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27.01.2022
27.01.2022 11:35 Uhr

Mediengesetz: Wie die Jagd nach Subventionen läuft

Das Mediengesetz, über das am 13. Februar abgestimmt wird, soll vermeintlich den kleinen Verlagen helfen – Stefan Millius kommentiert.
Das Mediengesetz, über das am 13. Februar abgestimmt wird, soll vermeintlich den kleinen Verlagen helfen – Stefan Millius kommentiert. Bild: Linth24
Niemand will reichen Verlegern Staatsgelder zuhalten. Deshalb bemühen sich diese, einen anderen Anschein zu erwecken. Ein Gast-Kommentar vom «Die Ostschweiz»-Chefredaktor Stefan Millius.
  • Gast-Kommentar von Stefan Millius

Der «Bote vom Untersee und Rhein» ist ein in Steckborn beheimateter kleiner Verlag, der 20 Gemeinden mit Informationen über das lokale Geschehen versorgt. Das ist löblich, das ist schön. Niemand will dem «Boten» an den Kragen, warum denn auch? Die Redaktion erfüllt eine wichtige Aufgabe, die Leute in der Region sind froh, dass es ihn gibt. Und nichts spricht dafür, dass das schon bald nicht mehr der Fall ist. Die 5000 Abonnenten plus Druckaufträge aus der Region sorgen dafür, dass die Zeitung problemlos existieren kann. Jedenfalls ist nichts Gegenteiliges bekannt.

Nur hat die Zeitung leider keine wirkliche Onlineausgabe. Man findet dort lediglich – wenn man Abonnent ist – das E-Paper zur aktuellen Ausgabe. Eine digitale, tagesaktuelle Berichterstattung sucht man vergeblich. Dies, während quer durchs Land haufenweise lokale Onlinezeitungen entstehen und es für einen bestehenden, gut verankerten Verlag sehr viel einfacher ist, eine solche zu gründen als für jemanden, der aus dem Nichts kommt. Es ist ja schon alles da: Eine Redaktion, ein Korrespondentennetz, eine Leserschaft. Und die Technologie gibt es weiss Gott auch.

Worauf wartet der «Bote vom Untersee und Rhein»? Ganz einfach: Auf Geld vom Steuerzahler. Dafür braucht es am 13. Februar 2022 ein Ja zum Mediengesetz. Oder wie es der «Bote»-Verleger Martin Keller sagt: «Wenn die Stimmberechtigten es annähmen, bekämen wir den finanziellen Spielraum, um online präsenter zu sein.»

Diese Aussage macht er in den den Ostschweizer Ausgaben der Regionalmedien, die der Verlag CH Media herausgibt. Dort ist dem kleinen Verlag ein grosser Artikel gewidmet. Die CH Media von Verleger Peter Wanner will am 13. Februar auch an die Subventionstöpfe. Weil es dem Unternehmen aber wirtschaftlich glänzend geht, ist es nicht ganz einfach, der Stimmbevölkerung die Notwendigkeit von staatlichen Subventionen klar zu machen. Dann nimmt man eben den «Boten vom Untersee und Rhein», um die Botschaft zu verbreiten. Selbstlos wollen «Thurgauer Zeitung» oder «St.Galler Tagblatt» dem kleinen Kollegen aus Steckborn helfen, um sich weiterzuentwickeln. Es geht natürlich nur um den lokalen Verlag, nicht um die Ambitionen des Medienkonzerns.

So weit, so durchsichtig. In Wahrheit will die CH Media natürlich mit dem sorgfältig ausgesuchten Beispiel belegen, dass die Subventionen den putzigen kleinen Zeitungen helfen und sie deshalb dringend befürwortet werden sollen. Der Zeitungsbeitrag ist nichts anderes als Teil der Abstimmungskampagne.

