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Rapperswil-Jona
24.07.2022
24.07.2022 14:25 Uhr

«Auf dem Septimerpass kamen mir die Tränen»

Rahel Beer aus Jona gewann den 19. und letzten Gigathlon. Im Linth24 Gespräch erzählt sie von  dieser beeindruckenden Leistung.
Rahel Beer aus Jona gewann den 19. und letzten Gigathlon. Im Linth24 Gespräch erzählt sie von dieser beeindruckenden Leistung. Bild: zv
Die Jonerin Rahel Beer gewann anfangs Juli den 19. und letzten Gigathlon. Die 244 Kilometer schaffte sie in 16 Stunden 15 Minuten. Linth24 hat die Multisportlerin besucht. Von Rolf Lutz

Gigathlon, das bedeutet 244 Kilometer in den Disziplinen Schwimmen (3 km), Laufen (33 km), Velo (143 km), Bike (41 km) und Trailrun (24 km). Rahel Beer aus Jona gewann den 19. und letzten Gigathlon mit beeindruckenden 45 Minuten Vorsprung.

Wie man eine solche Leistung schafft, welches die grössten Herausforderungen waren und was für Erkenntnisse Rahel Beer aus dem Gigathlon für den Alltag gewonnen hat, das verrät sie im Linth24 Sonntagsgespräch.

Rahel Beer gewann den letzten Gigathlon mit grossem Vorsprung. Bild: Rolf Lutz, Linth24

Wir haben es eingangs erwähnt: Gigathlon bedeutet eine Strecke von sage- und-schreibe 244 Kilometer schwimmend, laufend und per Velo. Wie haben Sie dies geschafft?
Wenn man das so hört, dann scheint das Ganze schon etwas verrückt (lacht). Ich habe immer versucht, nicht die ganze Strecke vor Augen zu haben, sondern sie in kleine Stücke «zu schneiden.»

Wie meinen Sie das?
Ich versuchte, die ganzen 244 Kilomter auszublenden und nahm eine Disziplin nach der anderen und habe sie mental in kleine Portionen aufgeteilt. Also: Jetzt schaffe ich die 33 Kilometer Laufen. Dann wollte ich die Velostrecke schaffen, und so weiter. Auch im Training habe ich nie ganz lange Strecken trainiert, und das hat gut funktioniert. Deshalb kamen auch bei mir praktisch nie Zweifel auf, ob ich das schaffe.

Beschreiben Sie die Emotionen, als Sie nach mehr als 16 Stunden über die Ziellinie liefen.
Der emotionalste Moment war nicht einmal der Zieleinlauf, sondern als ich den Septimerpass schaffte. Da sind mir die Tränen gekommen, weil ich die schlimmsten Höhenmeter hinter mir hatte und ich zu mir sagte: Hey, jetzt schaffst du das.

Und der Zieleinlauf?
Der Zieleinlauf war überwältigend - mit der Familie und mit Freunden, die mich dort in Empfang nahmen. Es machte sich ein starkes Gefühl der Dankbarkeit in mir breit: Ich habe es geschafft, ich bin unfallfrei angekommen und ich habe den Gigathlon gewonnen. Und ich bin jetzt eine der 19 Siegerinnen.

Wieviel Zeit pro Woche haben Sie ins Training investiert, um das zu schaffen?
Etwa 15 bis 20 Stunden pro Woche, vor allem Velo und Laufen. Schwimmen habe ich nicht gross trainiert, da es meine «Königsdisziplin» ist, in die ich als Jugendliche schon sehr viele Stunden investiert hatte. Davon profitiere ich bis heute. Das Krafttraining war auch wichtig. Ich habe aber ehrlich gesagt keinen Trainingsplan gehabt, sondern bin einfach nach Gefühl an die Sache gegangen.

