Home Region Sport In-/Ausland Magazin Agenda
Kanton
18.08.2022
19.08.2022 23:16 Uhr

555 Jahre: IHK St.Gallen-Appenzell feierte Jubiläum

Co-Leiterin des Stadtarchivs Dr. phil. Dorothee Guggenheimer (l.) und IHK-Direktor Markus Bänziger.
Co-Leiterin des Stadtarchivs Dr. phil. Dorothee Guggenheimer (l.) und IHK-Direktor Markus Bänziger. Bild: Marlies Thurnheer
Die Industrie- und Handelskammer (IHK) St.Gallen-Appenzell feierte am 15. August 2022 ihr 555. Jubiläum und ist wohl älteste Handelskammer der Welt. Dazu führte sie an historisch wichtige Orte in St.Gallen.

Die Geschichte der IHK St.Gallen-Appenzell respektive ihrer Vorgängerorganisationen lässt sich bis ins späte Mittelalter zurückverfolgen. Das älteste Mitgliederverzeichnis datiert auf den 15. August 1466. Damit ist die IHK St.Gallen-Appenzell die mit Abstand älteste Handelskammer der Schweiz – und wohl gar eine der ältesten weltweit.

IHK-Direktor Markus Bänziger und Dr. phil. Dorothee Guggenheimer, Co-Leiterin Stadtarchiv und Vadianische Sammlung der Ortsbürgergemeinde St.Gallen, haben am Montagvormittag auf eine Reise durch die Geschichte der IHK eingeladen und führten an Standorte von historischer Bedeutung: Vom Einsatz für den freien Aussenhandel über den Post- und Kurierdienst, die Etablierung der Telegrafie und das Bildungsengagement bis hin zum Ausbau des Eisenbahnnetzes.

  • Die Teilnehmer lauschen den Ausführung von Dr. phil. Dorothee Guggenheimer. Bild: Marlies Thurnheer
    1 / 2
  • Sie ist Co-Leiterin des Stadtarchivs und der Vadianischen Sammlung der Ortsbürgergemeinde St.Gallen. Bild: Marlies Thurnheer
    2 / 2

Die Geschichte der Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell und ihrer Vorgängerorganisationen ist eng mit jener St.Gallens verbunden. Die Stadt St.Gallen wuchs um das 719 gegründete Kloster herum, vor allem durch Handwerker und Händler, die sich hier niederliessen. Diese bauten im Spätmittelalter ein Leinentextilexportgewerbe auf. Wie in zahlreichen anderen Städten schlossen sich auch die St.Galler Handwerker in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in sechs Zünften zusammen.

IHK St.Gallen-Appenzell begann als Gesellschaft zum Notenstein

Kaufleute gründeten in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts sozusagen als Pendant zu diesen Handwerkerzünften die «Gesellschaft zum Notenstein». Das Gründungsdatum ist nicht überliefert; das älteste Mitgliederverzeichnis datiert auf den 15. August 1466. Die Kaufleute intensivierten in der Folge ihre Zusammenarbeit: Ab 1480 ist ein regelmässiger Post- und Kurierdienst mit Nürnberg überliefert, ab 1560 – damals wurde Frankreich zentraler Handelspartner – auch mit Lyon.

Auch Stadtrat Mathias Gabathuler nahm an der Führung teil. Bild: Marlies Thurnheer

1637 gründeten die St.Galler Kaufleute mit dem Kaufmännischen Directorium eine eigentliche berufspolitische Organisation. Dieses übernahm nicht nur für die Stadt, sondern für die gesamte Eidgenossenschaft wirtschaftspolitische Aufgaben. So führte es Verhandlungen mit auswärtigen Herrschern zur Sicherung von Zollprivilegien, unter anderem 1553 für den Handel mit Frankreich. Zudem war das Kaufmännische Directorium zuständig für die Schaffung handelsrechtlicher Grundlagen, die bis zum Erlass des schweizerischen Obligationenrechts zur Anwendung kamen.

