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Gesundheit
04.09.2021

«Ist mit einer Impfung wirklich alles erledigt?»

Bewirkt die Impfung, dass alles wieder so normal wird wie vorher?
Bewirkt die Impfung, dass alles wieder so normal wird wie vorher? Bild: Tanya Gorelova/pexels
Über die freie Impfentscheidung und den Druck der Gesellschaft, das Richtige zu tun. Ein Gastbeitrag des NVS Präsidiums auf den sich stetig aufbauenden Druck, sich impfen zu lassen.

Niemand hat sich gewünscht, in eine Lage versetzt zu werden, in welcher wir Entscheidungen treffen müssen, durch welche womöglich die eigene körperliche Integrität und das Wohlergehen einer ganzen Gesellschaft gegeneinander abgewogen werden müssen. Und das basierend auf nur teilweise gesichertem Wissen, widersprüchlichen Medienberichten, Ideologien und beeinflusst auch von persönlichen Erfahrungen aus dem eigenen Leben.

Die Schuld der Ungeimpften

Und trotzdem kommen wir nicht darum herum, uns genau diesen Fragen heute zu stellen. Ganz besonders diejenigen, die sich bis dato noch nicht haben impfen lassen. Aber ist mit einer Impfung wirklich alles erledigt, alles wieder so «normal» wie vorher?

Wir beobachten mit Sorge, wie sich in unserem beruflichen und privaten Umfeld immer grössere Gräben auftun. Die Risse gehen durch Familien, Freundschaften, Unternehmen, Vereine und politische Parteien. Der Druck, sich impfen zu lassen, wird täglich grösser und grösser. Jene, die es nicht tun, werden je länger je mehr zu Tätern abgeurteilt, welche die Schuld an der nächsten Welle tragen werden und noch mehr selbst schuld sind, sollten sie dann auch noch an Covid-19 erkranken. «Sollen sie ihre Gesundheitskosten doch selbst tragen, diese Egoisten!» geht uns da definitiv zu weit.

Es gibt kein Schweizer Recht zu Impfzwang

Haben wir vergessen, wie die Pandemie entstanden ist und wie sich Covid-19 ausgebreitet hat? Wo bleibt die Bereitschaft zu reflektieren, was wir gemeinsam während den ersten beiden Wellen erreicht haben, als es noch keine Impfung gab und das Gesundheitssystem zum Glück NICHT kollabierte? Auch da gab es unterschiedliche Arten, mit der Situation umzugehen. Nicht alle haben sich an die Verordnungen des Bundesrats gehalten und doch haben wir die Krise gemeinsam recht gut überstanden.

Die Schweizer Gesetzgebung kennt zu Recht keinen allgemeinen Impfzwang. Zurzeit wird jedoch grosser Druck über die Medien aufgebaut, der es jedem und jeder quasi erlaubt – ohne darüber nachzudenken, wie übergriffig er oder sie handelt – impfkritisch eingestellte Mitmenschen vorschnell zu stigmatisieren oder gar in eine unverantwortliche, unsolidarische Ecke zu stellen.

Auch «Täter» wollen keinen Lockdown

Auch Nicht-Geimpfte wollen nicht zurück in den Lockdown. Auch sie wollen um jeden Preis den Zusammenbruch unseres Gesundheitssystems verhindern und Risikogruppen schützen. Dafür haben auch sie auf vieles verzichtet, mit den Umständen gehadert, Existenzängste ausgestanden und sind betroffenen Mitmenschen beigestanden. Und sie tun es immer noch. Viele verzichten auf grosse Feste und Reisen, gehen – wenn überhaupt, dann in kleinen Gruppen ins Restaurant oder zu Freunden zu Besuch. Viele von ihnen leben nach wie vor sehr zurückgezogen und schützen damit sich und ihr Umfeld sehr effektiv vor einer Ansteckung.

Oberstes Ziel aller Covid-19 Massnahmen war es, stets dafür zu sorgen, dass das Gesundheitssystem nicht kollabiert, die Risikogruppen zu schützen und die Ansteckungsketten zu unterbrechen. Ist uns das durch die gemeinsamen Anstrengungen nicht recht gut gelungen?

Ziel der Impfungen?

Zugegeben, viele Impfwillige haben es aus Solidarität getan. Mit den Jungen oder Alten zum Beispiel, damit diese ihr «altes» Leben wieder zurückerhalten. Oder aus Rücksicht auf die Risikogruppen. Das sind sehr nachvollziehbare Beweggründe, die wir achten und wertschätzen.

Aber wie viele von ihnen haben es gemacht, um selbst einfach wieder in ihr eigenes «altes» Leben zurückkehren zu können? Um wieder an Grossveranstaltungen gehen zu können, Flugreisen zu unternehmen, Party zu machen oder einfach, weil sie glauben, sich nicht mehr um die Ansteckungsrisiken kümmern zu müssen? Ist das nicht auch egoistisch? Oder ist es nicht vielmehr genau diese legitime, freie Entscheidung, die den Impfkritikern abgesprochen wird? Problematisch für uns ist nicht, dass sie sich impfen liessen, sondern, dass viele Geimpfte sorglos geworden sind, sich nicht mehr an die AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, im Alltag mit Maske) halten und sich insgeheim moralisch über andere erheben, die sich nicht so wie sie entschieden haben. Wer schreibt diesen Sorglosen eine Mitverantwortung zu, sollte die 4. Welle tatsächlich kommen?

Druck und Verurteilung schaffen Gräben

Wir appellieren an alle, schliessen Sie nicht von sich auf andere. Denken Sie daran, dass unsere Gesellschaft auf Toleranz, Grosszügigkeit und Solidarität aufgebaut ist. Es gibt kein richtig oder falsch in dieser Situation. Es gibt bloss die Selbstverantwortung, die darauf baut, dass jeder und jede für sich persönlich abwägt, welcher Weg der richtige ist und dann für sich eine Entscheidung trifft. Bleiben wir respektvoll mit den Menschen in unserem Umfeld und verurteilen wir nicht jene, die wir nicht kennen und über deren Beweggründe wir nichts wissen. Druckversuche und Pauschalverurteilungen machen unsere Gesellschaft krank und schaffen unnötige Gräben. Ist es nicht das, was wir am allerwenigsten möchten?

NVS Naturärzte Vereinigung Schweiz, Herisau