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Lifestyle
09.05.2021
08.05.2021 17:34 Uhr

Muttertag: «Mit 95 ist nicht mehr alles so wichtig»

Alice Walker kann auf ein erfülltes Leben mit vielen Erinnerungen zurückblicken. Bild: Jérôme Stern/LInth24
Alice Walker ist 95-jährig und erwartet am Muttertag weder Geschenke noch ein Fest. Die Stäfnerin freut sich einfach, dass sie noch rüstig und zwäg ist und erinnert sich im Linth-24-Interview an frühere Zeiten.

Linth24: Alice Walker, am Sonntag ist Muttertag. Was geht Ihnen als fünffache Mutter und neunfache Grossmutter durch den Kopf? 

Alice Walker: Ich hatte immer das Gefühl, ich brauche auch meinen Mann, um eine gute Mutter zu sein. Wenn jemand sagt, eine Mutter schaut nach den Kindern, kocht auch gut, dann finde ich immer, sie brauche doch auch eine Stütze, einen Mann. Darum wurde der Tag bei uns nie grossartig gefeiert.

Aber ein bisschen feierten Sie ihn doch schon? 

Ja, die Kinder schenkten mir zum Beispiel eine Zeichnung. Später beschlossen meine Schwester Vreni und ich, dass wir den Muttertag für uns selber feiern. Wir machten frischfröhlich einen Spaziergang und gingen irgendwo etwas Feines essen. Aber heute ist das aus Altersgründen nicht mehr möglich. Und für mich ist der Muttertag gar nicht so wichtig – mit 95 ist nicht mehr so viel wichtig. 

Wie war das früher: Haben Sie ihre Kinder damals strenger erzogen als heute üblich? 

Wir wohnten im eigenen Haus. Darum musste ich die Kinder nie ermahnen, leise zu sein. Das gab uns eine gewisse Freiheit, die sich auch auf die Kinder übertragen hat. Über uns wohnten noch zwei Mieter ohne Nachwuchs. Meine Kinder hatten immer viel Platz und ihre Gspännli wohnten in der Siedlungsstrasse. Autos gab es damals viel weniger. So aufzuwachsen empfand ich immer als Privileg. 

Sie geniesst ihren Lebensabend und freut sich über ihre Kinder und Enkel. Bild: Jérôme Stern/LInth24

Vermutlich war es mit fünf Kindern doch manchmal anstrengend

Sicher, aber ein ganz grosser Vorteil war, dass jedes Kind sein eigenes Zimmer hatte. Wenn sie untereinander mal Streit hatten, konnte ich im Notfall sagen: Jetzt gehst du in dein Zimmer. 

Es gab ja einiges an Haushaltsarbeiten. Hatten Sie dafür eine Hilfe? 

Ach was, wir hatten doch kein Geld. Vielleicht gab es da mal ein bisschen Staub in der Ecke. Das Putzen kam bei mir nicht an erster Stelle, aber wir hatten es schön in unserer Familie. Und da kann man sich fragen, was einem wichtiger ist. 

Durch ihre Strasse laufen viele Schulkinder. Empfinden sie diese als lauter oder frecher als früher? 

Nein, ich denke nicht. Ich finde, da wächst eine gesunde Generation heran. Sie sind vielleicht ein wenig selbständiger als früher. 

Jérôme Stern, Linth24