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12.09.2021
15.09.2021 16:55 Uhr

Dem Obersee auf den Grund gehen

Das Schiffswrack vor Freienbach liegt unten Links im roten Bereich. Es handelt sich um eine versunkenes Lastschiff, welches 2016 von Unterwasserarchäologen untersucht wurde.
Das Schiffswrack vor Freienbach liegt unten Links im roten Bereich. Es handelt sich um eine versunkenes Lastschiff, welches 2016 von Unterwasserarchäologen untersucht wurde. Bild: Swisstopo
Eine neue Swisstopo-Karte vom Bund ermöglicht einen Blick unter Wasser. Der Seegrund des Zürichsees gibt Spuren von menschlichen Unglücken, seismologischen Ereignissen und Rutschungen preis.

Das Bundesamt für Landestopografie Swisstopo hat eine neue Karte veröffentlicht, die online einsehbar ist. Die sogenannte bathymetrische Karte zeigt das Relief des Seegrundes. Auf den ersten Blick fallen vor allem die unterschiedlichen Seetiefen auf, welche einem Farbraster folgend eingefärbt wurden. Der Zürichsee zwischen Bäch und Rapperswil ist vorwiegend rot eingefärbt, das entspricht einer Tiefe von 20 bis 30 Metern. Die tiefste Stelle des Zürichsees ist grün eingefärbt, sie befindet sich zwischen Oberrieden und Herrliberg und misst 136 Meter. Die Daten wurden Swisstopo von Flavio Anselmetti zur Verfügung gestellt. Anselmetti ist Direktor des Instituts für Geologie an der Universität Bern und zuständig für die Kartografierung der Seen.

Die tiefste Stelle des Zürichsees liegt zwischen Herrliberg und Oberrieden und misst 136 Meter. Das Gebiet zwischen Rapperswil und Bäch ist rot eingefärbt, das entspricht einer Tiefe von 20 bis 30 Metern. Bild: Swisstopo

So ist der Zürichsee entstanden

Das Geländemodell gibt einen guten Einblick in die Entstehung des Zürichsees. Beim Rückzug des Linthgletschers vor etwa 18 000 Jahren wurde das Becken mit Wasser gefüllt. Dieser Rückzug fand nicht gleichmässig statt, der Gletscher wuchs nochmals, bevor er stehenblieb. Der heutige Seedamm wurde als Endmoräne aufgeschoben. Nach der Phase des Stillstands habe sich vor und hinter dieser Moräne feinstes Gesteinsmaterial aus dem Gletscherwasser abgelagert, erklärt Anselmetti. So lasse sich erklären, weshalb der Zürichsee im oberen Bereich viel niedriger ist als im unteren Abschnitt. Hinzu komme, dass die Zuflüsse auch heute noch Material herantransportieren.

Beim Blick auf die bathymetrische Karte im Gebiet Pfäffikon/Ufnau fallen mehrere gelbe Krater auf. Der Wissenschaftler erklärt diese wie folgt: «Die Inseln Ufnau und Lützelau bestehen aus Molassefelsen, die vom Gletscher weniger erodiert wurden als die anderen sie umgebenden Bereiche. Diese härtere Molasserippe geht in diese Zone mit den unregelmässigen Senken und Erhebungen über. Am ehesten handelt es sich um glaziale Formen, die sich entlang dieser Rippe gebildet haben. Es könnte aber auch sein, dass am Seeboden abgebaut oder Material deponiert wurde.»

Obersee nicht interessant

Wieso wurde der obere Zürichsee auf der Karte nicht erfasst? Professor Anselmetti erklärt dazu: «Die Bathymetrie vermuten wir dort eher einfach und unspektakulär und für uns zur Erdbebenthematik nicht ergiebig. Wir untersuchen prinzipiell Seen, wo wir geologische Fragestellungen beantworten können. Danach übergeben wir die Daten der Swisstopo.» Die Wassertiefen und die generelle Struktur können auf der 1:25 000 Landeskarte studiert werden. Gemäss dieser Karte hat der Obere Zürichsee zwei Becken, das tiefere (358 m ü. M.) vor Bollingen und ein zweites, weniger tiefes Becken (369 m.ü. M.) zwischen Altendorf und Hurden.

Das Wrack vor Freienbach

Die bathymetrische Zürichsee-Karte stand lange nur der Wissenschaft und Behörden zur Verfügung. Interessant ist sie aber auch für Unterwasserarchäologen und Taucher. Die Karte kann durch die Zoomfunktion stark vergrössert werden, dabei können Schiffswracks entdeckt werden.

