Benken
30.01.2019

APENZELLER HANDSTICKEREI IN BENKEN

Am 23. Januar besuchte Verena Schiegg den Fraue Morge Benken. Die Appenzellerin gehört einer kleinen Gilde von Fachfrauen an, welche die Appenzeller Handstickerei noch beherrscht.

Die Referentin nahm die Gäste im Restaurant Rössli mit auf eine Reise in die Vergangenheit und Gegenwart des filigranen Kunsthandwerks. Die Zutaten fürs Gelingen der gestickten Kunstwerke tönen simpel: Stoff, Nadel, Garn und Zeit. Doch was mit einer geschickten Hand, dem Gespür für Formen und dem Fleiss der Kunsthandwerkerin entstehen kann, ist jenseits unserer Vorstellungskraft eines auf Produktivität und Effizienz ausgerichtetem Schaffensbegriffs. Gerade in den eindrücklichen Trachtenstickereien, den stolzen Trachtenkragen, kommt das Können der Frauen und Mädchen von damals und heute besonders zum Ausdruck. Auch Verena Schiegg, die eigentlich Expertin unter den Appenzeller Handstickerinnen, investiert in einen Kragen bis zu 600 Arbeitsstunden.

Blaues Garn, um sich abzugrenzen

Die Innerrhoder Handstickerei wurde in den Blütezeiten um 1850 herum in Kaiser- und Königshäusern getragen und auch nach Übersee verkauft. Die Seiden-, Leinen- und Baumwollstickerei boomte. Viele Familien hatten ein Auskommen durch die Stickerei, welche überwiegend in Heimarbeit erledigt wurde. Die unzähligen einzigarten Stiche (Löchler, Möggler, Chrüzli, Nölli, etc.) verwandelten die Stickereiarbeiten in aufwändige Unikate, welche reissenden Absatz in der feinen Gesellschaft fanden. Mit dem Aufkommen der effizienteren Maschinenstickerei ging die Handstickerei zurück bzw. bekam billige Konkurrenz. Damit man auf den ersten Blick erkennen konnte, dass es sich um Handarbeit aus dem Kanton Appenzell Innerrhoden handelte und nicht um Massenware, wurde fortan das blaue Garn auf weissem Tuch zum Markenzeichen der echten Appenzeller Handstickerei.

Hörgenuss und Augenschmaus

Der Vortrag von Verena Schiegg, die mit ihrem unverwechselbaren Dialekt bezauberte, war für Ohr und Auge das reinste Vergnügen. Die Referentin war eine begnadete Erzählerin und liess die Fraue Morge Benken-Gäste richtiggehend eintauchen ins schöne Brauchtum. Die schönen Stücke, die sie mitgebracht hatte, gaben einen kleinen Einblick in die aufwändige Kunst und die Freude am schrittweisen Erarbeiten prachtvoller Meisterwerke. Dass aber auch - nebst traditionellen Sennenmotive und zierlichen Bettwäschebordüren - moderne Stickereisujets ihren Reiz haben, zeigte Schiegg an einer abstrakten Arbeit, welche sie für eine Künstlerin gefertigt hatte. In Kursen versucht die engagierte Appenzellerin immer wieder auch junge Leute für die kreative Arbeit zu begeistern, damit auch in Zukunft «d’Spitzlimugge» auf den «Spitzhääs» der stolzen Trachtenfrauen glänzen werden.

Nächster Fraue Morge Benken: Mittwoch 24. April 2019, 08.45 – 11.00 Uhr, Rest. Bretzelstube. Referentin: Esther Rothen, Dietlikon, «Lass dir Zeit zum Leben»

Gabi Corvi