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Rapperswil-Jona
13.05.2022

BWZ: «Die Reformen bedeuten viel Arbeit»

Angela Moulder, Leiterin der Abteilung Kaufleute und Detailhandel am BWZ Rapperswil-Jona, weiss, ob das BWZ als grösste Bildungspartnerin in der Region, parat für die Reformen ist.
Angela Moulder, Leiterin der Abteilung Kaufleute und Detailhandel am BWZ Rapperswil-Jona, weiss, ob das BWZ als grösste Bildungspartnerin in der Region, parat für die Reformen ist. Bild: Marc Weiler Photography
Auf Lehrbeginn 2022 treten im Detailhandel die reformierten Grundbildungen in Kraft. Das BWZ bereitet sich seit Längerem intensiv auf diese Reformen vor, wie Abteilungsleiterin Angela Moulder im Interview aufzeigt.

Darum geht es:

  • In knapp vier Monaten startet der Unterricht nach der Reform in der Grundbildung Detailhandel, ein Jahr später wird die kaufmännische Ausbildung neu umgestellt sein
  • Damit werden die zwei grössten Ausbildungsberufe in der Schweiz reformiert
  • Betroffen sind Lehrbetriebe, Jugendliche und Schulen
  • Angela Moulder, Leiterin der Abteilung Kaufleute und Detailhandel am BWZ Rapperswil-Jona, weiss, ob das BWZ als grösste Bildungspartnerin in der Region, parat dafür ist

Angela Moulder, was lief denn bislang in den beiden Ausbildungen KV und Detailhandel nicht gut, so dass es eine Reform braucht?
Verschiedene Entwicklungen haben diese Reformen notwendig gemacht. Im Detailhandel beispielsweise nimmt die Digitalisierung zu und der stationäre Verkauf wächst mit dem Online-Handel zusammen. Der kaufmännische Bereich verändert sich durch die Digitalisierung laufend. Darum stellen die Reformen sicher, dass die jungen Erwachsenen weiterhin gut ausgebildet sind und auf dem Arbeitsmarkt begehrt bleiben.

Sie sprechen den Arbeitsmarkt an. Insbesondere der Bankenverband hat die Reform harsch kritisiert. Man befürchtet, dass die Ausbildungen qualitativ abgewertet werden.
Wir als Schule haben keinen Einfluss, ob oder mit welchen Inhalten die Reform umgesetzt wird. Dies war ein nationaler Entscheid. Persönlich sehe ich aber keine Abwertung der Ausbildung. Wir stehen in regem Kontakt mit den Betrieben, deren Lernenden bei uns die Grundbildung besuchen. Viele Berufsbilder sind nach – verständlicherweise, bei einer Neuausrichtung - anfänglicher Skepsis gespannt und offen, was auf sie zukommt.

«Die Prüfungen werden anders aussehen und nicht mehr reines Wissen, sondern Kompetenzen prüfen»
Angela Moulder, Leiterin der Abteilung Kaufleute und Detailhandel am BWZ Rapperswil-Jona,

Ist es denn eine «richtige» Reform oder eher alter Wein in neuen Schläuchen?
Es ändert sich tatsächlich einiges. Ein Kernstück ist, dass es keinen fächerorientierten Unterricht mehr gibt, wie ihn wohl noch viele aus der Primar- und Oberstufe kennen. Es findet nicht mehr von 8 Uhr bis 10 Uhr Mathe statt und dann von halb 11 bis 12 Uhr Deutsch. Der Unterricht ist neu in Handlungskompetenzbereiche unterteilt, das heisst, mehrere Fachinhalte werden kombiniert unterrichtet. Zum Beispiel hören die Lernenden am Vormittag einen Input zu einem Thema und arbeiten am Nachmittag selbständig an Aufgaben oder Projekten. Im Fachjargon redet man von Lernpfaden, die jeder und jede im eigenen Tempo absolvieren kann. Darum gibt es im KV auch kein B- und E-Profil mehr. Die BMS gibt es aber weiterhin. Sie wird wie bisher teilweise separat geführt.

