

Eine weitere Frage, die sich beim Besuch der Ausstellung aufdrängt ist, weshalb Rohrs Gemälde keinen Namen haben. «Ich möchte, dass meine Bilder frei interpretierbar sind. Mit einer Namensgebung zwinge ich den Betrachter bloss meine Sichtweise auf.» Klar ist, dass in Rohrs Werken auch Humor ein wichtiges Thema ist. Und dass seine Bilder keine bedeutungsschwangere Titel benötigen – sie überzeugen alleine durch Fantasie, Farben und Können. So darf man getrost jedem raten, Rohrs Ausstellung zu besuchen, zumal sie nur noch wenige Tage dauert. 

Jérôme Stern, Linth24