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Rapperswil-Jona
14.06.2021
14.06.2021 12:18 Uhr

Rapperswilerin am 1. Frauenstreik vor 30 Jahren

Mit dem Frauenstreik am 14. Juni 1991 begann Susanne Thommens politisches Engagement.
Mit dem Frauenstreik am 14. Juni 1991 begann Susanne Thommens politisches Engagement. Bild: Jérôme Stern/LInth24
Susanne Thommen aus Rapperswil-Jona hat den ersten Frauenstreiktag am 14. Juni 1991 hautnah miterlebt. Seither habe sich vieles verändert, sagt sie im LInth24-Interview.

Der 1. Frauenstreik fand vor genau 30 Jahren statt. Mit an vorderster Front dabei damals schon die Rapperswilerin Susanne Thommen.

Linth24: Frau Thommen, wie haben Sie den Frauenstreiktag vor 30 Jahren erlebt? 

Susanne Thommen: An diesem Tag war ich an der Uni Zürich, wo ich Kunstgeschichte studiert habe. An der Uni gab es schon eine sehr grosse Versammlung mit Teilnehmerinnen auch vom Uni-Spital und der ETH.  Wir haben uns alle auf der Universitätsstrasse besammelt und gingen gemeinsam zum Helvetiaplatz. 

Damals fanden viele fantasievolle Aktionen von Frauen statt. Wie haben Sie demonstriert? 

Ich hatte ein Transparent dabei. Das habe ich übrigens heute noch, aus nostalgischen Gründen. Aber ich würde es nicht mehr tragen, weil seine Botschaft so nicht mehr zeitgemäss ist. Auf dem Plakat stand «Womanpower», dafür nutze ich das ergänzte «Manpower»-Zeichen. Worüber ich mich geärgert habe: Frauen des kunstgeschichtlichen Seminars hatten im Uni-Gebäude Plakate mit Frauenbilder aufgehängt. Dabei hatten sie nicht darauf geachtet, dass alle diese Bilder von Künstlern gemalt worden waren. So habe ich mich schnell daran gemacht, auch noch ein Plakat mit Kunstwerken von Künstlerinnen zu gestalten. 

Wie hat ihr Umfeld reagiert, kamen Bekannte und Freundinnen mit Ihnen zur Demo? 

Ich wurde erst durch meine Freundinnen politisiert. Damals wohnte in Stäfa in einer WG mit drei in Frauenfragen sehr aktiven Frauen. Von ihnen wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass ich da mitmachen soll. 

Die Teilnehmerinnen an Frauenstreik zeigten sich gerne in fantasievoller Verkleidung. Bild: zVg

Nahmen an dem Frauenstreik vor 30 Jahren auch Männer teil?

Der Streik 91 wurde aus meiner Sicht wirklich sehr, sehr stark ein Frauenstreik. Ich habe drei, vier Frauen getroffen, darunter eine ganz spannende Frau, die mir nachher noch ein Buch geschenkt hat. Beim zweiten Frauenstreik im 2019 war das anders, da waren auch viele Männer dabei. 

Was war 1991 Ihre Haltung zu Gleichstellung? 

Ich fand, jetzt müssen Frauen Platz haben, sich den Platz nehmen. Heute sehe ich das eher als eine geamtgesellschaftliche Frage, weil sich inzwischen vieles verändert hat. 

Wurden die damaligen Anliegen wie etwa Gleichstellung bei Löhnen oder Mutterschaftsurlaub Ihrer Meinung nach umgesetzt? 

Nein, davon sind wir noch weit entfernt. Der damalige Frauenstreik war notwendig, weil hinsichtlich des Gleichstellungsartikels ganz viele Dinge noch nicht umgesetzt worden waren. Dieser Artikel steht zwar in der Verfassung, aber es gibt sehr viele Fragen, bei denen unsere Gesellschaft noch weiter dranbleiben und Massnahmen treffen muss, damit der wirklich umgesetzt werden kann. 

Sie sind Mitglied der SP Rapperswil-Jona und waren 2019 auf der Frauenliste der Partei für die Kantonsratswahlen. 

Ja, ich habe mich damals aufstellen lassen. Die SP wollte für die Kantonsratswahlen eine Frauen- und Männerliste machen. Da brauchte es natürlich viele Leute, um eine solche Liste zu füllen. Ich wollte die Frauen, die in den Kantonsrat wollen, unterstützen. 

Frauen im Laufgitter am Zürcher Paradeplatz. Bild: zVg

Werden sie das Jubiläum des Frauenstreiks öffentlich feiern? 

Nein, wir haben seitens der SP-Frauen nichts geplant. Wir haben das auch bewusst so entschieden, weil man nicht jedes Jahr das gleiche wiederbringen kann. Die Kraft des Frauenstreiks 2019 soll nachwirken. Einige Frauen werden sich im kleineren Rahmen treffen. Es gibt auch andere Anlässe zu feiern: Zurzeit bereiten wir in der SP das Fest zum 50-jährigen Jubiläum des Frauenstimm- und Wahlrechts vor. Ursprünglich wollten wir das schon am 7. Februar machen, mussten es wegen Corona aber auf den 11. September verschieben. Das wird ein grosses Fest auf dem Zeughausareal Rapperswil-Jona. 

Können Sie uns dazu noch mehr verraten?

Die SP-Fraktion des Kantonsrats wird in Rappi tagen, dann gibt es ein Podium mir Regierungsrätin Laura Bucher, Ein Referat über die Beteiligung von Ostschweizer Frauen in der Politik. Das ganze wird von Musik und einer Kunstperformance begleitet. 

Was gab für Sie vor 30 Jahren den Ausschlag, sich am Frauenstreik zu beteiligen?

Ich lebe sehr privilegiert. Einerseits bin ich in einer festen Partnerschaft, andererseits arbeite ich als Primarlehrerin in einem sicheren Beruf mit vielen Möglichkeiten. Als Primarlehrerin sehe ich in viele Familien hinein und bemerke Probleme. 

Geben Sie uns ein Beispiel. 

Dass die Kinderbetreuung für Familien, in denen beide Elternteile ausser Haus arbeiten wollen oder müssen noch viel zu teuer und schwer organisierbar ist. Ausserdem übernehmen Frauen immer noch einen sehr hohen Anteil an schlecht- oder unbezahlter Betreuungsarbeit. Es ist meiner Meinung nach sehr wichtig, dass ein Ausgleich zwischen Familie und Beruf für Mann und Frau gemacht werden kann. In diesem Punkt ist auch die Wirtschaft gefordert, Teilzeitarbeit zu ermöglichen. 

Jérôme Stern, Linth24