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Fussball
25.11.2020
25.11.2020 08:20 Uhr

«Ich hatte schon im Bus Versagensängste»

Der Ex-Bayern-Profi Michael Sternkopf
Am kommenden Sonntag tritt der ehemalige Bayern-Profi in der Kirche im Prisma in Rapperswil auf. Linth24 hat sich mit dem sympathischen Meister von 1994 unterhalten.

Offen und ehrlich berichtet der ehemalige Fussballprofi Michael Sternkopf über seine Zeit beim FC Bayern München, mit dem er 1994 unter Franz Beckenbauer Deutscher Meister wurde. Er spricht aber auch über seine Zeit mit Depressionen und Burnout.

Linth24 hat sich mit dem ehemaligen Bayern-Profi unterhalten. Entstanden ist ein langes, tiefgründiges und schonungslos offenes Gespräch.

Michael Sternkopf, lassen Sie uns zu Beginn zurückblicken auf die Meisterfeier auf dem Marienplatz. Im vierten Jahr beim FC Bayern München konnten Sie endlich den Meisterbecher in die Höhe stemmen.  Wie waren Ihre Gefühle in diesem Moment?
Als ich zu Bayern kam, war ich noch ein ganz junger Spieler, gerade mal 20 Jahre alt und ein grosses Talent, da erhofft man sich natürlich auch mal den Meistertitel. Es hat dann vier Jahre gedauert. Umso grösser war die Freude, und umso erleichterter war ich dann, als es endlich geklappt hat. Wenn man dann im Rathaus oben steht, vor den Fans, dann ist das ein unfassbares, unbeschreiblich tolles Erlebnis, das man so nie mehr vergisst.

Ihr Trainer hiess damals Franz Beckenbauer, Sie spielten in den fünf Jahren mit Spielern wie Oliver Kahn, Klaus Augenthaler, Lothar Matthäus, Jorginho, Helmer. Welcher Mitspieler hat Sie «als junger Kerl» denn am meisten beeindruckt?
Da gab es so viele, die mich beeindruckt haben. Deutschland war 1990, als ich zu den Bayern kam, gerade Weltmeister geworden, und es stand sozusagen ein halbes Dutzend Weltmeister in der Mannschaft. Das war absolut verrückt. Aber um Ihre Frage direkt zu beantworten, dann war das sicher Klaus Augenthaler. Klaus war derjenige, der auf dem Platz sozusagen der Uli Hoeness war. Uli war für mich der grosse Macher im Verein, Klaus Augenthaler war es auf dem Platz.

Haben Sie heute noch Kontakt zu Bayern München?
Ich bin nach wie vor ein grosser Fan von Bayern und ich liebe diesen Verein. Der Kontakt zu den damaligen Mitspielern ist noch sehr intensiv. Ich spiele seit vielen Jahren für die Legendenmannschaft von Bayern München, und da haben wir pro Jahr rund fünf grosse Events. Letztes Jahr waren wir zum Beispiel Gast bei Manchester United im Old Trafford und spielten dort vor 70 000 Zuschauern gegen die Legenden von Manchester. Es sind immer grosse Highlights, denn es geht dann nicht ums Gewinnen, sondern wir spielen immer für einen guten Zweck. Es gibt keinen Druck und Konkurrenzkampf mehr, und es geht keine Welt unter, auch wenn wir mal verlieren. (lacht)

Beim Legendenspiel in Manchester traf Michael Sternkopf auf David Beckham.

Sie sprechen den Druck und Konkurrenzkampf an. Sie reden heute auch offen über die Schattenseite des Geschäfts. Ängste, Panikattacken und Burnout waren Ihre Begleiter durch die scheinbar glorreichen Jahre.
Ja, es ist mir wichtig, auch diese Seiten anzusprechen. Denn ich sage mir, es bringt keinem was, wenn ich in Vorträgen in Schulen, Unternehmen oder Gemeinden erzähle, was für ein toller Fussballer ich war. Das war ich sicher, aber um den ganz grossen Fussballer zu werden, braucht man mentale Stärke und eine gute Psyche, und die hatte ich nicht. Ich hatte vielmehr grosse Versagensängste – stellen Sie sich vor, ich sass oft im Bus, wenn wir vom Hotel ins Stadion fuhren und war vor Anspannung, Nervosität und Angst nassgeschwitzt. Einfach keine Fehler machen, einfach den ersten Ball gewinnen, den ersten Zweikampf, das ging mir durch den Kopf. Das waren für mich jeweils zum Zerreissen angespannte Situationen, die mich schlussendlich psychisch fertig machten.

