FRAGWÜRDIGE ADOPTIONEN VON TAMILEN-KINDERN UNTERSUCHT

Im Kanton St. Gallen kam es in den 80-er Jahren zu  fragwürdigen Adoptionen von Kindern aus Sri Lanka. Im Fokus stand Alice Honegger aus Bollingen (Rapperswil-Jona). Die Regierung veröffentlicht eine 74-seitigen Untersuchung. Darin steht:«Insgesamt hat der Kanton St.Gallen die Aufsicht über die Adoptionsvermittlung von Alice Honegger ungenügend wahrgenommen.» Kinder, die mehr über ihre Eltern wissen wollen, will der Kanton unterstützen.

Die Kantonsregierung schreibt in einer Kurzfassung: «In den 1980-er Jahren kam es in Sri Lanka zu problematischen Vorkommnissen rund um internationale Adoptionen. Im Kanton St.Gallen gab es eine Vermittlungsstelle, die Kinder aus Sri Lanka vermittelte. Die Tätigkeiten der Vermittlungsstelle und der Aufsicht wurden gestützt auf Dokumente aus dem Staatsarchiv in einem Bericht aufgearbeitet. Weitere Aufarbeitungsschritte müssen zusammen mit den anderen Kantonen und dem Bund erfolgen.

Etwas ausführlicher schreibt das Departement des Innern unter dem Titel «Nötige Aufarbeitung von Auslandadoptionen»:

In den 1980er-Jahren sollen Kinder aus Sri Lanka gegen den Willen der Mütter und mit gefälschten Dokumenten illegal adoptiert worden sein. In der Schweiz hat insbesondere eine Einzelperson aus Bollingen Kinder aus Sri Lanka vermittelt. Der Kanton St.Gallen hat diese Ereignisse und das Verhalten der kantonalen Behörden untersuchen lassen. Der Bericht besagt, dass der Aufsichtsbehörde im damaligen rechtlichen und gesellschaftlichen Kontext kein rechtswidriges Vorgehen vorgeworfen werden kann. Aus heutiger Sicht wären aber zum Teil vertiefte Abklärungen angebracht gewesen. Der Kanton will nun Betroffene bei der Ermittlung der korrekten Angaben zu ihren leiblichen Eltern unterstützen.

Alice Honegger führte eine Adoptionsvermittlungsstelle in Bollingen (heute: Stadt Rapperswil-Jona). Ende der 1970er Jahre begann sie, hauptsächlich Kinder aus Sri Lanka und Indien zu vermitteln. Bereits in den 1980er-Jahren kamen Zweifel über die Korrektheit der Verfahren auf. Mittlerweile haben die Bemühungen der betroffenen Adoptierten nach Kenntnis ihrer Herkunft erneut das Interesse der Öffentlichkeit geweckt. Der Bund als zuständige Aufsicht über Vermittlungsstellen hat die Kantone um Abklärungen ersucht. Der Kanton St.Gallen hat dazu die Erarbeitung eines historischen Berichts in Auftrag gegeben, der nun öffentlich zugänglich ist.

Keine grösseren Verstösse nachgewiesen
Dem Bericht zufolge verfügte Alice Honegger über die nötige Bewilligung der Behörden, obwohl ihre Tätigkeit immer wieder zu Beanstandungen führte. Einmal fehlten Unterlagen für Bewilligungen, mehrmals wurden Beschwerden zu Honeggers undurchsichtiger Geschäftsführung an den Kanton als Bewilligungsbehörde herangetragen. Doch standen solchen Vorfällen Berichte von glücklichen Adoptiveltern gegenüber, welche die Arbeit Honeggers lobten. Sämtliche für die Aufsicht relevanten kritischen Hinweise wurden damals von den zuständigen kantonalen Stellen untersucht, führten aber nie zu dauerhaften Konsequenzen für Alice Honegger, da ihr letztlich lediglich administrative Unzulänglichkeiten, aber kein rechtswidriges Verhalten nachgewiesen werden konnte.

Als Anfang der 1980er-Jahre Missstände um illegale Adoptionen in Sri Lanka publik wurden, wurde die Bewilligung von Alice Honegger ausgesetzt. Nachdem ein Interpolbericht sie entlastet hatte und ihre Tätigkeit in einen neu gegründeten Verein überführt worden war, wurde aber die Bewilligung zur Vermittlung von Adoptionen wieder erteilt.

