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Gesundheit
04.01.2022
04.01.2022 15:35 Uhr

Käufer packt aus: So lief es beim Zertifikats-Fälscher ab

Die gefälschten Covid-Zertifikate wurden widerrufen.
Die gefälschten Covid-Zertifikate wurden widerrufen. Bild: stgallen24
Im Kanton St.Gallen wurden über 8'000 Impfzertifikate annulliert, die illegal ausgestellt wurden. Im Interview spricht ein Käufer darüber, wie er zu seinem Zertifikat kam und was ihm nun droht.

Die Meldung verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Im Kanton St.Gallen hat eine Gruppe von Personen mehrere Tausend Impfzertifikate illegal ausgestellt und dafür hohe Geldbeträge gefordert. Es handelt sich um den grössten bislang aufgedeckten Betrug der Schweiz (Linth24 berichtete). Die Personen arbeiteten in privaten Testzentren und hatten dadurch Zugang zum nationalen Ausstellsystem für Zertifikate.

Einer dieser rund 8000 Käufer hat sich nun – unter der Voraussetzung der absoluten Anonymität über seine Identität – für ein Interview bereit erklärt. 

Linth24: Herr B*., Sie haben erwähnt, dass Sie versprechen mussten, keine Informationen an die Presse weiterzuleiten. Gegenüber wem haben Sie dies versprochen?
Herr B.: Gegenüber dem, der das Zertifikat vermittelt hat.

Nun machen Sie das aber doch. Warum?
Ich werde keine konkreten Namen oder Orte nennen. Mir geht es darum zu erklären, was Menschen dazu treibt, ein illegales Zertifikat zu erwerben.

Fangen wir von vorne an. Wie wurden Sie auf das Fake-Zertifikat aufmerksam?
Ein alter Kollege, mit dem ich eigentlich nicht mehr viel Kontakt habe, hat mir auf Whatsapp geschrieben und gefragt, ob ich ein Zertifikat benötige. Ich sagte ja. 

Hat also Ihr Kollege die Zertifikate ausgestellt?
Nein, er war die Kontaktperson zwischen Aussteller und Käufer. Ein sogenannter «Wingman».

Und hat er daran Geld verdient?
So viel ich weiss, hat er einen kleinen Teil mitverdient, ja.

Wie ging es dann weiter?
Ich sollte ihm den Transfercode, den man auf der Covid-App erstellen kann, schicken. Ausserdem benötigte er noch einige persönliche Daten wie Name, Geburtsdatum und AHV-Nummer. Danach meinte er, dass er sich in circa einer Woche melden werde. In der Zwischenzeit sollte ich das Geld überweisen.

Wie viel haben Sie bezahlt?
Ich habe von Leuten gehört, die 700 bis 800 Franken bezahlt haben. Mein Zertifikat kostete mich knapp 400 Franken. Das Geld tat mir nicht sehr weh, deshalb ging ich das Risiko ein. Eine Woche später habe ich dann einen Link erhalten, mit dem ich das Zertifikat herunterladen konnte. Alles hat genau so ausgesehen wie auf einem echten Zertifikat.

Da stand also, dass Sie geimpft wurden?
Ja, mit Moderna.

Und das war es dann? Sie hatten nie Kontakt zum Aussteller?
Ich habe weder mit ihm gesprochen noch geschrieben. Es lief alles über den «Wingman».

Sie wissen also nichts über den Fälscher?
Nur, dass er in einem Testzentrum arbeitete.

Was haben Sie gemacht, als Sie ihr Zertifikat dann hatten?
Ich war mit meinen Kindern im Zoo und ein paar Mal im Restaurant. Grosse Veranstaltungen habe ich nicht besucht.

Hatten Sie denn nie Angst, dass Sie auffliegen könnten?
Nein, es gab mir sogar einen kleinen Kick.

Und hatten Sie kein schlechtes Gewissen gegenüber den Menschen, die sich wirklich impfen lassen haben?
Jeder Mensch soll frei über sich entscheiden können. Wer sich impfen möchte, soll dies tun. Wer nicht, der sollte nicht dazu gezwungen werden.

Es herrscht aber kein Impfzwang in der Schweiz.
Wenn ich nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, nicht mehr zur Arbeit gehen darf und meine Kinder darunter leiden, dass ich keine Freizeitaktivitäten mehr mit ihnen unternehme, dann herrscht da für mich schon ein gewisser Zwang.

Im Dezember flogen dann 8'000 Fake-Zertifikate auf. Wie haben Sie davon erfahren?
Meine Kontaktperson teilte mir mit, dass der Fälscher aufgeflogen sei. Ich habe natürlich sofort mein Zertifikat geöffnet und aktualisiert. Dieses wurde dann rot und es stand, dass es widerrufen wurde. Ich versuchte es zu löschen, aber das ging nicht.

Ihnen droht eine Freiheits- oder Geldstrafe. Haben Sie schon etwas von der Polizei gehört?
Nein, noch nicht. Bei den vielen gefälschten Zertifikaten dauert das bestimmt.

Würden Sie sich rückblickend nochmals ein Zertifikat kaufen?
Ich wusste ja, dass ein Risiko besteht, dass alles auffliegt. Trotzdem konnte ich es nicht mehr akzeptieren, dass man so massiv aus dem gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt wird. Ich kenne ganze Familien, die ein Zertifikat gekauft haben und zwar aus Not! Wenn der Bund solche einschneidenden Massnahmen beschliesst, dann muss man damit rechnen, dass es Menschen gibt, die da nicht mitmachen.

Sie sind also gegenüber der Pandemie kritisch eingestellt? 
Ich bin sicher kein Corona-Skeptiker, aber viele Massnahmen die beschlossen wurden, sind einfach nicht mehr nachvollziehbar. Zum Beispiel hiess es vor einem Jahr, dass Testen das Wichtigste überhaupt sei – und plötzlich besteht eine 2G-Regel. Ein getesteter, gesunder Mensch ist also gefährlicher, als ein geimpfter und möglich infizierter Mensch? Das macht in meinen Augen keinen Sinn. Deshalb hab ich auch kein schlechtes Gewissen, dass ich ein Zertifikat gekauft habe. Ich bin ja damit nicht ins Altersheim spaziert.

Vielen Dank fürs Gespräch, Herr B.

*Name durch die Redaktion geändert

mik, stgallen24/ Linth24