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Lifestyle
22.01.2021

Run auf St.Galler Bordelle?

Im Kanton St.Gallen dürfen Erotik-Dienstleistungen auch während des Lockdowns angeboten werden. (Symbolbild) Bild: zVg
Während in vielen Kantonen Bordelle im zweiten Lockdown schliessen mussten, bleiben die Sexbetriebe im Kanton St.Gallen geöffnet. Lockt das nun Freier aus der ganzen Schweiz an?

Wer im Kanton Zürich, Aargau oder Thurgau ein Puff besuchen möchte, der steht vor verschlossenen Türen. Denn dort haben die Kantonsregierungen beschlossen, dass auch Sexbetriebe zur Bekämpfung der Corona-Pandemie schliessen müssen.

In St.Gallen hingegen werden noch immer Erotik-Dienstleistungen angeboten. «Grund dafür ist, dass das Bordell ein öffentlich zugänglicher Betrieb ist, der Dienstleitungen anbietet. Genau wie zum Beispiel Poststellen, Coiffeure, Tattoo- und Kosmetikstudios. Doch genau wie andere öffentlich zugängliche Geschäfte hat auch die Erotikbranche eine Sperrstunde zwischen 19 und 6 Uhr und muss am Sonntag geschlossen bleiben», heisst es auf Anfrage beim Gesundheitsdepartement St.Gallen. 

Die Realität sieht anders aus

Damit ist St.Gallen nicht alleine: Auch im Bundesrats-Kanton Bern dürfen Prostituierte weiterhin arbeiten. Das sorge laut dem «Blick» dafür, dass Freier aus der ganzen Schweiz nach Bern reisen. Deren Zahl sei in kürzester Zeit erheblich angestiegen; die Autokennzeichen aus verschiedensten Kantonen vor den Bordellen würden darauf deuten, dass man vom Verbot der anderen Kantone profitiert.

Lockt nun auch St.Gallen Freier aus der ganzen Schweiz an? «Leider nein. Die Menge der Kundschaft lässt zu wünschen übrig», sagt eine Mitarbeiterin eines St.Galler Bordells* im Gespräch. Viele Betriebe kämpfen zurzeit mit hohen Umsatzeinbussen, weil die Klienten den Bordellen wegen Sorge vor Ansteckungen fernbleiben, erklärt ein Puff-Besitzer*. Auch der fehlende Barbetrieb – der auch in Bordellen verboten ist –  schlägt negativ auf den Umsatz. «Die gesamte Erotikbranche leidet enorm. Wir wissen nicht, ob wir das finanziell überstehen», so der Betreiber. 

Neben Kondomen gehören jetzt auch Hygiene-Masken in die Bordelle. (Bild: Pixabay) Bild: zVg

«Die Kühlschränke sind leer»

Auch die kantonale Beratungsstelle «Maria Magdalena» spürt keinen deutlichen Anstieg: «Aus welchen Kantonen die Freier kommen, können wir nicht sagen. Es liegt aber nahe, dass wenn im Thurgau alle Bordelle geschlossen sind, man statt nach links nach rechts fährt. Aber die grosse Kundschaft bleibt aus», sagt Teamleiterin Margot Vogelsanger zu stgallen24.

Die Beratungsstelle ist Ansprechpartner für Personen im Sexgewerbe im Kanton. «Wir spüren grosse existenzielle Nöte; die Branche leidet stark unter den Massnahmen. Zwar gibt es gute Schutzkonzepte, die sehr sorgfältig angewendet werden, aber die Sorge vor einer Ansteckung bleibt», so Vogelsanger.

«Unser grosses Anliegen ist es, dass Sexarbeit weiterhin als Gewerbe angesehen wird und der Schutz vor Illegalität bestehen bleibt und da nicht kippt.»
Margot Vogelsanger, Teamleiterin der Beratungsstelle Maria Magdalena

Ihre Arbeit in der Beratungsstelle habe sich während der Pandemie ebenfalls verändert: «Viele Personen, die in diesem Gewerbe arbeiten, haben kaum etwas im Kühlschrank. Deshalb verteilen wir Essensgutscheine. Das gehört eigentlich nicht zu unseren Aufgaben, und auch wenn wir gerne helfen, hoffen wir natürlich, dass dies bald nicht mehr nötig sein wird.»

Viele Betriebe haben Kurzarbeit angemeldet oder als Selbständige Taggelder beantragt. Sollte der Kanton auch die Bordelle dicht machen, dann hoffe man auf finanzielle Unterstützung, ähnlich wie bei den Gastro-Betrieben.

Mehr Telefonsex und Massagen

Die Schutzkonzepte beinhalten, dass durchgehend Masken getragen werden. Das führt dazu, dass viele Dienstleistungen gar nicht mehr angeboten werden können. «Wie in anderen Branchen war auch hier Kreativität gefragt und man hat beispielsweise auf Massagen oder Telefonsex umgestellt. Da spüren wir einen deutlichen Anstieg.» Auch die erlaubten Uhrzeiten seien nicht gerade förderlich fürs Geschäft. «Um 6 Uhr geht ja kaum jemand ins Bordell», sagt Margot Vogelsanger

Ein weiteres Problem sei, dass es auch in diesem Gewerbe viele Sans-Papiers und keine passende kantonale Anlaufstelle gebe. «Unser grosses Anliegen ist es, dass Sexarbeit weiterhin als Gewerbe angesehen wird und der Schutz vor Illegalität bestehen bleibt und da nicht kippt», so Vogelsanger. 

*Namen und Betriebe der Redaktion bekannt

Miryam Koc/Matilda Good, Linth24/stgallen24