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Leserbrief
Rapperswil-Jona
17.09.2020
17.09.2020 08:45 Uhr

«Keine kämpferischen Löwen im Stadtrat»

Christoph Künzli schreibt als Rapperswiler darüber, wie er die Projekte empfindet und vor allem über seine Meinung zu den kommenden Stadtratswahlen 2020.
Linth24-Leser Christoph Künzli beschreibt umfassend seine Erfahrungen in Rapperswil-Jona und tut seine Meinung zu den Stadtratswahlen 2020 kund.

«Seit fünf Jahren wohne ich mit meiner Familie in dieser schönen Stadt. Wir geniessen die hohe Lebensqualität, das grosse sportliche Angebot, die gut funktionierenden Infrastrukturen von vieles mehr.

Fehlender Schwung

Berufsbedingt hatte ich in den vergangenen Jahren viele persönliche Kontakte und Gespräche mit den politischen Entscheidungsträgern von Stadt und Ortsgemeinde und mit Mitarbeitenden der Verwaltung. Ich konnte mir deshalb über diesen Zeitraum zu verschiedenen Sachgeschäften und Personen eine eigene Meinung bilden. Mein erster Eindruck zur politischen Landschaft, damals noch unter dem Stadtpräsidium von Erich Zoller, hat sich bis heute bestätigt: Rapperswil-Jona hat kein mitreissendes, visionäres städtisches Gesamtbild der Zukunft, welches eine positive Energie und einen motivierenden Sog bei der Bevölkerung und dem Gewerbe auslöst.

Dieser erste Eindruck ist auch nach vier Jahren Stadtpräsidium Martin Stöckling unverändert geblieben. Ich bin mir aber heute nicht so sicher, ob die Stadt mit Erich Zoller in dieser Zeit nicht mehr erreicht hätte. «Tempi passati!»

Industrielle Sichtweise für die Alterspflege

Meine sehr spezifische, aber für die älteren Menschen von Rapperswil-Jona wichtige Vision wäre der Verzicht auf das überdimensionierte neue Pflegezentrum Schachen mit 170 Betten gewesen. Ein Ersatzbau für den Meienberg und das Bürgerspital mit rund 80 Betten würde für die kommenden 20 Jahre mit den vielen zusätzlichen Alterswohnungen problemlos ausreichen und liesse bei der Alterspflege und -betreuung für die weitere Zukunft alle weiteren Optionen offen.

Es würde die Verantwortlichen über Jahre im positiven Sinne dazu bewegen, die ambulanten Dienstleistungen, Services und die Prävention in den Quartieren mit mobilen Stützpunkten auszubauen und zu fördern. Ganz im Sinne der älteren Generation, möglichst lange am Leben im Quartier teilhaben zu können. Mittel- bis langfristig würden sich kreativere, familiärere und bedürfnisorientiertere Betreuungs- und Pflegealternativen für die alten
Menschen vor Ort ergeben und die Flexibilität würde bestehen bleiben.

Diese Vision wurde damals im kleinen politischen Kreis platziert und umgehend abgewürgt. Nicht einmal ein weiteres Nachdenken und offenes Diskutieren war opportun. Dieses Vorgehen ist wie so oft persönlich erlebt symptomatisch und typisch, wenn etwas nicht in die eigene Ideologie und Vorstellung oder das politische Weltbild passt.

Keine Flexibilität in der Alterspflege

Was wird nun mit grosser Sicherheit in den kommenden 30 Jahren nach Bauvollendung im Schachen geschehen? Es werden alle Anstrengungen gemacht werden müssen, damit die 170 Betten im Jahresdurchschnitt mit 98 % ausgelastet werden können. Es wird durch diesen Grossbau keinen wirklichen Spielraum und keine Flexibilität in der Alterspflege von Rapperswil-Jona mehr geben. Dies für eine sehr lange Zukunft.

Mit dem Bau des 170 Bettenhauses wird ein überdimensionierter Belegungssachzwang für die ältere Bevölkerung von Rapperswil-Jona geschaffen. Die Betten müssen über all die Jahre belegt werden. Ob das Pflegezentrum für jemanden letztlich der geeignete Ort ist oder nicht spielt bei freien Betten in der Praxis keine Rolle mehr. Spätestens in fünf Jahren nach Bauvollendung werden die Dimensionen im Pflegezentrum Schachen mit grosser Wahrscheinlichkeit zum Problem werden.

