Linthgebiet
30.11.2018

KANTONSPOLIZIST WEBER: ER HATTE 200'000 SCHÜLER

«Polizist war schon immer mein Berufswunsch». Das sagt Peter Weber, ein Polizist mit Leib und Seele nach 43 Jahren im Dienst. Viele Einwohnerinnen und Einwohner kennen ihn als Verkehrs Instruktor, der sie während ihrer Schulzeit begleitet hat. Linth24 traf ihn und hörte zu.

«Ich bin 63 Jahre alt. In ein paar Wochen gehe ich etwas früher in Pension. Seit diesem Jahr bin ich der dienstälteste Polizeibeamte im Kanton, der Dienstälteste, nicht der Älteste! Im Alter von 20 Jahre und 3 Wochen trat ich in den Polizeidienst ein. Schon im Kindergarten wollte ich Polizist werden. Mit 14 war ich bei den Verkehrskadetten, in der Rekrutenschule bei der Strassen-Polizei. Bevor ich Polizist wurde, machte ich das KV. Das war gut, man schreibt ja viel als Polizist. Weil ich so früh angefangen habe, bin ich seit über 43 Jahren bei der Polizei. Hier zu sein, hat auch viele Vorteile. Ich muss zum Beispiel nicht jeden Morgen überlegen, was ich anziehen will. Wir haben ja die Uniform.

Erinnerungen sind wach

Ich war immer bei der Kantonspolizei St. Gallen. Nach der Polizeischule kam ich auf verschiedene Land-Posten. Die waren in Eschenbach, Kaltbrunn und Rapperswil. Und dann kam ich auf den Stützpunkt in Schmerikon, zur Verkehrspolizei. Die Verkehrspolizei hat mich schon immer interessiert und auf dem Stützpunkt blieb ich zehn Jahre, nahm all die Unfälle auf. Von denen habe ich viele gesehen. Aber eines weiss ich heute noch: Wenn ich im Kanton rumfahre, dann erinnere ich mich genau an die Orte, wo es einen tödlichen Unfall gab. Solche Tragödien, besonders auch Kinderunfälle, sind immer noch präsent.

1988 wurde ein Verkehrs Instruktor gesucht. Ich bekam die Stelle und blieb 30 Jahre lang dabei. Das ist bei uns ein Volljob. Die St. Galler Kantonspolizei hat acht Verkehrs-Instruktoren und es hat genug Arbeit für alle. Wir fangen mit unseren Instruktionen im Kindergarten an und begleiten die Schüler bis in die Oberstufe. Dazu kommen noch Elternabende oder Kurse für Betagte. Wir sind zu zweit zuständig für das ganze Linthgebiet und das Toggenburg.

200'000 Schüler

Ich habe mal ausgerechnet, wie viele Schüler ich kennengelernt habe. In einem normalen Jahr bin ich ungefähr 35 Wochen unterwegs und pro Woche besuche ich 10 Klassen. Das sind also 350 Klassen pro Jahr und auf 30 Jahre sind das 10'000 Klassen. Wenn eine Durchschnittsklasse 20 Kinder hat, dann hatte ich in der Zeit etwa 200'000 Schüler vor mir.

Interessant ist: Die einzelnen Kinder reagieren unterschiedlich, aber über das Ganze gesehen, haben sich die Kinder in den 30 Jahren an sich nicht gross verändert. In der Schule ist man als Polizist noch eine Respektperson. Bei den ganz kleinen sowieso, aber das geht schon bis in die 6. Klasse.  Da gibt es Primarschüler, die sagen: «Grüezi Herr Polizist». Dann sage ich denen, dass auch ein Polizist einen Namen hat, dass ich Herr Weber heisse sie mich so nennen dürfen. Ich würde zu ihnen ja auch nicht «Grüezi Herr Schüler» sagen. Und dann lachen wir.