Der Verein Swiss Archeodivers geht schon seit 2005 der Geschichte von versunkenen Schiffen im Zürichsee auf den Grund. Im Frühjahr 2016 machten sich Mitglieder daran, das Schiffswrack vor Freienbach zu untersuchen. Projektleiter war Adelrich Uhr aus Hinwil. Schon länger wurde in der Bucht von Freienbach ein Schiffswrack vermutet, da die Netze von Berufsfischer Franz Hiestand dort häufig hängengeblieben sind. Durchgeführte Tauchgänge blieben jedoch wegen der vagen Angaben stets erfolglos und erst die Sichtung von Sonarbildern (bathymetrische Karte) zeigte schliesslich die genaue Stelle, an der das Schiffswrack lag. Nach drei Wochen dauernden Prospektionsarbeiten konnten folgende Informationen ermittelt werden (Quelle: archeodivers.ch): «Der Prahm aus dem 19. Jahrhundert enthält keine Ladung. Das 26 Meter lange und 4,6 Meter breite Schiff aus Tannenholz liegt in einer Tiefe von 18 Metern. Der Gesamteindruck des Wracks und die Abnutzung der Holzkanten deuten darauf hin, dass dieses Schiff vor dem Untergang noch nicht lange in Betrieb war. Vermutlich hatte es einst der Quaiverwaltung Zürich gehört.» Eben weil immer wieder Fischernetze an dem Schleppschiff hängengeblieben sind, hätte es in den 1960er-Jahren mit Abbruchmaterial zugedeckt werden sollen. Doch die 100 bis 200 Kubikmeter Steine und Betonstücke kamen neben dem Wrack zu liegen, ist im Schlussbericht zu lesen.

Dank Sonarbildern konnte ein 1928 gesunkenes Ledischiff vor der Insel Ufnau aufgefunden werden. Die Untersuchungen wurden 2019 abgeschlossen. Bild: Markus Inglin

Mehrere Wracks

Gemäss Angaben von Adelrich Uhr sind 40 Wracks auf der Karte zu erkennen. Es gibt noch mehr Wracks im Kanton Schwyz. Diese dürfen von den Swiss Archeodivers jedoch nicht untersucht werden. «Wir haben den Kanton Schwyz vor zwei Jahren diesbezüglich angefragt. Es wurde uns seitens des Schwyzer Kantonsarchäologen ausdrücklich verboten mit der Begründung, dass sie selber Spezialisten hätten », bedauert Uhr. Dass aber das Tauchen nach Wracks nicht so einfach ist, erklärt der leidenschaftliche Taucher so: «Die meisten Wracks liegen mitten im See und meistens auf einer Schiffslinie. Dort ist es verboten zu tauchen, ausser man hat eine Bewilligung seitens Seepolizei, Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft und Berufsfischer. Zudem muss eine Boje gesetzt werden.

Grundsätzlich ist es aber nicht verboten, ein Wrack anzutauchen. Jedoch darf das Wrack nicht untersucht oder gar Gegenstände entfernt werden. Dies gilt bei jedem Objekt, das kulturhistorischen Wert haben könnte.

Erdbeben und Rutschzonen

«Seeböden sind weitgehend unberührt und deshalb perfekte geologische Archive», gibt Anselmetti in einem Bericht der «Zürichsee Zeitung» vom 18. August 2021 Auskunft. 50 Rutschzonen wurden im Zürichsee ausgemessen. Darunter auch eine vor Horgen. Der Rutsch ereignete sich im September 1875: Für die Eisenbahnlinie hatte man zuvor viel Land aufgeschüttet. Kurz nach Eröffnung der Bahnlinie geriet dieses in Bewegung – die Gleise gingen unter, das neue Bahnhofsgebäude sackte einen Meter ab. Alles musste abgerissen werden. 13 Jahre später erhielten die Horgner am heutigen Standort einen neuen Bahnhof.

Die Erdbebenforscher interessieren aber vor allem die natürlichen Ereignisse: Zeigt sich, dass in mehreren Seen um die gleiche Zeit grössere Schlammlawinen erfolgten, deute dies auf ein aussergewöhnlich starkes Erdbeben hin, erklärt Flavio Anselmetti. «Solche sehr starken Beben kommen in der Schweiz nur alle paar Tausend Jahre vor.» Letztmals vor rund 2300 Jahren, als die Oberriedner Rutschung ausgelöst wurde. Die Wissenschaftler schätzen, dass es eine Magnitude zwischen 6,5 und 7 gehabt haben muss.

Link zur bathymetrischen Karte: https://s.geo.admin.ch/926b728339 

Linth24/Heidi Peruzzo, Höfe24