Kultur
11.08.2019
12.08.2019 08:36 Uhr

Utopia Garden im KunstZeughaus

Maya von Moos: Werden und Vergehen
Als erste Institution in der Schweiz kann die IG Halle die sensationellen Fotografien vom Mars präsentieren, welche die NASA-Sonde «Mars Reconnaissance Orbiter» ab 2006 zur Erde gesendet hat.

Aus den Zehntausenden von Aufnahmen hat der Pressefotograf und Art Director Xavier Barral (1955–2019) 2013 eine Auswahl in einem umfangreichen Bildband veröffentlicht und einzelne als Silbergelatineprints für Ausstellungen realisiert.

Doris von Stokar: «In Between»

Wie aus Künstlerhand

Ursprünglich für wissenschaftliche Zwecke und zukünftige Marsmissionen erstellt, öffnen diese Bilder den Blick auf nie gesehene kosmische Formationen, die unsere Vorstellungskraft herausfordern und Assoziationen wecken, als stammten sie aus Künstlerhand. Xavier Barral hat in seiner Auswahl einen konstanten Gesichtspunkt gewählt, sodass jede Fotografie eine Breite von sechs Kilometern abdeckt. In bis anhin unerreichtem Detailreichtum zeigen die Aufnahmen erstmals die Strukturen und Konturen der Marslandschaft. Sie verweisen auf unsere Geschichte, auf die Entstehung geologischer Formen auf der Erde und konfrontieren uns gleichzeitig mit dem Unbekannten und einer utopischen Zukunft.

Ausgehend von diesen fremden, aber unerhört ästhetischen Landschaften erkundet die Ausstellung menschliche Sehnsuchtsorte im Kontext der Entwicklung von Leben auf dem Planeten. Wissenschaftliches Bildmaterial trifft auf künstlerisch-transformative Perspektiven. Mit den kargen, leblosen Landschaften in Schwarzweiss kontrastieren Denise Koblers Farbfotografien von Englischen Gärten und Parks in verschiedenen europäischen Ländern. Die Serie ist ein Langzeitprojekt, ein wiederholtes Eintauchen mit allen Sinnen in eine üppige und dennoch kontrollierte Pflanzenwelt. Der vom Menschen gestaltete Garten spiegelt als Sehnsuchtsort Vorstellungen vom Paradies und von ewiger Fülle.

Ein gemeinsamer Anlass mit der Hochschule für Technik Rapperswil am 15. Oktober greift das Thema von gestalteter gegenüber natürlicher Landschaft auf: Prof. Mark Krieger, Landschaftsarchitekt, spricht in einer Führung durch den Garten der HSR über Wachstums- und Klima-Experimente.

Als Projektionsfläche für Ursprünglichkeit und Unberührtheit bieten sich Garten Eden und der rote Planet gleichermassen an. Nur, dass sich die Menschen auf dem Mars noch ziemlich anstrengen müssten bis sie ihren ersten Apfel pflücken könnten – selbstverständlich, ohne aus ihrem selbstgeschaffenen Paradies vertrieben zu werden. Dass die Geschichte der Menschheit neu geschrieben werden könnte, ist eine der Vorstellungen, zu denen die Marsforschung anregen mag.

Zu den wissenschaftlichen Perspektiven des geplanten Marsprojekts von SpaceX und über die Projekte privater Pioniere wird an der Finissage der Ausstellung am 3. November der Raumfahrtexperte Bruno Stanek einen Fachvortrag halten.

Lebenszyklus digital

Bereits seit 2003 lässt Maya von Moos mit enormer Schöpferlust die Evolution neu ablaufen: Ihre computergenerierte Kunst beschwört in üppiger digitaler Künstlichkeit den Lebenszyklus herauf. Die Pflanzen, Tiere, Menschen und Konstruktionen in ihren Videos sind von skulpturaler Präsenz und schweben zugleich losgelöst von der Schwerkraft in einem imaginären Raum.

Ganz reale, physische Wachstumsprozesse hingegen dienen dem Fotografen Thomas Flechtner als Ausgangslage für die beiden hier präsentieren Arbeiten. Für die Serie News lässt er Pflanzen auf Zeitungspapier unterschiedlicher Länder und Sprachen keimen. Mit Germs hingegen inszeniert er Pflanzenkeime als Landschaften. Sobald die jungen Pflanzen üppig spriessen und sich über die künstlichen Oberflächen ausbreiten, versetzt er sie mittels fotografischer Perspektive in eine andere Dimension und spielt gleichzeitig mit der Spannung zwischen Natur und Künstlichkeit.

Pioniere des Lebens

Bevor jedoch irgendwo Pflanzen keimen können, sind Pionierorganismen wie Moose oder Flechten am Werk. Flechten können in extremen Bedingungen überleben und sind fähig, neue Lebensräume wie felsigen Untergrund zu erschliessen. Unter dem Titel Unknown Landscapes erforscht Maya Lalive in mehreren Fotoserien Felsoberflächen und zeigt die Flechtenstrukturen als faszinierende Mikrolandschaften. Durch ihre aussergewöhnliche Perspektive beim hochalpinen Klettern führt sie den Blick so nahe an den Felsen heran, dass die ungeahnt farbigen Flechtenlandschaften zwischen Natur und Abstraktion erlebt werden.

Franziska Rutishauser: View Dark Light Matter

Staub und Licht

Mit ihren «Lichtzeichnungen» fängt Doris von Stokar den Übergang zwischen Vergehen und Entstehen ein. Weiss auf dunklem Grund bringt sie die Formen von Samenkapseln, Stängeln und Blütenständen zum Leuchten, indem sie sie mit dem Radiergummi aus dem mit Graphitstaub eingefärbten Papier herausarbeitet. Die kreis- und strahlenförmigen Zeichnungen erinnern an Sternenhimmel und kosmische Erscheinungen und berühren in ihrer flüchtigen Materialität das Geheimnis des Lebens.

Während die Marslandschaften mit ihren unglaublichen Formen die Einwirkung elementarer kosmischer Kräfte sichtbar machen, geht es Franziska Rutishauser um die Spuren, die der Mensch auf der Erde hinterlässt. Ihre Fotografien und Malerei befassen sich aber auch mit der menschlichen Wahrnehmung, die ähnlich den Weiten des Alls ein grösstenteils unbekanntes und noch unerforschtes Gebiet ist.

Auf den Spuren einer Utopie

Die Insel als Sehnsuchtsort ist Thema des gemeinsamen Anlasses von Kunst(Zeug)Haus und IG Halle am 29. September. 300 Jahre nach der Erstveröffentlichung von Daniel Defoe’s Robinson Crusoe sprechen Prof. Johannes Riquet, Anglist und Inselforscher, und Dr. Martin Mühlheim, Anglist und Robinson Crusoe-Kenner, über Fiktion und Realität von Inseln in utopischen und anderen literarischen Texten. Die Robinson-Bibliothek – selbst eine Insel im Ausstellungsraum des Kunst(Zeug)Hauses – beherbergt rund 4000 Robinsonaden; Bücher in allen Variationen, Zeichnungen, Filme und Mappenwerke über die unfreiwillige Isolation auf einer Insel, das Fremdsein, das Stranden, das Selbstverwirklichen. Diese ein Leben lang aufgebaute Sammlung von Peter Bosshard bezeugt einerseits die Faszination des Abenteuerromans aus dem 18. Jahrhundert und spiegelt andererseits die Sehnsucht des zivilisierten Menschen nach Ursprünglichkeit und Neubeginn.

Luca Lehmann, Linth24