Das wird bei Bayern München ja ganz besonders schwer gewesen sein.
Als ich zu Bayern kam, war da ein Starensemble, und ich war einer, der hinten anstehen musste. Das Schlimme war, dass ich mich immer über Leistung definierte. Nur wenn ich Leistung brachte, fühlte ich mich wertvoll und gut. Um mich wertvoll zu fühlen, musste ich immer besser sein als andere. Und damit konnte ich nicht umgehen, dazu war ich mental zu schwach.

Erst 2011, also lange nach der Beendigung Ihrer Aktivzeit, stellte Ihr Hausarzt die Diagnose «Burnout». Sie sagen selber, dass Ihnen die Erleichterung über die Worte Tränen hervorrief.
Ich war froh und erleichtert, dass jemand da war, der es endlich ausgesprochen hat. Ich selber spielte immer eine Rolle und wollte nie zugestehen, dass ich schwach bin. Ich habe in einer Welt gelebt, da durfte man keine Schwächen zeigen. Der Konkurrenzkampf war unerbitterlich, aber eben, über Angst oder Depressionen durfte man nicht sprechen, auch mit Blick auf die Zukunft und den weiteren Karriereverlauf.

Sie sagen heute, es waren nicht Antidepressiva, nicht Psychotherapien, sondern der Weg zum Glauben, der Ihnen geholfen hat.
Diese Freiheit, die ich heute spüre, die Ängste, die ich alle verloren habe, das war für mich eine grosse Befreiung. Mir hat der Glaube so viel gebracht – am 26. April 2018 habe ich mein Leben Jesus übergegeben und ihn in mein Herz eingeladen. Ich wusste in dem Moment nicht, was passiert, ich wusste nur eins: Es ist Hoffnung und Frieden.

Sie waren ganz oben, Sie waren ganz unten. Was würden Sie heute anders machen, wenn Sie nochmals den Weg gehen könnten?
Ich überlege oft, wie es gewesen wäre, wenn ich schon zu meiner aktiven Zeit zum Glauben gefunden hätte. Das ist eine Frage, die sich nicht beantworten lässt, das ist klar. Es hätte sicher viele positive Sachen hervorgebracht, aber ich war auch ein Spieler, der auch mal einen Freistoss oder einen Elfmeter herausgeholt hat, der keiner war. Da denke ich heute: He, hätte ich das auch gemacht, wenn ich schon im Glauben gewesen wäre, hätte ich da bewusst betrogen? 

Können Sie heute mit der dunklen Seite in Ihrem Leben besser umgehen?
Durch meinen Glauben hat sich auch meine Perspektive geändert. Ich akzeptiere auch die schlechten Phasen in meinem Leben. Ich bin mit meiner Vergangenheit heute völlig im Reinen, weil ich froh bin für alles, was ich erleben durfte. Dazu gehören auch die negativen Sachen. Gerade wenn ich davon erzähle, und auch aufzeigen kann, dass man wieder daraus herauskommen kann, dann kann ich sicherlich vielen Menschen helfen.

Kommen wir nochmals auf den Fussball zu sprechen. Hat Ihnen Ihr damaliger Clubkollege, Alain Sutter, den Schweizer Fussball etwas näher gebracht?
(lacht) Nein, darüber haben wir uns damals nicht speziell unterhalten. Aber zu Alain möchte ich gerne sagen, dass er für mich ein fantastischer Mensch ist, ein so feiner, netter Kerl, den ich damals im Team unwahrscheinlich schätzte und gemocht habe. Ich war auch froh darüber, dass wir uns zufällig vor ein paar Jahren in Mallorca im Urlaub über den Weg gelaufen sind. Wir gingen am Abend essen und hatten eine gute Zeit zusammen.

An dieser Stelle fragt Michael Sternkopf:  Wie geht es dem lokalen Verein FC Rapperswil? In welcher Liga spielt dieser?

Der FC Rapperswil-Jona spielte zwei Jahre in der zweithöchsten Liga, ist dann aber in die dritthöchste abgestiegen. Aber das Ziel ist immer noch, irgendwann wieder aufzusteigen.
Ich wünsche dem FC Rapperswil-Jona natürlich alles Gute und hoffe, dass er das Ziel, wieder in die zweithöchste Liga zurückzukehren, auch erreichen wird. Ich habe allergrösste Hochachtung, was ein Verein wie der FC Rapperswil-Jona leisten muss. In der zweiten Liga sind ja professionelle Strukturen, mit Sponsoring und TV-Gelder. Aber wenn man absteigt, dann ist das für die meisten ein «Horrorszenario». Ich habe das selber bei Kickers Offenbach erlebt, bei dem ich nach meiner aktiven Zeit zehn Jahre lang im Management gearbeitet habe.  Wir sind auch zwischen zweiter und dritten Liga hin und her gependelt. Ich wünsche dem FC Rapperswil-Jona auf alle Fälle nochmals  alles Gute und viel Glück für die Zukunft.

Rolf Lutz, Linth24