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Rapperswil-Jona
25.04.2021
24.04.2021 21:26 Uhr

Zürichsee-Schiffe: 600'000 Franken – für was?

Die Panta Rhei der Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft ZSG: ohne Konsequenzen Millionen verlocht. Bild: zvg
Die 600’000-Franken-Subvention von Rappi-Jona an die Zürichsee-Schifffahrt ist abseitig. Die Schiffs-Gesellschaft ZSG ist ein fragwürdig geführter Polit-Familienbetrieb. Von Bruno Hug

2018 bezahlte Rapperswil-Jona der Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft ZSG 111'161 Franken. Schon damals forderte die Zürcher Wirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP), die ZSG müsse besser werden. Passiert ist nichts! Die Rapperswiler mussten ihr auch 2019 wieder 111'000 Franken zuschieben. Das aber war noch heilig: 2020 schoss die Subvention auf 267'000 Franken hoch.

Abstimmung am 9. Mai

Ab 2021 soll es nun geradezu unverschämt werden. Der Stadtrat von Rapperswil-Jona will der ZSG künftig jährlich 600'000 Franken überweisen! Dazu können die Bürger bis zum 9. Mai an der brieflichen Abstimmung ja oder nein sagen.
Zum Geschäft haben Stadtrat und ZSG einen Vertrag ausgehandelt. Einmal mehr bleibt dieser geheim.

Stöckling droht mit Abbau

Stadtpräsident Martin Stöckling begründet die Wahnsinnskosten mit mehr Schiffsanfahrten nach Rappi seit 2020. Ausserdem sei die ZSG an die Preise des Zürcher Tarifverbundes gebunden. Und der Kanton St. Gallen bezahle im Gegensatz zu Zürich nichts an die Schifffahrt.

Stöckling empfindet die 600'000 Franken als «gerechtfertigt» und verbindet dies mit der Drohung, bei Ablehnung sei «ein Abbau der Schiffsverbindungen nach Rapperswil wahrscheinlich.» (Wohin die Schiffe dann aber ab Zürich fahren würden, sagte er nicht.)

SVP und CVP-Präsident stimmen nein

Stöcklings «vertretbares Verhandlungsergebnis», wie er den Griff in die Stadtkasse beschreibt, kommt nicht überall an. Die SVP empfiehlt zum «intransparenten und eminent hohen Beitrag» nein zu stimmen. Und CVP-Präsident Ivo Reichenbach sagt zu Linth24, solange er nicht mehr Informationen bekomme, riskiere er ein Nein und wolle sehen, was passiert.

Fehlendes Unternehmertum

Die Ablehnung ist begründet. Denn die ZSG ist fragwürdig geführt. Ihr Tun finanziert sie nur zu 37 % selbst. 63 % der Kosten begleichen die Steuerzahler.
Diese schwache Leistung kritisiert nicht nur die Zürcher Wirtschaftsdirektorin. So schrieb die «Zürichsee Zeitung» 2019: «Träge ZSG steuert in ungewisse Zukunft. Der Technikchef entlassen. Der Direktor der einzige Kandidat und Kritik am fehlenden Unternehmertum.»

Faktisch ein Staatsbetrieb

Zu schlechter Geschäfterei passt Intransparenz. Vor allem wenn die Steuerzahler bluten. Und so sind die Geschäftsberichte der ZSG ein Buch mit sieben Siegeln. Man erfährt nicht einmal, wieviel Geld sie von jeder See-Gemeinde einsackt. Obwohl 31 % der Gesellschaft diesen Gemeinden gehören. Weitere 40 % eignen der Kanton und die Stadt Zürich.
Womit klar wird: 71 % der ZSG gehören der öffentlichen Hand. Die ZSG ist faktisch ein Staatsbetrieb (den nun Rapperswil-Jona den Zürchern subventionieren würde).

Nur 29 % des Aktienkapitals liegen bei Privaten, zu denen die Wädenswiler Bier-Dynastie Weber gehört.

«Weberei» am Steuerbord

Diese Familie ist es denn auch, welche die ZSG seit 100 Jahren in strammer – und zumindest die letzten Jahrzehnte unangebrachter – Erbfolge führt.
Angefangen hat die Unsitte mit Fritz Weber, der ab 1894 das Bier per Schiff in die Seedörfer zu liefern begann und 1919 Präsident der Zürichsee-Schifferei wurde. Auf ihn folgte 1949 Sohn Walter, der 1976 an Paul Weber übergab. Und seit 2000 sitzt dessen Sohn Peter, also Weber der Vierte, am Steuerbord der ZSG.

«Weber die Fünfte»

In einem Interview sagte Peter Weber: Zwischen der ehemaligen Brauerei Wädenswil, der Schifffahrtsgesellschaft und seiner Familie gebe es «seit Generationen eine enge Verbindung.»
Dieser bleibt er treu. 2018 hat er seine Tochter Rebecca in den ZSG-Verwaltungsrat gehievt. Sie dürfte als «Weber die Fünfte» vorgesehen sein.

Politiker ohne Schiffs-Know-how

Und da die Webers die Schifffahrt mehrheitlich durch die Steuerzahler bezahlen lassen, bestellen sie natürlich Politiker in den ZSG-Verwaltungsrat. Obwohl diese vom Geschäft kaum etwas verstehen.

