LINTHGEBIET POLITIKERIN DEMASKIERT BILDUNGSFLOP

Der St.Galler Kantonsrat sagte ja zum sogenannten Wattwiler «Campus». Obwohl absehbar war, dass eine Mehrheit der Regierung zustimmt, hat die CVP-Kantonsrätin Yvonne Suter  ein klares Statement für den Bildungsstandort Linthgebiet abgegeben.

Frau Kantonsratspräsidentin, meine Damen und Herren

Mein Votum hat einen sachlichen und einen emotionalen Teil. Ich beginne mit dem sachlichen Teil.

Was wir nun schon seit Jahren fordern, ist wohl kaum nicht zu viel verlangt, nämlich schlicht eine ergebnisoffene, unabhängige Analyse, wo der beste Standort für den Neubau der Kanti ist. Doch dazu war die Regierung leider nie bereit, und sie ist es noch heute nicht. Warum ist klar. Sie ist in Sorge, dass eine unabhängige Analyse aufzeigen würde, dass ihre eigenen Argumentarien zwar viel mit Regionalpolitik, aber wenig mit Bildungspolitik zu tun haben.

Diese Sorge ist bekanntlich nicht unbegründet. Denn als das Baudepartement – interessanterweise nicht das Bildungsdepartement – sich in einem begrüssenswerten, aber letztlich einmaligen Bemühen um eine Versachlichung der Debatte doch noch durchrang, beim renommiertesten Büro in der Schweiz eine Studie zu bestellen, kam genau das heraus, was die Regierung partout nicht hören will: nämlich dass – nüchtern betrachtet – der optimale Standort für eine neue Kanti im Linthgebiet liegt.

Nun, was folgte, ist sicher eine der unerfreulichsten Episoden der St.Galler Politik: Die Regierung beschloss, die Studie verschwinden zu lassen, doch durch eine – wahrscheinlich fehlkalkulierte – Indiskretion wurde sie trotzdem öffentlich. Ein Mitglied der Regierung hatte die fraglichen Regierungsakten in einer Autogarage ausdrucken lassen, ein Mitglied dieses Rates log sogar das Gericht an und wurde für die Verletzung von Amtspflichten verurteilt. Dieselben Akteure helfen nun zuvorderst mit, einen Kanti-Neubau durchzudrücken, der einer objektiven Beurteilung nicht standhält.

Kein Wunder also, dass die Atmosphäre vergiftet ist, und dem Standortentscheid der Regierung die Glaubwürdigkeit fehlt. Sie werden jetzt vielleicht sagen: Bei Standortentscheiden kommt es halt immer zum Krach. Doch hier lohnt sich ein Blick über den Kanton hinaus. Der Grenzlage sei Dank, hat das Linthgebiet eins zu eins erfahren, wie transparent im Vergleich zur St.Galler Regierung der Kanton Zürich vorgegangen ist. Der Kanton Zürich hat nämlich ganz einfach alle interessierten Gemeinden eingeladen, sich mit geeigneten Grundstücken zu bewerben.

Nach einer sauberen Bewertung anhand eines Kriterienkatalogs hat er sich nun für Wädenswil und für Uetikon am See entschieden – Uetikon ist nach Pfäffikon, Wetzikon und Uster übrigens die vierte Kanti, die von Rapperswil-Jona aus schneller zu erreichen ist als Wattwil. Warum machen wir es nicht so wie der Kanton Zürich und sorgen wir für eine transparente Standortanalyse, die von allen mitgetragen werden kann?

Denn eines ist klar: Sie können die Fakten, die für ein Mittelschulangebot im Linthgebiet sprechen, nicht einfach unterdrücken.

Drei von vier Schülern kommen aus dem Linthgebiet, Tendenz weiter steigend. 40 Prozent der Schüler kommen allein aus Rapperswil-Jona. Der Kanton St.Gallen lässt damit seine zweitgrösste Stadt vollkommen im Regen stehen. Wie sachfremd das ist, zeigt die Tatsache, dass Rapperswil-Jona mittlerweile schweizweit die grösste Stadt ohne eigenes Mittelschulangebot ist. Was für eine Einladung übrigens für ein privates Gymnasium, nach Rapperswil-Jona zu kommen, womit alle Planrechnungen für Wattwil hinfällig werden. Das Toggenburg hat derweil die Wahl zwischen zwei Kantis und schickt einen schönen Teil seiner Schüler nach Wil statt nach Wattwil.

Meine Damen und Herren, bauen wir unsere Schulen doch einfach dort, wo die Schüler sind.

Und nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer. Nach 50 Jahren Standort Wattwil wohnen von 105 Lehrern gerade einmal 12 in Wattwil und 9 im übrigen Toggenburg. Dass wir mit dem Standort Wattwil ein grosses Rekrutierungsproblem haben, räumt selbst die Regierung ein. Dass die fehlende Auswahl an Lehrpersonen zu Qualitätsproblemen führt, ist völlig klar. Dies alles auf dem Buckel unserer Kinder, die an die Kanti gehen. Die Schüler kann man halt zu einem langen Anfahrtsweg zwingen, die Lehrer nicht.