Auch wenn der nun vorliegende Bericht keine abschliessenden juristischen Analysen aller behördlichen Handlungen im Kontext der massgeblichen gesetzlichen Grundlagen enthält, kann zusammenfassend festgehalten werden, dass sich die zuständigen Stellen des Kantons St.Gallen gemessen an den damals geltenden Rechtsgrundlagen korrekt verhalten haben. Die Verantwortlichen prüften alle Beschwerden und Vorwürfe eingehend. Doch reichten die Fakten aus juristischer Sicht für einen Bewilligungsentzug nicht aus. Aufsichtsbehörde war in jenen Jahren das Justiz- und Polizeidepartement (heutige Bezeichnung: Sicherheits- und Justizdepartement). Mittlerweile liegt die kantonale Zuständigkeit für Adoptionen beim Departement des Innern und die Aufsicht über die Vermittlungsstellen beim Bund.

Anderer gesellschaftlicher und rechtlicher Kontext
Aus heutiger Sicht ist einzuräumen, dass damals vertiefte Abklärungen bei Verdachtsmomenten auf falsche Identitätsangaben der leiblichen Eltern angebracht gewesen wären. Das hätte ein systematischeres, staatsebenenübergreifendes und grenzüberschreitendes Vorgehen aller beteiligten Behörden erfordert. Die Geschehnisse in den 1980er-Jahren sind indes auch im Rahmen der damaligen rechtlichen und gesellschaftlichen Umstände zu beurteilen: Die Zahl internationaler Adoptionen nahm stark zu; gleichzeitig hatte das Adoptionsgeheimnis – auch von Bundesrechts wegen – eine hohe Bedeutung. Man war überzeugt, dass die Kinder für eine erfolgreiche Integration in den neuen Familien von allem, was vor ihrer Adoption geschah, abgeschnitten werden sollten. Die Bedeutung des Rechts auf Kenntnis der eigenen Abstammung wurde erst später erkannt und mit der Ratifizierung der Kinderrechtskonvention 1997 in der Schweiz bekräftigt.

Eine grössere Sensibilität zeigten die verschiedenen beteiligten Behörden hingegen in Bezug auf das Thema Kinderhandel. Hinderlich für solche Ermittlungen war aber damals, dass im Adoptionsverfahren verschiedene Behörden im In- und Ausland für einzelne Entscheide zuständig waren und kaum gemeinsame Standards bestanden. Auch in dieser Hinsicht hat sich mit dem Haager Adoptionsabkommen, mit dem Standards für internationale Adoptionen eingeführt wurden und das die Zusammenarbeit zwischen den Ländern regelt, in den letzten Jahren vieles verbessert.

Aufarbeitung geht weiter
Mit dem vorliegenden Bericht leistet der Kanton St.Gallen einen wichtigen Beitrag an die Aufarbeitung der damaligen Geschehnisse. Dabei geht es nicht darum, Schuldige zu benennen, sondern um eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der internationalen Adoptionen und die Unterstützung der Betroffenen bei der Klärung ihrer Herkunft und den Umständen ihrer Geburt. Heute sind alle Kantone verpflichtet, Adoptierte bei der Suche nach Informationen zu ihren leiblichen Eltern zu unterstützen und eine Stelle zu bezeichnen, die Beratung anbietet. Zuständig ist der Wohnkanton der suchenden Personen. Im Kanton St.Gallen können sich Betroffene an das Amt für Soziales wenden.

Der Bericht ist öffentlich verfügbar
Originalbericht der Untersuchung mit dem Titel «Die Vermittlerin. Die Kinder-Adoptionen aus Sri Lanka von Alice Honegger und die Aufsicht der Behörden (1979 bis 1997)» als PDF downloadbar.

(OriginalMitteilung, Departement des Innern St. Gallen, Foto: Wikipedia)


Weitere Berichte zu den fragwürdigen Adoptionen:

Schweiz Aktuell vom 29. Januar 2019
https://www.srf.ch/sendungen/schweiz-aktuell/romandie-schneechaos-babbyschmuggel-aus-sri-lanka-maiensaess

NZZ vom 28. Januar 2019
https://www.nzz.ch/schweiz/hunderte-kinder-aus-sri-lanka-wurden-illegal-adoptiert-ld.1455215


 

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