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Rapperswil-Jona
06.01.2022
07.01.2022 09:14 Uhr

Nach 28 Jahren erstmals zurück nach Ruanda

Josephine Niyikiza besuchte Linth24 vor ihrer Abreise nach Ruanda
Josephine Niyikiza besuchte Linth24 vor ihrer Abreise nach Ruanda Bild: Rolf Lutz, Linth24
Der Genozid in Ruanda zwang die in Jona wohnhafte Josephine Niyikiza 1994 aus Ruanda zu fliehen. Sie war gerade mal 14 Jahre alt. 28 Jahre später reist sie nun zum ersten Mal zurück in ihr ursprüngliches Heimatland.

Josephine Niyikiza musste 1994 aus ihrer Heimat Ruanda fliehen, es herrschte ein Genozid. Auf der zehnjährigen Flucht von Ruanda über Bukavu im Kongo bis in die Schweiz lernte Josephine dann ihren Ex-Ehemann kennen mit dem sie drei Söhne im Alter von heute 24, 22, und 18 Jahren hat. Die Kinder kamen auf der Flucht zur Welt.

Auf der langen Flucht wurde die Familie getrennt. Josephine kam im Jahr 2004 mit dem jüngsten der drei Kinder in die Schweiz und lebt seither in Rapperswil-Jona - der Rest der Familie war auf einen Schlag unauffindbar. Zwei Jahre später konnten die beiden anderen Söhne jedoch ausfindig gemacht und in die Schweiz gebracht werden. Ihr Ex-Mann konnte 2013 dann ebenfalls in die Schweiz nachkommen.

Jetzt reist sie zum ersten Mal nach 28 Jahren zurück nach Ruanda. Linth24 hat sie vor der Reise getroffen.

Linth24: Josephine, Sie waren gerade mal 14 Jahre alt, als Sie aus Ruanda fliehen mussten. Was geht Ihnen heute noch durch den Kopf, wenn Sie an diese Zeit, insbesondere an die lange Flucht, denken?
Josephine Niyikiza: Es war eine unglaublich schlimme Zeit, es herrschte der Genozid. Ich habe viel Schlechtes erlebt, aber diese Geschichte ist heute wie eine verheilte Wunde: Sie tut nicht mehr weh, es ist geheilt, aber die Narbe, die bleibt und verdeutlicht meine Geschichte, die ich erlebt habe.

Kommen Ihnen die Bilder von damals nicht ab und zu in den Sinn?
Nur wenn ich meine Geschichte erzähle, oder wenn ich wie heute ein Interview führe, dann kommen mir die Bilder wieder punktuell in den Sinn.

Als Sie damals auf der Flucht waren, haben Sie da überhaupt begriffen, was mit Ihnen passiert, oder waren Sie da nur im «Überlebensmodus»?
Ich habe damals die Welt nicht verstanden, ich war gerade mal 14 Jahre alt. Ich konnte mir ein solches Leben auf der Flucht gar nicht vorstellen. Ich kann es so ausdrücken: Ich war im Kopf gestorben, ich musste einfach nur funktionieren. Ich hatte ja ein behütetes Zuhause, hatte alles, meine Eltern, meine Familie, Sicherheit und Geborgenheit. Als 14-jähriges Mädchen hat man keine Ahnung vom Leben. Plötzlich ist man auf der Flucht, muss ums Überleben kämpfen. Aber ich hatte auf der Flucht immer Menschen getroffen, die mir geholfen haben.

«Meine Familie und ich sind hier akzeptiert und integriert»
Josephine Niyikiza

Was hat Dir geholfen, die Zeit, die Bilder, die Gedanken zu verarbeiten?
Mein tiefer Glaube an Gott hat mir geholfen – und ich habe eine Traumatherapie gemacht. Auch Freunde und Freundinnen, die ich hier kennen gelernt habe, unterstützten mich in allen Lagen. Ohne all das wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Dafür bin ich sehr dankbar.