Grosse Verschiebungen in der Alterbetreuung

Man wird Menschen ins Pflegezentrum verlegen, die ohne weiteres mit Unterstützung oder Betreuung in den eigenen vier Wänden autonom hätten leben können. Die Realität in den Pflegeheimen von Rajovita ist heute schon so, dass Menschen Betten belegen, die mit ambulanter Unterstützung
ohne weiteres noch Zuhause leben könnten. Es wird in den kommenden Jahren grosse Umbrüche und Verschiebungen in der Altersbetreuung geben. Übrigens auch ein Grund, weshalb der Stadtrat das Pflegezentrum nicht selber finanzieren will. Im Kern ist der Stadtrat selbst nicht restlos von der Grösse des Pflegezentrums Schachen überzeugt.

Altersarbeit nach industriellen Massstäben

Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer eines Bewohners im Pflegezentrum beträgt im Schnitt rund zwei Jahre. In den nächsten 30 Jahren werden somit nach Bauvollendung statistisch gesehen über 2'550 Rapperswil-Joner im Pflegezentrum Schachen ihr Leben beenden. Mit dem Pflegezentrum Schachen hat die Stadt in der Altersversorgung einen vergleichbar industriellen Standard beschlossen mit der Fehlüberlegung, je grösser desto günstiger. Als liesse sich die Altersarbeit nach industriellen Massstäben skalieren.

Stattdessen wären doch folgende zentralen Fragen ausschlaggebend: Was ist für unsere alten Menschen das Beste? Was will unsere ältere Bevölkerung tatsächlich? Was wollen die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen von Rapperswil-Jona? Wie erhalten wir uns eine grösstmögliche Flexibilität für die pflegerische und betreuerische Zukunft? Was können wir unternehmen, damit die ältere Generation so lange wie möglich am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann? Wie stellen wir sicher, dass unsere älteren Mitmenschen im Quartier bleiben können? Welche Dienstleistungen bieten wir in Quartierstützpunkten an?

Rosenpfleger&Rugby-Spieler anstatt Löwen im Stadtrat

Persönlich sehe und spüre ich keine kämpferischen Löwen im Stadtrat, die für die Bevölkerung und die Stadt wirklich das Optimalste herausholen wollen. Ich sehe und erlebe einen etwas gar selbstgefälligen und geselligen Stadtpräsidenten Martin Stöckling, der als selbstdeklarierter Rugby-Spieler lieber mit dem Kopf durch die Wand geht und anschliessend mit der
Dampfwalze über den angerichteten Schaden fährt, anstatt sich für starke und mit der Bevölkerung möglichst gut abgestimmte Zukunftslösungen einzusetzen.

Angeschlagener Furrer

Ich sehe den angeschlagenen, aber fachlich kompetenten und liebenswürdigen Bau- und Liegenschaftenchef Thomas Furrer, der den Apfel wie Walter bei Schiller’s Tell auf den Kopf legt und nur darauf wartet,
wer wohl den nächsten Pfeil gegen ihn oder seinen Apfel abschiessen wird. Nach dem Motto «Xundi Wahl!» hat er ohne Zweifel die exponierteste und schwierigste Aufgabe im Stadtrat.

Lernender Eberle

Luca Eberle ist traditionell mit der Schule verbunden und bietet noch wenig Angriffsfläche. Er pflegt seinen vom Vorgänger gut vorbereiteten und gepflegten Schulgarten aber bisher konstant und ohne grosse Veränderungen kontinuierlich weiter. In Sachen Altersarbeit verhält er sich noch zu ruhig und zu defensiv. Kein Wort in seinem Wahlflyer zur lokalen Altersarbeit. Er befindet sich bestimmt noch in einem Lernprozess.

Rosenpfleger angeführt durch Rugby-Spieler

Alle anderen nebenamtlichen Stadträte sind vermutlich auch systembedingt nicht sonderlich spürbar und pflegen die städtischen Rosengärten ohne grosses Aufsehen und möglichst diskret. Symbolisch dafür ist jeweils
die Bürgerversammlung, an der alle Nebenamtlichen während gefühlten drei Stunden die Statistenrolle auf der Bühne einnehmen dürfen.

Das sagt viel aus über das Gremium und die Rollenverteilung. Das führt mich wieder zur eingangs erwähnten Feststellung. Noch keine Löwen in Sicht für Rapperswil-Jona. Aber gute Rosenpfleger, angeführt von einem etwas unsensiblen Rugby-Spieler mit bisher wenig sichtbarem politischen Gespür für das Machbare.