«Aber vergessen wir das für den Moment und kümmern uns um den «Boten». Er hat sich bisher nicht in digitale Gefilde getraut. Die Webseite sieht aus, als hätte sie ein Schüler 2005 in einer Projektarbeit programmiert. Nichts von dem, was die meisten Medienkonsumenten seit Jahren als selbstverständlich ansehen, ist hier zu finden. Es ist ein veritabler Dinosaurier im Netz.

Warum ist das so? Er habe «den Schritt ins digitale Zeitalter bisher hinausgezögert», sagt Verleger Martin Keller in diesem Artikel. Die Gründe verrät er nicht. Er sagt aber, dass er sich sofort ins Abenteuer stürzen würde, wenn Geld vom Bund fliesst. Obwohl es dem Unternehmen offenbar gut geht, man sei schlank unterwegs und könne darum bestehen, so Keller.

Zwei Fragen dazu:

  • Wenn ein Verlag im Jahr 2022 gut da steht, warum vernachlässigt er dann seit Jahren die Zukunft, die sich glasklar seit langem abbildet, nämlich die Digitalisierung von Informationen?
  • Warum ist es das Problem des Steuerzahlers, dass der Verlag «bisher gezögert» hat, und warum ist es für den nächsten zwingenden Schritt unbedingt nötig, dass die Medienförderung ausgebaut wird?

Jedes Unternehmen, unabhängig von der Branche, muss sich weiterentwickeln. Es muss sich überlegen, wohin die Reise geht und dann den richtigen Kurs einschlagen. Wer heute noch analoge Filmrollen für Fotokameras herstellt, muss sich nicht wundern, wenn es bachab geht. Bei Medien ist das nicht anders. Es wird den «Boten vom Untersee» in der heutigen Form mit zwei gedruckten Ausgaben pro Woche nicht auf ewig geben. Das Benutzerverhalten verändert sich, die heutige Jugend hält gedruckte Medien bereits für Museumsstücke. Wie lange sich das alte Modell noch halten wird, ist offen, aber klar ist: Wer sich nicht zumindest parallel dazu in die digitale Richtung entwickelt, ist irgendwann aus dem Rennen.

Das weiss man. Schon lange. Aber der «Bote vom Untersee und Rhein» wartet, bis Geld vom Staat kommt, um das längst Unübersehbare in Angriff zu nehmen. Das hat nichts mit Unternehmertum zu tun. Da ist nichts von Risikobereitschaft zu sehen.

Ein Nein am 13. Februar wäre kein Weltuntergang, sagt der Verleger in den Blättern von CH Media, man würde einfach gedruckt weitermachen und «der Online-Auftritt, der eigentlich überfällig ist, würde weiter hinausgeschoben.» Was für eine traurige Aussage. Welche Firma schiebt etwas, das «eigentlich überfällig» ist, weiter hinaus, einfach weil kein Geld vom Bund kommt? Wenn es überfällig ist, macht man es. Man sucht Investoren, man sucht neue Finanzierungsmodelle, man schliesst sich mit anderen in ähnlicher Situation zusammen, kurz und gut: Man versucht irgendetwas, um das «eigentlich Überfällige» endlich zu realisieren. Was man aber ganz sicher nicht tut: Warten, bis der Steuerzahler blecht.

Die Mediensubventionen sollen angeblich Innovation im Medienbereich fördern. Es ist ziemlich erschütternd, wenn es Geld vom Bund braucht, bis sich ein privater Betrieb zu einer «Innovation» durchringen kann. Da soll Geld fliessen an Verlage, die seit Jahren ihre Hausaufgaben nicht machen. Kleine, findige, mutige Startups, die es aus eigener Kraft versuchen, würden leer ausgehen. Denn man muss mindestens 100'000 Franken Umsatz mit Lesergeldern machen, um an die Subventionen zu kommen. Problemlos erhalten würde sie dafür ein Verleger, der etwas nicht tut, das «längst überfällig» wäre.

Das soll verstehen, wer will.»

Dieser Artikel stammt von Die Ostschweiz

Stefan Millius, Die Ostschweiz