Können Sie sich noch an den ersten Gigathlon erinnern, an dem Sie teilgenommen haben?
Ja, das war 2005 von Tenero nach Basel. Da bin ich im «Team of Five» aber nur drei Kilometer geschwommen (lacht). Es war ein sehr eindrückliches Erlebnis.  

Sie sind Mutter und arbeiten teilzeit als Architektin. Wie haben Sie das alles unter einen Hut gebracht?
Es braucht viel Disziplin und Organisation. Ich bin von Natur aus ein sehr strukturierter Mensch. Zudem erhielt ich grosse Unterstützung von meinem Mann, den ich ja beim Gigathlon 2013kennengelernt habe. Was mir im Zeitmanagement sehr geholfen hat, war die Integration des Trainings in den Alltag.

Zum Beispiel?
Ich arbeite in St.Gallen und da bin ich einfach mit dem Rennrad von St.Gallen nach Hause gefahren. Das habe ich seit Februar jeden Montag gemacht.

Wie lange brauchen Sie dafür?
Die beste Zeit war 2 Stunden 10 Minuten.

Sie haben etwas geschafft, das für die Meisten wohl undenkbar ist. Was bringt Ihnen diese Erkenntnisse für Ihr Leben? 
Nach einer solchen Leistung hat man das Gefühl, man könne Berge versetzen. Es gibt einem eine Kraft und eine Zuversicht – man spürt, dass man auch Sachen schaffen kann, die unmöglich erscheinen.

Kommt Ihnen da eine Szene aus dem Rennen in den Sinn?
Ja. Nach 10 Stunden unterwegs hatte ich ein regelrechtes Energietief und dachte, das schaffe ich nie. Genau an dem Punkt, an dem man denkt, es geht nicht mehr, da zu erkennen, was danach doch noch geht, das ist enorm. Das nimmt man mit ins «normale Leben» und daraus kann man Kraft schöpfen, wenn man im Leben an einem schwierigen Punkt ankommt. Der Körper und die Natur geben uns Kräfte, die wir gar nicht kennen, bis wir mal ans oder übers Limit hinaus gehen.

Zum Schluss: Wenn jemand nicht unbedingt eine solche Strecke absolvieren, aber trotzdem Sport im Alltag integrieren will: Was für Tipps können Sie geben?
Es muss nicht für jeden gleich ein Triathlon, Marathon oder ähnliches sein. Hauptsache das, was man macht, macht man mit Freude. Sport heisst nicht «leiden» - es gibt so viele Varianten, die einfach Freude machen.

Das spürt man bei Ihnen besonders: Die Freude am Sport. Ist das der Schlüssel zum Erfolg?
Freude und Begeisterung, das sind im Sport die Kräfte, die sehr vieles bewegen können. Ich hoffe zudem, dass ich die Menschen motivieren kann, den Sport in den Berufs-Alltag einzubauen, wie zum Beispiel «Bike to work.» Es muss ja nicht gleich von St.Gallen nach Jona sein (lacht).

Das war der letzte Gigathlon

Seit 1998 hat der Gigathlon die Teilnehmenden in die wunderschönsten Winkel der Schweiz geführt, unzählige unvergessliche Erlebnisse beschert und einen unvergleichlichen Gigathlon-Spirit entstehen lassen. Er hat  mit Visionen, Ideen, Zielen, Motivation und neuen Erfahrungen beschenkt. Und er hat uns gleichzeitig immer auch vor grosse Herausforderungen gestellt. Nach reiflicher Überlegung haben wir uns entschlossen, die Geschichte des Gigathlon als Grossveranstaltung abzuschliessen und mit einer letzten Durchführung zusammen mit möglichst vielen Mitgliedern der Gigathlon-Community zu feiern. Am 2./3. Juli 2022 führten wir den Gigathlon zurück zu seinen Ursprüngen, indem wir die Strecke des allerersten Gigathlon in umgekehrter Richtung zurücklegten. 
Homepage Gigathlon 

Rolf Lutz, Linth24