Kanton
23.10.2019
24.10.2019 08:31 Uhr

Das Stimm-Volk ist kein Stimm-Vieh

Paul Rechsteiner (Links), Marcel Dobler (Mitte), Roland Rino Büchel (Rechts).
Am Donnerstagmorgen laden SVP und FDP St.Gallen zu einer Medienorientierung wegen des 2. Wahlgangs für den Ständerat ein. Vermutlich wird ein Partei-Päckli serviert. Ein Kommentar.

Letzte Woche war die FDP noch frohen Mutes. Die Führung schrieb intern an die Mitglieder, man solle die Plakate für Marcel Dobler hängen lassen. Für den Fall eines zweiten Wahlgangs gebe es am 25. Oktober neue.

Es ist anzunehmen, dass diese Weisung bald rückgängig gemacht wird. Das Resultat von Marcel Dobler als Ständeratskandidat ist viel schlechter als erwartet. Bei der FDP-Wahlfeier in St.Gallen konnte der Duft der Chäschüeli die Enttäuschung über Doblers Abschneiden kaum übertünchen.

SVP drängt FDP

Die SVP wittert ihre Chance für ihren Kandidaten Roland Rino Büchel, 54 jährig (Foto rechts). Dieser machte im ersten Wahlgang mehr Stimmen als Dobler. Aber bedeutend weniger als Beni Würth (CVP) oder Paul Rechtsteiner (SP, Foto links). Trotzig schrieb die SVP, man erwarte, dass die FDP Dobler «zurückzieht» und « im Sinne eins bürgerlichen Tickets die Kandidatur der SVP unterstützt.»

Wofür Paul Rechsteiner steht

Wenn dieThemen Europa oder Asyl nicht im Brennpunkt sind, verliert die SVP Wahlen. Sie ist nicht die Stimme der arbeitenden Bevölkerung, der sozial Engagierten und der Menschen in prekären Verhältnissen. Wenn in Rapperwil-Jona dutzende von preisgünstigen Wohnungen abrassiert oder wegsaniert werden, dann sucht man die Stimme der SVP vergebens.

Paul Rechsteiner ist ein Linker. Das ist in der Schweiz nicht verboten. Und er ist zweierlei. Erstens ein über Jahrzehnte verdienter Politiker, heute 67 Jahre alt. Erstmals politisierte er 1986 im Nationalrat. Seit 8 Jahren vertritt er St.Gallen im Ständerat. Zweitens war Rechsteiner ein Gewerkschaftsführer und bleibt Kämpfer für den öffentlichen Verkehr sowie Sprecher der finanziell schlechter gestellten Menschen mit einheimischen oder fremdländischen Wurzeln.

Wenn ein Lahmer und ein Blinder …

Mit wem will die SVP den St.Galler Ständerat erobern? 2011 trat sie mit ihrem Star Toni Brunner gegen Rechsteiner an. In zwei Anläufen, erfolglos.

2015 kämpfte die SVP erneut gegen Rechsteiner, damals mit Thomas Müller, der an diesem Wochenende aus dem Nationalrat abgewählt wurde. Und schliesslich holte die SVP diesen Frühling noch den jungen Mike Egger, der gegen Beni Würth böse Schiffbruch erlitt.

Jetzt soll es ein FDP-SVP-Päckli richten oder anders gesagt: Ein Lahmer soll einem Blinden den Weg ins Ständerats-Stöckli weisen. Mit den Stimmen von FDP-Dobler soll SVP-Büchel gewählt werden.

Mit dem Wahl-Volk rechnen

Die Rechnung wird nicht aufgehen. Büchel hat keinen mit Beni Würth und Paul Rechsteiner vergleichbaren Leistungsausweis. Und das Stimm-Volk ist kein Stimm-Vieh, dass man von einen Gatter ins andere treiben kann.

Dabei hätte die SVP durchaus einen Kandidaten, der das Format zum Ständerat hat. Es ist Stefan Kölliker, Bildungschef des Kantons. Mit ihm hätte die SVP valable Chancen und die Wähler ebenbürtige Kandidaten zur Auswahl. Die Frage ist aber, wann Kölliker kommen soll und ob er selber überhaupt will.

Und auch dann wird es ein Thema geben, das an der Urne entschieden wird: Ist ein weiterer bürgerlichen Ständerat neben Beni Würth wirklich das Beste für den Kanton und seine Bevölkerung?

Mario Aldrovandi, Linth24
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