Linthgebiet
17.05.2019

CHANDIRAMANIS BÖRSENWOCHE NR 20

Regulierung der Wirtschaft durch Zölle: Das «Trump’sches Experiment» beurteilt von Finanzanalyst Christopher Chandiramani.

Hauptgesprächsthema in der vergangenen Handelswoche war zwar immer noch der Handelsstreit zwischen den USA und China und allfällige Gegenmassnahmen der Chinesen. Aber der negative Einfluss auf die Aktienbörsen nahm allmählich ab. Besonders am Donnerstag kam es zu «Deckungskäufen». Optisch tiefere Aktienkurse holen offenbar die Käufer wieder zurück an die Börsen, ähnlich einem Wochenmarkt, wenn die Preise der Güter tiefer sind.

Ein grosses Ereignis aus Schweizer Sicht war der Kurzbesuch unseres Bundesratspräsidenten in den USA. Ueli Maurer traf im Weissen Haus den amerikanischen Präsidenten Donald Trump unter vier Augen. Die ist der erste bundesrätliche Besuch in dieser Form.

Auch wenn nicht alle Details dieser Begegnung bekanntgegeben wurden, lobte Trump die guten Dienste der Schweiz in Ländern wie Iran und Venezuela, wo die USA keine diplomatischen Vertretungen hat. Zudem wurden Handelsfragen zwischen der Schweiz und den USA diskutiert. Auch Bundesrat Maurer äusserte sich zufrieden an einer anschliessenden Pressekonferenz, auch wenn noch kein fertiger Handelsvertrag steht.

Auf Firmenebene hat Nestlé bekanntgegeben, das Hautpflege-Geschäft für CHF 10 Milliarden zu verkaufen. Der Aktienkurs überstieg in der Folge die Hundertermarke, was einen Rekord bedeutet. Börsenneuling Alcon gab erstmals Zwischenergebnisse bekannt. Diese sind aber kaum mit den Vorjahren vergleichbar, weil die Gesellschaft bis vor kurzem noch unter den Fittichen der Novartis beziehungsweise eine ihrer Tochtergesellschaften Novartis war. Trotzdem stieg hier der Aktienkurs um knapp 7 Prozent seit der Emission. Die St. Galler Kantonalbank erhöht zurzeit ihr Kapital durch Ausgabe neuer Aktien im Verhältnis 6:1. Das dient der Stärkung des Eigenkapitals. Damit reduziert der Kanton gleichzeitig seinen Aktienbesitz von 54 auf knapp über 50 Prozent, behält aber noch die Mehrheit über das Institut.

In den kommenden Wochen folgen letzte Generalversammlungen des Jahres mit Geschäftsabschluss 31.12.2018 sowie Dividendenzahlungen der Schweizer Firmen. Die Nachrichten und Aussichten hören sich zumeist gut an, auch wenn die Wirtschaftsdynamik im Laufe des Jahres weiter leicht nachlassen könnte. Vermutlich führt aber die Klimadiskussion längerfristig zu einem Investition- und Technologieschub.

Diese Woche war es interessant zu beobachten, wie sich die Weltwirtschaft und auch die Aktienbörsen an höhere Zölle gewöhnen können. Vermutlich ist dies eine neue Art der Steuerung der Wirtschaftsaktivitäten zu betrachten, eine Regulierung von Überhitzung und Ankurbelung, «ein Trump’sches Experiment». Früher war der Einfluss auf die  Konjunktur Sache der Notenbanken, diesbezüglich über das Zinsniveau «Gas» zu geben oder zu «bremsen». Dies bedeutet also auch vorläufig weiterhin tiefe Zinsen. Die Gesamtheit der Kreditnehmer, nicht nur Hypothekenschuldner und auch die Aktionäre freuen sich – und die Staatskassen erhalten dadurch einen Zustupf. Die Absicht, zunehmende chronischen Defizite zu reduzieren, das wäre in diesem Zusammenhang wohl keine schlechte Idee.

Bisherige Beiträge aus Chandiramanis Börsenwoche finden sich im Dossier.

Christopher Chandiramani