Der aktuelle Verwaltungsrat: Ein Stadtrat von Rapperswil-Jona (Kurt Kälin). Ein Gemeinderat von Thalwil. Der Gemeindepräsident von Meilen. Ein Vertreter der «Aktion pro Raddampfer». Der Sekretär der Industriellen Betriebe von Zürich. Und zwei Personen, deren Berufe die ZSG als «Private» angibt. Eine dieser «Privaten» ist Präsident Webers Tochter Rebecca (!).

Fünfliber-Flop

Peter Webers Verwaltungsrat hat denn auch schon einige Flops der Extraklasse fabriziert. Man erinnert sich an den «Schiffsfünfliber». Mit dieser Bettel-Aktion wollte die ZSG ihren Passagieren nach dem Kauf des Fahrtickets beim Schiffszutritt noch fünf Franken abnehmen. Klar, dass dies massenhaft zu Protesten und zum Aus der Amateur-Aktion führte.

Der faktische Staatsbetrieb Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft wird seit 100 Jahren von der Bier-Dynastie Weber aus Au-Wädenswil geführt. Im Bild: Peter Weber der Vierte. Bild: Verwaltungsrat Peter Weber ZSG

Fehlkonstruktion Panta Rhei

Noch Schlimmeres ereignete sich um das – aus meiner Sicht –hässlichste Schiff auf Schweizer Seen, um die «Panta Rhei». Unter Präsident Weber kaufte die ZSG im österreichischen Linz für rund 10 Millionen Franken einen schwimmenden Glaskasten und liess ihn – zerlegt – mit Schwertransporten in die ZSG-Werft nach Zürich-Wollishofen karren. Dort wurde das Schiff zusammengebaut.

Die ZSG wollte mit dem Kahn «neue Massstäbe» setzen. Das gelang auf sonderbare Weise: Wenige Wochen nach seiner Einwasserung stand er schon wieder in der Werkstatt. Das Schiff wog 60 Tonnen zu viel und verursachte – weil zu wenig Tiefgang – zu hohe Wellen und damit Schäden in Häfen und an Ufern. Weshalb es für 1.2 Millionen Franken mit – undichten – Seitenschwimmern versehen wurde. Und danach Schlagseite bekam, was neue Kosten nach sich zog!

«Pfusch» und «Bastelei»

2014 wurde es nochmals schlimmer. Das Schiff, das aus gewissen Perspektiven mehr wie ein schwimmendes Mehrfamilienhaus denn wie ein Schiff aussieht, wurde von Nautik-Experen als «unsicher» eingestuft. Sie schrieben von «Pfusch» und «Bastelei» und warnten, das Schiff könnte kentern. Ein Fachmann schrieb von «irreparablem Totalschaden».

Irgendwie gelang es dann doch, den Unglücksraben hinzuklempnern. Die Freude währte aber nicht lange. 2018 versagten die Schiffsmotoren, welche im Normalfall nicht 10, sondern 40 Jahre alt werden! Zudem benötigte der Dauerpatient eine neue Verkabelung, eine «Modernisierung» und «neue Technik». Für geschätzte 4 Millionen Franken. Fazit: Mit der Panta Rhei hat die ZSG Millionen verlocht. Die Rechnung bezahlt die Öffentlichkeit!

Der neue ZSG-Direktor, ein SBB-Mann

2015 quittierte der operative Leiter der ZSG, Hans Dietrich, mit 59 seinen Job. Der Verwaltungsrat «bedauerte» dies (trotz Panta Rhei). Sein Nachfolger Roman Knecht wurde aus dem Hut gezaubert, wie es in Familienbetrieben und in der Politik gern der Fall ist. Stolz verkündete der Verwaltungsrat, Knecht kenne «den öffentlichen Verkehr aus seiner Karriere bei der SBB».

Politiker: Defizite nicht berappen

Was dem Verwaltungsrat gefiel, könnte – neben dem seiner eigenen Existenz – eines der Probleme der ZSG sein. Die Schifferei ist, wie die SBB, stark gewerkschaftlich organisiert. Gepaart mit der politischen Gleichgültigkeit kostet das viel Geld.
Derweil umgekehrt das Sparen bei Politikern eher kein Thema ist. Sie müssen Defizite nicht selbst berappen. Wie Stadtpräsident Stöckling, der die 500-prozentige Steigerung des Beitrags an die ZSG innerhalb von zwei Jahren als «gerechtfertigt» einstuft (!).

600'000 Franken sind abzulehnen

Was die ZSG braucht, sind nicht weitere öffentliche Gelder, sondern eine Durchleuchtung ihrer Geschäfte. Von unabhängigen Profis.

Die Rapperswil-Joner täten gut daran, die Abgabe an die ZSG von 600'000 Franken an der Urne abzulehnen. Die Schiffsgesellschaft müsste dann endlich über ihre Bücher. Und würde sie Rapperswils Hafen deswegen weniger anfahren, wäre dies der beste Beweis dafür, wie falsch sie geführt ist. Denn vom Zürcher Bürkliplatz wollen viele Gäste nach Rappi. Oberrieden oder Richterswil retour genügen den meisten nicht!

Bruno Hug, Linth24