Linthgebiet
20.09.2019
20.09.2019 16:49 Uhr

CHANDIRAMANIS BÖRSENWOCHE NR 36

Attentate auf Ölfelder belasteten die Märkte zu Wochenbeginn. Der Rohölpreis erreichte dadurch ein Mehrmonatshoch. Im weiteren Verlauf dominierten die Zinsentscheide der Notenbanken das Börsengeschehen. Die Frage bleibt offen, wie eine Rezession abgewendet werden kann.

Die neue Woche begann mit Schockmeldungen über Brandattentate auf Ölfelder und Raffinerien in Saudi-Arabien. Der Schaden soll immens gewesen sein, bedeutet eine Zeitlang Ausfall der Hälfte der saudischen Erdölförderung bzw. fünf Prozent der weltweiten Ölproduktion. Vor fünfzig Jahren hätte ein solches Ereignis eine Weltwirtschaftskrise und einen Aktiencrash ausgelöst. Aber heute ist die Welt offenbar sparsamer und weit weniger erdölabhängig. Zudem öffneten die US-Amerikaner und andere Länder ihre Reservelager, so dass sich ein Preisanstieg in Grenzen hielt.

Am Montag eröffneten die Aktienbörsen «lediglich» um etwa ein halbes bis ein Prozent tiefer und im weiteren Verlauf erholten sich die Märkte wieder spürbar. Neu konzentrierten sich die Anleger auf die weitere Zinsentwicklung. Die US-Notenbank FED senkte den Leitzins um 0.25 Prozent – nicht ganz freiwillig. Aber nach einer Zinssenkung der Europäischen Zentralbank EZB vor ein paar Tagen hatte diese Aktion nicht überrascht. Druck kam auch vom amerikanischen Präsidenten Trump, der sich für die USA einen Null-Zins wie in Europa wünscht, um einer absehbaren Wirtschaftsabschwächung zuvorzukommen.

Etwas mehr überrascht hat jedoch die Schweizerische Nationalbank SNB. Marktbeobachter hatten eine Verschärfung bei den Negativzinsen erwartet. Die SNB lässt aber den Leitzins unverändert auf minus 0.75 Prozent und beweist damit ihre Unabhängigkeit von Politik und anderen Notenbanken. Die SNB bekräftige jedoch explizit, auf den Devisenmärkten wieder zu intervenieren – falls nötig – sollte der Schweizerfranken abermals zu übertriebener Stärke neigen. Zudem gab es für die Banken ein Zückerchen neben der bitteren Medizin mit anhaltenden Negativzinsen. Die Freigrenzen werden erhöht. Bis zu einem Maximalbetrag ist es zukünftig möglich, negativzinsfrei Geld zu parkieren. Die Banken werden somit mit einer Milliarde jährlich entlastet. Auch die Kleinsparer erhalten dadurch eine Schonfrist. Diese Ankündigung hat auch die Währungen stabilisiert, EUR/CHF auf knapp 1.10:1 und USD/CHF auf nahe 1:1 und die Bankaktien erholten sich ebenfalls überdurchschnittlich.

Aussichten

Gibt es demnächst eine Rezession, eine schmerzliche, spürbare oder nur sehr geringe? Ökonomen und Wirtschaftspresse machen sich Gedanken, sind sich uneinig. Jedenfalls hinterlässt der Handelsstreit seine Spuren, ebenso die geopolitischen Konflikte, vor allem im Nahen Osten. Energie und Treibstoffe dürften teurer werden, nicht nur wegen möglichen Klimazuschläge, sondern auch wenn das Erdöl wieder vermehrt als Waffe benützt wird. In Bezug auf das generelle Umfeld sind aber die Aktienbörsen aussergewöhnlich robust, scheinbar mangels Anlagealternativen und in Erwartung weiterer Zinssatzsenkungen.

In der Schweiz wird in einem Monat ein neues Parlament gewählt. Anschliessend gilt es wiederum grosse politische Aufgaben anzupacken, insbesondere die Altersvorsorge, Finanzen, Umwelt und Klima, Asylwesen und das Verhältnis zu Europa. Die Polarisierung bei den Parteien dürften Konsens und Lösungen erschweren. Im kommenden Dezember beginnt bei uns der Atomausstieg mit der Abschaltung des AKWs Mühleberg. Bei zunehmender Digitalisierung und E-Mobilität braucht es nun dringend Ersatz, um später drohende Stromlücken oder eine zunehmende Auslandabhängigkeit zu vermeiden.

 

Christopher Chandiramani
Melden Sie sich jetzt an: