Home Gemeinden In-/Ausland Sport Magazin Agenda
Rapperswil-Jona
17.11.2019
17.11.2019 18:28 Uhr

Ein wuchtiges NEIN zur Avenida

Das Grossprojekt «Lebensader» Neue Jonastrasse/St.Gallerstrasse wurde an der Urne mit 68.7 % Nein-Stimmen klar abgelehnt. 6037 Stimmende haben sich gegen das Projekt ausgesprochen.

Um 15.00 Uhr trat Stadtpräsident Martin Stöckling und Bauchef Thomas Furrer im Stadthaus Jona vor die Medien und informierten über das Resultat des rund 100-Millionenprojekts «Lebensader«. Und was sie zu berichten hatten, das hat ihnen gar nicht gefallen. Mit 68.7 % Nein-Stimmen wurde das Projekt klar Bach ab geschickt und die Stimmenden stellen sich unmissverständlich gegen das vom Stadtradt und Kanton St.Gallen geplante Grossprojekt. 

"wir sind sehr enttäuscht..." Stadtpräsident Martin Stöckling tratt um 15.00 Uhr vor die Medien

So klang die erste Einschätzung und Analyse des Stadtpräsidenten verständlicherweise ernüchternd und alles andere als erfreut: «Wir sind sehr enttäuscht, es ist nicht nur eine Mehrheit, die sich gegen das Projekt gestellt hat, sondern es wurde wuchtig abgelehnt.» Jetzt will der Stadtrat diesbezüglich über die Bücher und eine Befragung in der Bevölkerung starten, um das Abstimmungsergebnis auch genau zu analysieren.

 

warten gespannt auf die Verkündigung

Jetzt wie weiter?

Es ist zweifellos ein herber Schlag für unsere Stadtregierung - nach der jahrelangen Planung mit dem Kanton. Und die Frage stellt sich: «jetzt wie weiter?», da sehr wahrscheinlich kein Plan-B aus der Schublade gezogen werden kann.

Für eine Seite also eine bittere Niederlage. Auf der anderen Seite stehen da aber die Gewinner, wie zum Beispiel die Hausbesitzer, die Anwohner, die Betroffen. Sie alle werden jetzt wohl aufatmen.

Fairer Handshake: Thomas Furrer gratuliert dem Gewinner Marcel Gasser

An der Medienkonferenz war auch die Interessengemeinschaft Mobilität Rapperswil-Jona mit ihrem Aushängeschild, Marcel Gasser, vor Ort. Die Freude war naturgemäss riesig. Damit ist ein zäher Kampf zielgerichtet und erfolgsgekrönt zu Ende gegangen. Mehr als 200 Stunden hat Marcel Gasser und sein Team aufgewendet, notabene mit einem bescheidenen Budget. Marcel Gasser: «Ich bin überwältigt. Wir haben ein positives Resultat erwartet, aber dass es gleich so massiv wird, das ist natürlich grandios.»

offizielle Mitteilung der Stadt

Die Stimmbevölkerung lehnt den „Stadtraum Neue Jonastrasse – St. Galerstrasse“ mit 68,7 Prozent Nein-Stimmen ab.

Die Stimmbevölkerung von Rapperswil-Jona lehnt das Projekt Stadtraum Neue Jonastrasse – St. Gallerstrasse mit 68,7 Prozent Nein zu 31,3 Prozent Ja ab. Die Stimmbeteiligung beträgt 48,5 Prozent.

Der Stadtrat ist enttäuscht, dass das Projekt „Stadtraum Neue Jonastrasse – St. Gallerstrasse“ nicht nur keine Mehrheit gefunden hat, sondern klar verworfen wurde.

Der Stadtrat ist nach wie vor überzeugt, dass die Vorlage die Weichen sowohl für die Stadtentwicklung als auch für die Mobilität innerhalb der Stadt richtige gestellt hätte. Die Stimmbevölkerung hat dies mit einer klaren Mehrheit anders gesehen. Dies ist ohne Wenn und Aber zu akzeptieren.

Um das Ergebnis jedoch differenzierter analysieren zu können, erachtet es der Stadtrat als zentral, mehr über die Gründe für das Abstimmungsverhalten der Bevölkerung zu erfahren. Zu diesem Zweck wird er ein Meinungsforschungsinstitut für eine Nachwahlbefragung beiziehen.

Der Sanierungsbedarf der Strasse war sowohl seitens der Befürworter als auch der Gegner der Vorlage unbestritten. Die Federführung für das weitere Vorgehen liegt nun beim Kanton.

Interview mit Marcel Gasser von der IG Mobilität

Nach dem Erfolg feierte die Interessensgemeinschaft Mobilität im Restaurant Zimmermann den Abstimmungssieg. Linth24 hatte die Möglichkeit, sich mit Marcel Gasser dort zu unterhalten.

Herr Gasser, Sie haben sich in den letzten Wochen mit Ihrer Organisation stark gewehrt und heute geht das Bürgerforum als klarer Sieger hervor. Sind Sie vom Resultat überrascht worden? 