Andere Fabrikanten und Unternehmer gründeten parallel zum bereits bestehenden Kaufmännischen Directorium 1875 den Handels- und Industrieverein St.Gallen, dessen Ziel vor allem die Förderung des Frei- und Aussenhandels und die Einflussnahme auf die Gesetzgebung waren. Der Handels- und Industrieverein St.Gallen und das Kaufmännische Directorium fusionierten 1991 zur Industrie- und
Handelskammer (IHK) St.Gallen-Appenzell, die durch ihre lange Geschichte die mit Abstand älteste Handelskammer der Schweiz und wohl auch von Europa ist.

IHK-Direktor Markus Bänziger. Bild: Marlies Thurnheer

IHK und Postdienst: eine jahrhundertelange Aufgabe

Seit knapp 240 Jahren ist die IHK an der Gallusstrasse in St.Gallen beheimatet. An der heutigen Nummer 14 wurde der Postverkehr von St.Gallen abgewickelt, für den die IHK über Jahrhunderte zuständig war. Nach der Kantonsgründung 1803 ging das Postregal an den Kanton über, der das Postwesen aber weiterhin bei der IHK beliess.

Nach 1848 wurde die Post in den Aufgabenbereich der Eidgenossenschaft übertragen, die den Standort aber bis in die 1860er-Jahre an der Gallusstrasse und damit im Gebäude der IHK beliess. Als die Post auszog, wurde das Gebäude für die IHK zu gross. Sie erwarb das Nebenhaus «zum Engelskopf». Heute gehört das ehemalige «Posthaus» der Ortsbürgergemeinde und heisst «Stadthaus».

Bild: Marlies Thurnheer

Vielfältiges IHK-Engagement während der Stickereiblüte

Um das Jahr 1860 lebten gut 20'000 Menschen in St.Gallen. Gut 50 Jahre zählte die Stadt bereits rund 75'000 Personen. Grund für dieses Wachstum war die personalintensive «Stickereiblüte». In den Jahrzehnten vor dem ersten Weltkrieg stammten mehr als 50 Prozent der Weltproduktion an Stickereien aus St.Gallen. St.Galler Kaufleute und mit ihr die Stadt wurden aber nicht nur mit Textilexporten vermögend und wirtschaftspolitisch einflussreich, sondern mindestens ebenso sehr auch durch den Import und vor allem auch den Zwischenhandel mit anderen Gütern.

Auch die IHK prägte verschiedene Facetten dieser Epoche wesentlich. So war sie massgeblich an der Errichtung einer Stickereibörse im heutigen Multertor-Gebäude beteiligt. Zudem war ihr die Ausbildung, darunter auch die Fachausbildung, stets ein wichtiges Anliegen. Sie gründete darum 1846 eine Webereischule und unterstützte die Fortbildungsschule für Handwerks- und Handelslehrlinge mit jährlichen Beiträgen. Zwei Jahrzehnte später gründete die IHK eine Schule für Musterzeichner. Das heutige Textilmuseum ging aus einer grossen Mustersammlung der IHK, die sowohl Lernenden als auch Fabrikanten und Zeichnern zur Verfügung stand, hervor.

  • War als Interview-Partner gefragt: IHK-Direktor Markus Bänziger (r.). Bild: Marlies Thurnheer
    1 / 2
  • Bild: Marlies Thurnheer
    2 / 2

Mitbegründerin der Uni St.Gallen und des Empa-Standorts

Im Bereich des Engagements der IHK für die Bildung muss auch die Gründung der Handelsakademie erwähnt werden, der Vorläuferin Universität St.Gallen. Auch hier war die IHK gemeinsam mit anderen Institutionen beteiligt, war sie doch der Überzeugung, dass zum Schutz der Ostschweizer Wirtschaft eine bessere Bildung der jungen Kaufleute und Industriellen zentral sei.

Sie stellte der 1898 gegründeten Handelshochschule ein Gebäude im Museumsquartier zur Nutzung zur Verfügung, trug wesentliche jährliche Kosten und hatte dementsprechend Einsitz im Hochschulrat. Auch heute noch ist die Verbindung zwischen Universität und IHK eng. Auch dass die Empa heute einen Standort in St.Gallen hat, ist der IHK zu verdanken, ging sie doch aus der 1911 von der IHK begründeten Kontroll- und Versuchsstelle für die Textilindustrie hervor.

