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05.09.2021
05.09.2021 07:02 Uhr

«Ich hätte mich früher outen sollen...»

Thomas Hofstetter ist in der Ortspartei Benken und gleichzeitig noch Vizepräsident der CVP Linthgebiet.
Thomas Hofstetter ist in der Ortspartei Benken und gleichzeitig noch Vizepräsident der CVP Linthgebiet. Bild: Rolf Lutz Linth24
Thomas Hofstetter gehört der CVP an und war vier Jahre lang Präsident der Ortspartei Rapperswil-Jona. Nach und nach hat er sich geoutet und steht heute offen zu seiner Homosexualität.

Im Linth24 Sonntagsgespräch spricht CVP-Politiker Thomas Hofstetter offen über seine Homosexualität. Er zeigt darin auch auf, wieso die Annahme des Gesetzes «Ehe für alle» für ihn so wichtig ist. 

Thomas Hofstetter, man kennt Sie vor allem aus den vier Jahren als Präsident der CVP Rapperswil-Jona. Wie sind Sie heute politisch unterwegs?
Ich bin in Benken in der Ortspartei und gleichzeitig noch Vizepräsident der CVP Linthgebiet. Und beruflich arbeite ich bei der «Die Mitte Schweiz» auf dem Generalsekretariat für die parteipolitische Positionierung. Heute bin ich also mehr im Hintergrund tätig als an der Front.

Sie selbst haben sich geoutet und stehen auch öffentlich zu Ihrer Homosexualität. War das schwierig für Sie?
Ich war bezüglich meines Outings eher ein Spätzünder. Man macht sich lange und intensive Gedanken darüber, gerade wenn man auf dem Land wohnt. Es stellte sich natürlich die Frage, wird man akzeptiert und wie gehen die Leute damit um. Ich komme aus einer traditionellen CVP-Familie, da brauchte ich auch meine Zeit, um mit mir selber im reinen zu sein. Aber irgendwann kam dann der Zeitpunkt, da man merkt, es nützt nichts, wenn man sich verstecken oder etwas verheimlichen will. Heute weiss ich, ich hätte mich früher outen sollen.

Ihr Engagement bei der CVP und Ihre sexuelle Orientierung: Bedeutete dies für Sie nie ein Interessenskonflikt?
Es hat für mich nie einen Interessenskonflikt gegeben, denn wir sind eine politische Partei, die an politischen Themen arbeitet. Ich war erstaunt, dass es sowohl bei den jüngeren wie auch bei den älteren Mitgliedern sehr gut aufgenommen wurde, resp. es wurde gar nie zu einem Thema. Auch im Familienkreis war es extrem positiv und im politischen Umfeld habe ich ebenfalls keine negative Reaktion erlebt.

Mit diesem Interview machen Sie aber noch einen weiteren Schritt und gehen an eine breite Öffentlichkeit.
Es ist nichts Spezielles, ich habe mich schon bei der Diskussion um den Namenswechsel der CVP zur Mitte stark mit Leserbriefen positioniert unter dem Motto: jung, urban und schwul – die neue Zielgruppe. Also Sie sehen, das hat schon in einer etwas geringeren Form stattgefunden.

Am 26. September 2021 stimmt die Schweiz über die «Ehe für alle» ab. Was bedeutet diese Abstimmung für Sie?
Es liegt natürlich auf der Hand, dass es für mich ein ganz persönliches Anliegen ist, weil ich auch sehr viele Leute kenne, die damit direkt betroffen sind. Für mich selbst hat es momentan noch nicht diese direkte Betroffenheit, denn ich bin noch nicht so weit, dass ich heirate. Aber allgemein gesprochen: Die Ehe für alle ist ein Gleichstellungsgesetz, in dem eigentlich sehr einfache Sachen geregelt sind, sei das im Vermögensrecht, oder bei der erleichterten Einbürgerung - übrigens ein Paradebeispiel. Wieso können bei Hetero-Heiraten die Partner erleichtert einbürgern lassen, während bei Homosexuellen das nicht möglich ist?

Bei der Abstimmung «Ehe für alle» haben aber viele Leute das weisse Brautkleid, den Altar und die Kirche im Kopf. Um das geht es aber nicht, sondern es geht um eine Änderung im Zivilgesetzbuch und ums Unterschreiben auf der Gemeinde.

Es ermöglicht auch die Adoption von Kindern. Ein Kind braucht eine Mutter und einen Vater – was halten Sie von dem Argument?
Ich verstehe das Argument durchaus, und trotzdem zeigt uns die Gesellschaft, dass es die Mutter-Vater-Konstellation gar nicht unbedingt braucht, sondern dass schon heute andere Formen existieren. Ich denke da an die Patchwork-Familien, an die vielen alleinerziehenden Mütter oder Väter, wo ein Partner fehlt – das wird durchaus akzeptiert und funktioniert in der Regel auch gut. Darüber hinaus bin ich sicher, dass gerade ein homosexuelles Paar, das ein Kind möchte, sich sehr vertieft damit auseinandersetzt und sich sehr grosse Gedanken macht, bevor es diesen Schritt macht.

Nachdem die CVP vor einigen Jahren noch die Ehe als Gemeinschaft zwischen Mann und Frau definieren wollte, votieren nun die Delegierten der CVP St. Gallen klar für die Ehe für alle. Freut Sie dieser Sinneswandel?
Es ist zugegebenermassen ein riesiger Sinneswandel und das merkt man auch, wenn man das Parlament und unsere Fraktion anschaut. Seit man seinerzeit mit der Initiative «Für Ehe und Familie – gegen die Heiratsstrafe» die Ehedefinition in die Verfassung aufnehmen wollte und damit aber scheiterte, haben sich viele Leute Gedanken gemacht und gemerkt, dass ein grosser gesellschaftlicher Wandel eingetreten ist. Auch die CVP des Kanton Schwyz, also aus einem eher konservativen Kanton, hat sich übrigens für die Ja-Parole ausgesprochen. Es hat sich was getan, und es ist sicher eine Stärke der CVP, wenn man merkt, dass ein gesellschaftlicher Wandel passiert ist, dass man diesen akzeptiert.

Ihre Prognose für die Abstimmung?
Eine sehr deutliche Annahme: Ich tippe auf über 70 % Ja-Stimmen.

Rolf Lutz, Linth24