Parteilose Wahlmeinung

Meine persönlichen Wahlempfehlungen als parteiloser mit liberalem Herzen:

Mit dem Martha Burkhardt-Weg haben die SP-Frauen leider nur ein vergangenheitsbezogenes Signal gesetzt. Ich hätte mir erwünscht und mich darüber gefreut, wenn ich nebst der sicherlich wieder wählbaren Tanja Zschokke zumindest noch eine weitere, zukunftsgerichtete Frau in den Stadtrat hätte wählen können. Von den Parteien wird dies aber offenbar nicht forciert und von einer kämpferischen Frauenbewegung ist in Rapperswil-Jona auch nichts zu spüren. Es bleibt somit auch in den kommenden vier Jahren vermutlich leider nur bei einer Frau im Männergremium.

Fähnrich der Stadtmusik auf Stimmzettel

Für das Stadtpräsidium und für 252'000 Franken Jahresgage interessiert sich offenbar nur Martin Stöckling auf dem Stimmzettel 2. Da keine andere von den Parteien vorgeschlagene Alternative vorhanden ist, werde ich anstelle von Martin Stöckling einen Fähnrich der Stadtmusik Rapperswil-Jona eintragen und damit ein persönliches Zeichen setzen.

Diese Erwartung habe ich ausdrücklich an Martin Stöckling, dass er in den kommenden vier Jahren besser hinhört und nicht meist voreingenommen und idiologisch alles besser weiss. Er soll nach dem morgendlichen Aufstehen als erste Amtshandlung zuerst die Rapperswil-Joner Fahne grüssen und ehren. Vielleicht hilft es ein wenig für den Start in einen bewusst geführten Tag. Ich bin Diener und nicht König von Rapperswil-Jona.

Furrer statt spontaner Leutenegger

Die Stärken und Schwächen von Thomas Furrer glaube ich zwischenzeitlich gut zu kennen. Wenn er noch etwas überzeugender an seinem Auftritt arbeitet und dynamischer wird, werden die kommenden vier Jahre vielleicht seine besten vier Jahre in Rapperswil-Jona werden.

Christian Leutenegger ist von den Bürgerlichen keine wirklich überzeugende Alternative und Empfehlung als neuer Bauchef dieser Stadt. Er weiss noch nicht einmal, was er denn wirklich besser machen will und sucht offenbar im Wesentlichen eine neue Herausforderung. Das tönt für mich eher nach einem spontanen Entscheid, als nach einer fundierten Auseinandersetzung mit den städtischen Bau-, Planungs- und Entwicklungsthemen.

Furrer als Gegenpol zu Stöckling

Martin Stöckling sucht für den Stadtrat «Kumpels», ein Team, wie er sagt. Ein Team von Rugby-Spielern vielleicht? Als geselliger Mensch ist ihm das gegenseitige Schulterklopfen sehr wichtig. Man kann danach wieder auf Abwesenden herumhacken und Halbwahrheiten verbreiten.

Thomas Furrer eignet sich für solche lockeren und scheinlustigen Spiele überhaupt nicht und ist ein sehr guter, grundehrlicher Gegenpol zum Stadtpräsidenten. Er ermöglicht weiterhin eine Sachlich- und Fachlichkeit im vollamtlichen Stadtrat und verhindert, dass die Bürgerlichen in dieser Stadt noch übermütig werden und durch die «Kumpanei» gar nichts mehr Gescheites passiert. Wir brauchen nicht das ganze Jahr Wurstkranz und Eis-zwei-Geissebei. Die 252'000 Franken Stapi-Gage sind schliesslich nicht geschenkt!

Vorher Nägel mit guten Köpfen einschlagen

Ueli Dobler und Kurt Kälin sind wieder zu wählen. Bei den neuen Kandidaten sind grundsätzlich alle drei wählbar. Meine persönliche Präferenz liegt aber klar bei Boris Meier. Er überzeugt am meisten und ist in seinen Aussagen sehr konsistent.

Die Stimmbevölkerung hat am 27. September 2020 die Wahl. Nachträglich bitte nicht reklamieren. Vorher Nägel mit guten Köpfen einschlagen. Dank an alle, die sich zur Wahl stellen!»

Christoph Künzli aus Rapperswil