Bild: Marlies Thurnheer

Fokus auf Diversifizierung durch neue Industrien

Der Fokus der IHK lag stets auch, aber nicht nur auf der Textilindustrie. 1926 – der Ostschweiz sass die Textilkrise aus der Zeit des 1. Weltkrieges noch in den Knochen – war die IHK federführend bei der Gründung einer Zentralstelle für die Einführung neuer Industrien. Die IHK unterstützte von Anfang an aktiv die Verwirklichung zahlreicher Eisenbahn-Projekte. Eine erste Eisenbahnlinie von Zürich westwärts wurde 1847 erbaut. 1852 wurde die St.Gallisch-Appenzellische Eisenbahngesellschaft gegründet, die den Bau einer Linie ostwärts – Rorschach-St.Gallen-Wil(-Winterthur) – zum Ziel hatte.

Für die IHK war klar, dass ein guter Anschluss an das Eisenbahnnetz für Industrie und Handel unabdingbar war. Sie zeichnete darum Aktien im Wert von CHF 250'000 (heute wären das fast CHF 4 Mio). Wenige Jahre später brachte die IHK nochmals einen Betrag in ähnlicher Grössenordnung für die Vereinigten Schweizerischen Bundesbahnen und für die Bodensee-Toggenburg-Bahn auf.

Telegrafie- und Banken-Pioniere

Auch für einen anderen historischen Meilenstein setzte sich die IHK ein: für die Telegrafie. Um 1850 hatten sämtliche umliegenden Länder bis an die Schweizer Grenze Telegrafenmasten errichtet, nur in der Schweiz ging es nicht weiter. Die IHK initiierte eine Petition an den Bundesrat und finanzierte deren Umsetzung in Form eines unverzinslichen Kredits massgeblich mit. So standen bereits im Folgejahr in St.Gallen die ersten Telegrafenmasten.

Bild: Marlies Thurnheer

Die IHK unterstützte danach den Betrieb mit jährlichen Beiträgen. Ebenfalls im 19. Jahrhundert machte sich die IHK für die Gründung einer Noten- und Zettelbank stark und verfasste erste Statuten. St.Gallen erhielt 1837 – als erst zweiter Ort der Schweiz – eine Kantonalbank, die den Namen «Bank in St.Gallen» trug. Sie übernahm Aufgaben, die für die Ostschweiz bislang vor allem der Bankenplatz Augsburg wahrgenommen hatte.

Auch beteiligte sie sich ferner an der Gründung der «St.Gallischen Hypothekarkasse» und förderte aktiv die «St.Gallische Creditanstalt». 1835 gründete sie eine eigene Bank, die Ersparnisanstalt des Kaufmännischen Directoriums, die bis in die 1960er-Jahre Bestand hatte.

Führendes Wirtschaftsnetzwerk der Ostschweiz

Heute ist IHK St.Gallen-Appenzell das führende Wirtschaftsnetzwerk der Ostschweiz. Die IHK vernetzt, informiert und inspiriert. Sie vertritt rund 1'600 zukunftsgerichtete Unternehmen aus der ganzen Region.

Die IHK engagiert sich gemäss Statuten für eine wettbewerbsfähige, umweltverträgliche Marktwirtschaft, fördert den Aussenhandel, unterstützt ihre Mitglieder im Exportgeschäft und fördert die Aus- und Weiterbildung sowie den Technologietransfer. Sein spezielles Jubiläum «555 Jahre IHK» feiert der Verband mit verschiedenen Veranstaltungen sowie mit der Kampagne «Vielfalt made in Ostschweiz», die das Wirken der IHK-Mitgliedunternehmen ins Zentrum stellt. Sämtliche Jubiläumsfeierlichkeiten wurden pandemiebedingt um ein Jahr verschoben.

Bild: Marlies Thurnheer
Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell / mik