Seit 2004 leben Sie in der Schweiz, Sie bezeichnen Rapperswil-Jona als Ihr Zuhause.
Ja, das stimmt. Meine Familie und ich sind hier akzeptiert und integriert, meine Kinder sind hier in die Schule gegangen und haben die Lehre gemacht. Ich engagiere mich in der Kirche und habe Vereine gegründet, um Menschen zu helfen. Ich will mich für Menschen einsetzen, ich möchte mithelfen, die Kulturen zusammenzubringen, und Brücken zu bauen. Dafür habe ich den Africa Verein gegründet und bin heute Präsidentin dieses Vereins. Ich arbeite bei RaJoVita und durfte dort Karriere machen und bin dafür unwahrscheinlich dankbar. Ich habe zuerst den Pfleghelferkurs und dann Fachfrau Gesundheit gemacht.

Und Heimweh nach Ruanda, verspüren Sie das nie?
Heimweh habe ich nicht, ich habe hier in Rapperswil-Jona meine Familie gegründet, ich fühle mich sehr wohl. Ich bin zwar in Ruanda geboren, das ist mein Heimatland, aber die Wurzeln, die habe ich jetzt hier.

Jetzt reisen Sie im Januar das erste Mal nach Ruanda. Wann haben Sie diesen Entscheid gefällt?
Das hat lange gedauert. Ich habe es immer und immer wieder verschoben, aber irgendwann habe ich mich dann entschieden, mit 40 will ich diese Reise machen. Das war zwar letztes Jahr. Dann ging es aber wegen der Pandemie nicht. Jetzt hat es aber endlich geklappt.

Auch in Ruanda engagieren Sie sich mit Ihrem Hilfsprojekt love4all. Das wird sicher ein wichtiger Pfeiler Ihrer Reise sein, dies zu besuchen.
Ich unterstütze mit dem Hilfsprojekt Schulen in Ruanda. Ich wurde von Kameraden aus Ruanda aufmerksam gemacht, wie schwierig es ist, Uniformen, Kugelschreiber, einfach Schulmaterial schlecht hin zu erhalten. Oft kosten diese Ausrüstungen weniger als hier ein Sandwich und eine Cola. Ich habe dann auf das Sandwich und das Getränk verzichtet und das Geld für die Schülerinnen und Schüler in Ruanda gespendet. Dann habe ich dies weitererzählt, und die Leute waren motiviert, mitzuhelfen. Und so ist dann daraus ein Verein entstanden. Ich werde mich vor Ort erkundigen, wie die Mittel genau verwendet wurden, um dann davon zuhause in der Schweiz zu erzählen.

«Erwartungen habe ich keine»
Josephine Niyikiza

Beschreiben Sie Ihre Gefühle so kurz vor der Reise...
Ehrlich gesagt, ich freue mich einfach riesig, Ruanda, das ich nicht freiwillig verlassen habe, wieder mal zu sehen. Es wird sich enorm viel verändert haben, das bin ich mir bewusst. Erwartungen habe ich keine, sonst läuft man die Gefahr, enttäuscht zu werden. Aber ich bin sicher angespannt, ein wenig nervös, aber jetzt voller Vorfreude.

Wie muss man sich deine Familie vorstellen?
Meine Eltern leben nicht mehr und von meinen Geschwistern leben nur noch wenige. Ich habe noch Cousins und Cousinen und noch Freunde von damals. Zwei Wochen sind zu  kurz, um alle zu besuchen, also muss ich mir genau überlegen, wen ich alles treffen will und kann (lacht).

Josephine's Tagebuch

Lesen Sie in Josephine's Tagebuch auf Linth24, was sie während ihrem Aufenthalt in Ruanda alles erlebt.

Die Tagebucheinträge werden im Januar 2022 auf Linth24 veröffentlicht.

Rolf Lutz und Linda Barberi