Linthgebiet
23.08.2019

CHANDIRAMANIS BÖRSENWOCHE NR 34

Die Rezessionsängste in den USA haben sich teilweise gelegt, die Aktienbörse erholt, aber Europa leidet immer noch unter der Regierungskrise in Italien und den endlosen Diskussionen um den Brexit. Der Zinstrend ist weltweit weiterhin fallend.

Der Nachrichtenfluss aus den USA war in der Berichtswoche relativ ruhig. Die Rezessionsängste, welche vor ein paar Tagen aufflackerten, traten wieder in den Hintergrund. Bilanzen und Zwischenergebnisse wirkten zuversichtlicher, und somit erholten sich auch die Aktienbörsen. Da war schon eher Europa mit gröberen und hausgemachten Problemen beschäftigt. Der britische Premierminister Boris Johnson reiste nach Deutschland und Frankreich für Nachverhandlungen beim Brexit. Bei Angela Merkel und Emmanuel Macron fand er jedoch kein Gehör. Somit steigt die Wahrscheinlichkeit eines vertragslosen Austritts von Grossbritanniens aus der EU. In Italien hält die Regierungskrise an. Konfliktpunkt war die harte Haltung gegenüber den Bootsflüchtlingen im Mittelmeer.

Auch bei den Währungen ist wieder etwas Ruhe eingekehrt. Offenbar hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) interveniert, den Euro mit Käufen gestützt und den Franken geschwächt. Die SNB gibt normalerweise keine Auskünfte über ihre kurzfristigen Aktionen. Marktbeobachter berichten jedoch von Kaufaufträgen durch Geschäftsbanken über vier Milliarden. Diese Zahl dürfte später als Sichtguthaben der Banken in einer Zwischenbilanz der SNB wieder zu finden sein. Ein schwächerer Franken freut unsere Exporteure und den Tourismus und indirekt auch die Hauseigentümer, wenn die Zinsen durch Deviseninterventionen weiter fallen.

Einige Zwischenergebnisse von Schweizer Firmen deuten auch auf eine leichte wirtschaftliche Abkühlung hin. Kantonalbanken wie der Kantone ZH und TG sowie die Raiffeisengruppe haben ein etwas schwächeres Halbjahr 2019 hinter sich. Das gilt auch für die Medienhäuser (NZZ) und einige Industriewerte (Feintool, Kudelski, Huber&Suhner). Auffallend war der Kurssturz des Milchverarbeiters Hochdorf. Der Aktienkurs fiel hier über 20 Prozent nach Bekanntgabe einer internen Krise, hoher Verluste und einem Liquiditätsengpass. Ein Spezialfall ist der Mobilfunkbetreiben Sunrise. Eigentlich möchte die Unternehmung den Kabelnetzbetreiber UPC kaufen. Das kostet über CHF 6 Milliarden. Aber der deutsche Grossaktionär Freenet (25 Prozent Anteil an Sunrise) stellt sich quer. Diese Übernahme steht somit in der Schwebe.

Aussichten

Fallende Zinsen sind der Sauerstoff für die Aktienbörsen, sorgen auch in anspruchsvollen Zeiten immer wieder für kräftige Zwischenerholungen. Die stetigen Senkungen haben auch ihre Schattenseiten. Einerseits werden die Sparer enteignet durch Nullzins und über immer höhere Kontoführungsgebühren der Banken. Andererseits kommt unser Vorsorgesystem allmählich in Schieflage. Bei der Einführung der 2. Säule (Pensionskassen, Vorsorge durch Kapitaldeckung) in den achtziger Jahren war der Anleihenszins durchschnittlich noch über fünf Prozent, heute nahe Null, nur noch Aktien und Liegenschaften erwirtschaften eine Rendite.

Auch die AHV, welche nach dem Umlageverfahren arbeitet, hat Probleme wegen der Bevölkerungsentwicklung. Es gibt immer mehr Rentner. Die Finanzierungslücken können zukünftig durch Kapitalerträge und Reserven nicht mehr gedeckt werden. Das eidgenössische Parlament wird nach den Wahlen im Oktober eine weitere Rentenreform zügig in Angriff nehmen müssen. Der Vorstoss aus dem Nationalrat (Thomas Matter), die Löcher mit Nationalbankgewinnen zu füllen, dürfte auf immer mehr Sympathie stossen, auch wenn einige andere Politiker einen Verlust der Unabhängigkeit der SNB befürchten.

Christopher Chandiramani