Aber Noten gibt es schon noch, oder?
(lacht) Es gibt noch Noten und Prüfungen, auch eine Abschlussprüfung. Das gehört zu einer Ausbildung dazu. Die Prüfungen werden aber anders aussehen und nicht mehr reines Wissen, sondern Kompetenzen prüfen, beispielsweise mit Fallstudien. Es geht darum, dass die Lernenden an einen Praxisbeispiel zeigen, was sie können.

Was kommt auf die Lernenden mit der Reform zu?
Die Lernenden werden selbstverständlich nach wie vor im Lernprozess unterstützt, aber sie gestalten diesen aktiv selber und sind in grösserem Masse mitverantwortlich für ihren Lernfortschritt. Auch das ist bewusst Teil der Reform, da einerseits das «Lifelong Learning» verlangt, dass man ein Leben lang seine Kompetenzen ausbaut oder vertieft, und andererseits in der Berufspraxis selbständig agierende und initiative Mitarbeitende gefragt sind.

«Der Lehrberuf wird definitiv noch anspruchsvoller, als er schon ist»
Angela Moulder, Leiterin der Abteilung Kaufleute und Detailhandel am BWZ Rapperswil-Jona,

Die Lehrpersonen haben nach der Reform ja einen «Schoggijob» - was müssen sie denn überhaupt noch machen, wenn die Lernenden alles selbständig erarbeiten?
Die Reform bedeutet für die Lehrpersonen eine fundamentale Änderung ihres Berufsverständnisses. Das Fächersystem ist seit langem internalisiert, nicht nur bei den Lernenden, sondern auch im Lehrkörper. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit wird zum Teil neu für manche Lehrpersonen sein. Wir haben zwar schon immer viel projektübergreifend am BWZ gearbeitet, aber es war und ist eine Herausforderung, den mit der Reform gestiegenen pädagogisch-didaktischen Anforderungen gerecht zu werden. Der Lehrberuf wird definitiv noch anspruchsvoller, als er schon ist, weil die Lehrpersonen allzeit bereite zentrale Wissensvermittler werden, die jederzeit sowohl fachlich, didaktisch als auch im Lehrerteam und sozial höchstkompetent agieren müssen.

Ist das BWZ denn bereit, um nach dem neuen Modell zu unterrichten?
Wir bereiten uns am BWZ seit längerem auf die Reformen vor. Praxis- und handlungskompetenzorientierter Unterricht hat bei uns eine langjährige Tradition, daher sind wir gut vorbereitet. Die Lehrpersonen im Detailhandel haben bereits Weiterbildungen zu diesem Thema absolviert und waren in alles involviert. Die Reform ist auch ein Prozess – nicht alles wird von heute auf morgen gelingen, das ist uns bewusst. Aber ich kann zufrieden sagen, dass wir gut aufgestellt und parat für die Umsetzung der Reformen sind.

Die kaufmännischen Grundbildungen und die Grundbildungen des Detailhandels sind die beiden grössten Berufsfelder in der Schweiz: Zusammen haben sie einen Anteil von fast 30 Prozent aller Lernenden. Die Grundbildungen dieser insgesamt vier Berufe (Kauffrau/mann EFZ, Büroassistent/in EBA, Detailhandelsfachfrau/mann EFZ, Detailhandelsassistent/in EBA) werden überarbeitet und so den Entwicklungen und Herausforderungen der Arbeitswelt angepasst. Die Einführung der neuen Bildungsverordnung der Detailhandelsberufe erfolgt mit Schuljahresbeginn im August 2022, jene der kaufmännischen Grundbildungen im August 2023, jeweils einlaufend mit dem ersten Lehrjahr. Die Verantwortung für die Revision liegt bei den nationalen Trägerschaften: der Schweizerischen Konferenz der kaufmännischen Ausbildungs- und Prüfungsbranche (SKKAB), der Interessengemeinschaft Kaufmännische Grundbildung Schweiz (IGKG Schweiz) und Bildung Detailhandel Schweiz (BDS).

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