Volles Programm

Viele Leute haben eine falsche Vorstellung über unsere Arbeit. Sie meinen, wir stehen nur mit den Kindergärtner und Erstklässlern am Fussgängerstreifen. Natürlich machen wir das. Aber dann kommt das Thema Velo. In der zweiten Klasse lernt man, was alles an ein Velo gehört. In der dritten Klasse lernen wir in den Schulklassen die Verkehrssignale. In der vierten Klasse kommen sie zu uns in den Verkehrsgarten in Schmerikon oder Wattwil. Da hat es Lichtsignale und Verkehrstafeln und sie lernen links abbiegen. In der fünften Klasse lernen sie die Vortrittsregeln. Der Höhepunkt ist dann in der sechsten Klasse. Immer vor den Sommerferien gibt es die Radfahrerprüfung. Die beinhaltet eine Theorieprüfung, dann müssen die Schüler dem Polizisten ihr Velo zeigen und ob alles dran ist. Es gibt einen Geschicklichkeitsparcour und auf der Strasse wird eine bestimmte Strecke abgefahren.  Ganz am Schluss gibt es einen Reaktionstest: Dafür haben wir Laptops, die haben vorne eine Lenkstange und eine Bremse dran. Alles das gibt Punkte und die werden dann zusammengezählt. Wer gut ist, also wenig Fehler gemacht hat, erhält einen Preis. Und bei denen, die schlecht sind, informieren wir die Eltern.

Nacherziehungskurse

Bei der Oberstufe kommen wir leider nicht mehr zum Einsatz. Mit acht Beamten schaffen wir das nicht.  Kontakte zu Schülern gibt es ab der sechsten Klasse nur noch bei den Belehrungs-Nachmittagen. Das ist für die, welche auf der Strasse etwas falsch gemacht haben. Wenn ein Jugendlicher bereits 15 Jahre alt, muss eine Busse bezahlt werden. Die jüngeren müssen in den Strafnachmittag kommen. Das findet immer an einem Mittwochnachmittag statt, in Rapperswil, Schmerikon oder in Wattwil. An einem solchen Nachmittag erklären wir den Jungs und Mädchen, auf was sie im Verkehr achten müssen. Vielen stinkt es natürlich, dass ein freier Nachmittag dafür drauf geht. Die meisten haben es dann begriffen und müssen kein zweites Mal kommen.

Das Computerzeitalter

Als ich anfing hatten wir noch Hellraumprojektoren, mit Leinwand und Foliensätzen. Ausserdem gab es Moltowände mit Figürchen und Pfeilen aus Papier und Karton. Wir hatten halt nichts anderes. Heute ist das alles viel einfacher. Ich nehme unsere Unterlagen mit und die sind auf einem Memory-Stick, den ich dem Lehrer abgebe. In den Schulen gibt es Beamer mit Fernbedienung und ich kann einfach die Powerpoint präsentieren. Man kann bewegte Bilder zeigen und man schreibt nicht mehr alles an die Tafel.

Aber es ist nur die Technik, die geändert hat. Das Thema ist immer dasselbe geblieben, auch wenn ein paar Vorschriften und Gesetze verändert wurden.

Keine Langeweile

Polizist zu sein ist ein interessanter Beruf. Man geht am Morgen arbeiten und weiss nie, was einem erwartet. Kaum ist man im Büro gibt es einen Verkehrsunfall, einen Überfall, einen Wirtshausstreit, Familienstreit, ein Einbruch oder eine Schlägerei. Das war interessant, in meinen jungen Jahren. Auch die Pikettdienste in der Nacht. Aber irgendwann ist genug.

Als ich die Möglichkeit für Verkehrs-Instruktor sah, dachte ich, genau das ist es! In all den Jahren war es immer eine wahre Freude mit den Kindern zu arbeiten. Natürlich gab und gibt es unterschiedliche Klassen. Oft sind es Super-Klassen, aber es gibt auch mühsame, nicht so interessierte. Doch das ist selten der Fall.

Ein Aufsteller sind die gegenüber früher stark zurück gegangenen Unfallzahlen. Besonders auch die Kinderunfälle. Das erfüllt mich mit Stolz. Natürlich sind dafür auch die besseren Strassen und Autos verantwortlich. Aber es gibt eben auch mehr Kinder, die wegen unserer Verkehrsinstruktion besser aufpassen und das führt dann zu weniger tödlichen Unfällen. Und dazu leiste ich jeden Tag einen Beitrag.

(Aufgezeichnet von Mario Aldrovandi)