Linthgebiet
27.09.2019
27.09.2019 17:06 Uhr

CHANDIRAMANIS BÖRSENWOCHE NR 37

In den USA wurde ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten eingeleitet, in Grossbritannien stoppt das höchste Gericht die Zwangsferien des Parlaments – aber die Aktienkurse halten stand, allen Widrigkeiten zum Trotz.

In den vergangenen Wochen und Monaten beschäftigten uns vor allem der Handelskrieg USA-China, das Brexit-Desaster, eine Abkühlung der Weltwirtschaft und die Zinssatzsenkungen. Hinzu kamen auch einige Nebenschauplätze wie der Irankonflikt, die Migration und das Klima. Die aktuellste Schocknachricht dieser Woche war ein Amtsenthebungsverfahren gegen US-Präsident Trump – und überrascht hat auch das Urteil des obersten Gerichts Grossbritanniens wonach die Zwangspause des Parlaments nichts rechtens ist. Trotz aller «politischen Herbststürmen» konnten die Aktienmärkte einigermassen standhalten. Der Schweizer Aktienindex SMI verteidigte sein Niveau von über 10‘000 Punkten. 

Die Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens gegen den Präsidenten in den USA schlug ein wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Erstaunlich ist, dass die Amerikaner sich immer einen Hardliner als Präsidenten gewünscht hatten. Jedoch ein Telefonkontakt mit der Führung der Ukraine hat alte Wunden zwischen den Demokraten und Republikanern wieder aufgerissen. Die demokratische Mehrheitsführerin Nancy Pelosi zieht offenbar aller Register, um eine Wiederwahl von Donald Trump zu verhindern. Dieser möchte gerne für eine nochmalige vierjährige Amtsperiode antreten. Die Wahlen sind im Dezember 2020. Ob die ganze Geschichte nur heisse Luft ist, oder zu einem Grossbrand wird, kann aus heutiger Sicht nicht abschliessend beurteilt werden. Eine Absetzung eines US-Präsidenten ist äusserst selten. Die Hürden für Anklage und Prozess sind sehr hoch. Aber im Jahre 1974 stolperte Richard Nixon über die Watergate-Affäre. Bei Bill Clinton genügte ein unruhiges Privatleben nicht (Frauengeschichten, Lewinski-Affäre), um ihn aus dem Amt zu treiben. Vor Clinton und Nixon wurde lediglich Andrew Johnson 1868 angeklagt und später freigesprochen.

In Grossbritannien stoppte ein Urteil des Supreme Courts die Zwangspause des britischen Parlaments. Das bedeutet eine krasse Niederlage für den Ministerpräsidenten Boris Johnson, und macht den Austritt Grossbritanniens aus der EU (Brexit) noch komplizierter. Unklar ist, ob noch in letzter Minute ein Austrittsvertrag zustande kommt oder alles ungeordnet verläuft. Der vorgesehene Austrittstermin wäre bereits in einem Monat, Ende Oktober. 

Bei so vielen politischen Turbulenzen waren die Unternehmensnachrichten kaum die ersten Schlagzeilen in den Medien. Überraschend und ebenfalls schockierend war die Insolvenz des zweitgrössten internationalen Reisekonzerns der Welt, Thomas Cook. Zahlreiche, vor allem britische Touristen, strandeten und müssen von staatlich organisierten Rückkehraktionen heim geholt werden. In der Schweiz wurde die Bank Credit Suisse von einem Beschattungsskandal eingeholt. Die Affäre betraf den früheren CS-Manager Iqubal Khan (der zur Konkurrenz wechseln will) und den obersten Chef Tidjane Thiam. Die Gerüchte verdichten sich immer mehr, dass dieser oberste CS-Mann diese Affäre beruflich nicht übersteht. Der Wochenverlust bei der CS Aktie betrug bis Freitagnachmittag über vier Prozent. Erfreulich war dagegen die Kursentwicklung einiger Nebenwerte, erwähnenswert sind kotierte Bergbahnaktien, deren Aktienkurse wieder erwacht sind, und die sonst ein Mauerblümchendasein fristen (Titlis, Jungfrau, BVZ). Die Papiere der BVZ-Gruppe (Brig-Visp-Matterhornbahn) machten einen Kurssprung von einem Viertel. Zermatt und Glacier-Express waren offenbar in diesem Sommer beliebte Reiseziele.

Aussichten:

Es ist nicht lange her, hat die Nationalbank (SNB) die Geldpolitik leicht angepasst. Der Negativzins wurde auf gleichem Niveau belassen, aber die Konditionen für Banken etwas gelockert. Die Wirkungen sind aber wieder verpufft – vor allem gegenüber dem Euro – der sich wieder abgeschwächt hat. Vermutlich gibt es hier wieder Handlungsbedarf für die SNB in den kommenden Tagen.

Die Beziehungen zu Europa sind immer noch ungeklärt. Die Entscheidung über den Rahmenvertrag wurde bis nach den Wahlen (20. Oktober) vertagt. Auch auf Seiten der EU-Spitze gibt es Veränderungen. Jean-Claude Juncker wird von Ursula von der Leyen abgelöst. Neue Verhandlungen seien unmöglich seitens der EU, heisst es – aber vielleicht gelingen einige Anpassungen bis Ende Jahr («Feintuning»).

Sonst sind die Aktien im Vergleich zum ruppigen Umfeld teuer geworden. Aufgrund tiefer Zinsen und mangels Anlagealternativen bleiben die Investoren aber optimistisch.

 

Christopher Chandiramani
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