Marcel Gasser: Wir sind zuversichtlich in die Abstimmung gegangen sind aber vom Ausmass resp. von der Deutlichkeit der Ablehnung selber überrascht. Wir sind gegen alle politischen Parteien ausser der SVP, aber auch gegen das Gewerbe Rapperswi-Jona, das Architekturforum und weitere Organistionen angetreten. Und haben trotzdem bei den Stimmbürgern einen durchschlagenden Erfolg verbuchen können. Das ist einfach phänomenal.

Was denken Sie, waren die Hauptgründe für dieses klare Resultat?

Marcel Gasser: Das ist eine schwierige Frage, ausschlaggebend sehe ich aber die folgenden Punkte: unverhältnismässiger Eingriff in das Stadtbild, keine Verkehrslösgung (Stau), hohe Kosten und der unüberschaubare Zeitrahmen, das dürfte wohl ausschlaggebenden Argumente für das Resultat gewesen sein.

"wir waren selber überrascht von diesem deutlichen Resultat". Marcel Gasser und die IG Mobilität bei der Feier

Viele in der Stadt sagen, es bewege sich überhaupt nichts mehr in Rapperswil-Jona, unsere Stadt entwickelt sich nicht mehr weiter. Was meinen Sie dazu?

Marcel Gasser: Fortschritt findet immer statt, dagegen wehren wir uns gar nicht - aber mit Augenmass und Bürgernähe. Vielleicht haben viele Bürger aber auch das ständige Wachstum satt und wollen mehr Lebensqualität, als immer noch weiter zu wachsen, ohne die Verkehrsprobleme zu lösen.

Mehr Lebensqualität heisst aber auch weniger Individualverkehr und mehr Bus und Langsamverkehr.

Marcel Gasser: Deshalb ist es erst recht erstaunlich, dass das Volk eine Vorlage ablehnt, welche primär den Langsamverkehr und den Bus die erwarteten Vorteile gebracht hätten.

Es stehen weitere grosse Aufgaben mit dem Kanton an. Was denken Sie, bedeutet dieses «Nein» für die zukünftigen Projekte mit dem Kanton?

Sie sprechen sicher das Thema Tunnel an. Wenn wir überhaupt je noch einmal die Chance haben wollen, einen Tunnel zu realisieren, dann bedingt das eine äusserst subtile und tiefgründige Vorgehensweise zwischen Kanton, Stadt, Parteien und Bürgern. Dies muss akribisch vorbereitet werden. Alle, und wirklich alle, müssen ins Boot geholt werden, um ein solches Infrastrukturprojekt überhaupt noch zum Erfolg führen zu können. Da sind alle Protagonisten besonders gefordert - insbesondere nach diesem Abstimmungsresultat.

Interview mit Martin Stöckling und Thomas Furrer

Warum, weshalb, wieso? Wenige Minuten nach der Verkündigung des Resultates standen genau diese Fragen im Vordergrund. Linth24 hat sich mit Stadtpräsident Martin Stöckling und Bauchef Thomas Furrer wenige Minuten nach der Resultatverkündigung über die ersten diesbezüglichen Gedanken unterhalten können.

Nach der jahrelangen Planung, die ja bereits 2012 begonnen hat, ist das Projekt heute wuchtig abgelehnt worden. Wo sehen Sie die Gründe dafür?

Thomas Furrer: Bauen im überbauten Raum ist eine sehr komplexe Angelegenheit und fordert immer Kompromisse. Die ideale Lösung zu finden, ist schwierig und es kann nie allen richtig gemacht werden. Bei Kompromissen ist ein Projekt immer angreifbar, wie wir gesehen haben. Vielleicht war die Bevölkerung auch noch nicht parat, eine Vision anzupacken.

Martin Stöckling: Die Argumente gegen das Projekt waren nicht einheitlich und sogar widersprüchlich, wenn ich so die Leserbriefe anschaue. Für die einen war dies zu viel, das wieder zu wenig und umgekehrt. Es ist schwierig, die Gründe abzuleiten, aber das wollen wir ja jetzt mit einer gezielten Umfrage in Erfahrung bringen.

 

warum, weshalb, wieso? Das waren die Fragen, die kurz nach dem Resultat im Vordergrund standen.

Sie erwähnten heute mehrmals die Befragung, welche die Stadt in Auftrag geben wird. Was genau hat es damit auf sich?

Martin Stöckling: Wenn es zu einem Nein kommt, dann wollen wir wissen, wieso. Die Federführung des Projektes lag ja beim Kanton und ihm wollen und müssen wir auch aufzeigen, wieso das Projekt abgelehnt wurde. Das spielt dann auch in die Planung weiterer Projekte mit dem Kanton.

Sie sprechen den Tunnel an?

Genau. Bei einer Tunnelabstimmung stellen sich die gleichen Fragen wie hier: Komplexes Thema, lange Bauphase, zusätzlicher Landbedarf u.v.a.m. Deshalb ist dieses Nein nun genau zu analysieren und die Lehren und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.

Hat man nach der heutigen Ablehnung einen «Plan B», resp. können einzelne Elemente aus dem abgelehnten Projekt dennoch weiter verfolgt werden, wie zum Beispiel der Ausbau des Busverkehrs?

Thomas Furrer: Das Projekt ist mit der Ablehnung vom Tisch. Einzelne Elemente aus dem abgelehnten Projekt zu nehmen, ist nicht möglich. Der Bus braucht Fläche oder eine Spur mehr, deshalb ist dies keine Option.

Rolf Lutz, Linth24