Dann wird uns Linthgebietern beschieden, dass der lange Anfahrtsweg wahlweise zumutbar oder gar ein Segen sei. Was für eine Logik? Bauen wir neu die Schulen extra in die Pampa, damit Schüler und Lehrer von einer langen Anfahrt profitieren? Natürlich nicht bzw. offenbar nur dann, wenn es um das Linthgebiet geht. Liebe Stadtsanktgaller, habt Ihr Euch schon einmal bewusst gemacht, dass die Reise nach Wattwil von St.Gallen gleich lang dauert wie von Rapperswil-Jona? Sind Sie bereit, die Schulen in Wattwil mit Ihren Schülern zu füllen? Dies wäre wenigstens ein faires Angebot, statt vom Linthgebiet noch einmal 50 Jahre lang genau das zu fordern.

Zuletzt die Kosten. Schauen Sie sich einmal den Vergleich an, den die Regierung vor einigen Jahren publiziert hat. Keine der Zahlen in Bezug auf Wattwil hat sich als korrekt herausgestellt. Und für die Standorte im Linthgebiet wurden nur willkürlich Zahlen eingesetzt, ohne je mit den Standortgemeinden gesprochen zu haben. Warum sollen sich die Standortgemeinden nicht wie im Kanton Zürich mit eigenen Standortbeiträgen und attraktiven Konditionen bewerben können? Der Kanton könnte nur profitieren.

Denn eines ist klar: Die Konditionen, die dem Kanton in Wattwil geboten werden, sind sehr unvorteilhaft für den Kanton, andere haben sogar das Wort «unverschämt» gebraucht. Schauen Sie sich nur einmal den Deal mit den Sportanlagen an. Zudem das leer stehende Schulhaus unter Denkmalschutz, das dem Kanton verbleibt. Es ist offensichtlich: Weil die Regierung sich so früh auf Wattwil festgelegt hat, konnte ihr Wattwil die Konditionen diktieren.

Bei all dem ist mir aber eines ganz wichtig: Trotz der eindeutigen Faktenlage sind nicht nur Standorte im Linthgebiet, sondern auch zahlreiche Varianten und Kompromisse möglich. Man muss dies nur wollen. Wir waren und wir wären weiterhin bereit für einen guten Kompromiss, der Wattwil nicht unberücksichtigt lässt. Die offensichtlichste Variante wäre, statt einer Riesenschule am falschen Ort eine Schule mit zwei Standorten in Wattwil und in Rapperswil-Jona zu errichten, beide Standorte mit optimierter Infrastruktur als Campus zusammen mit den beiden BWZ. Mit Blick auf die Demografie und die leicht steigende Maturitätsquote wäre dies problemlos machbar.

Schade, dass wir es nicht geschafft haben, wegzukommen von Alles-oder-Nichts-Lösungen und auch nur etwas guten Willen zu zeigen. Die Vorlage soll mit aller Macht durchgedrückt werden, das schadet nicht nur dem Linthgebiet, sondern dem ganzen Kanton.

Und damit bin ich beim emotionalen Teil meines Votums:

Meine Heimat ist die einzige der sechs Regionen im Kanton, der eine eigene Mittelschule verwehrt wird. Nicht nur heute, sondern für die nächsten 50 Jahre. Dabei ist das Linthgebiet weissgott nicht naturgegeben beim Kanton St.Gallen, und es ist ein steter Kampf, die Köpfe und Herzen der Linthgebieter für den Kanton St.Gallen zu gewinnen. Viele im Linthgebiet fühlen sich schon lange im Stich gelassen von St.Gallen. Doch die Ohrfeige, die die Linthgebieter Bevölkerung nun erhalten soll, hat sie nicht verdient.

Sachlich richtig wäre es, die Vorlage zurückzuweisen und damit den Menschen im Linthgebiet zu beweisen, dass der Kanton St.Gallen überall mit gleichen Ellen misst und fair mit allen Regionen umgeht. Mit einer sauberen, unabhängigen Analyse hätten wir eine Grundlage schaffen können, die unserem Parlament würdig ist. Doch die Mehrheiten sind klar, der immense Druck hat seine Wirkung nicht verfehlt. Machen wir es beim nächsten Mal besser – das Postulat der vorberatenden Kommission GBS weist den Weg.

(OriginalReferat, Autorin: Yvonne Suter)

So stimmten die Politiker aus dem Linthgebiet

Für «Campus» Wattwil:
Eva B. Keller (SP, Uetliburg)
Marco Fäh (Grüne, Kaltbrunn)
Hedy Fürer (SVP, Bollingen Rapperswil-Jona)
Bernhard Zahner (SVP, Kaltbrunn)
Christian Rüegg (SVP, Rüeterswil)
Marianne Steiner (SVP, Kaltbrunn)
Elisabeth Brunner-Müller (FDP, Schmerikon)
Brigitte Pool (FDP, Uznach)

Gegen «Campus» Wattwil:
René Bühler (SVP, Schmerikon)
Christopher Chandiramani (SVP, Rapperswil-Jona)
Cornel Aerne (CVP, Eschenbach)
Peter Göldi (CVP, Gommiswald)
Yvonne Suter (CVP, Rapperswil-Jona)
Martin Stöckling (FDP, Rapperswil-Jona)

Enthaltung:
Sepp Kofler (SP, Uznach)

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