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Essen & Trinken
10.12.2020
10.12.2020 10:07 Uhr

«Die Kacke ist am Dampfen»

Kaum eine Branche wurde so hart getroffen wie jene der Gastronomen. Bild: zVg
Die St.Galler Regierung will Restaurants und Beizen um 22 Uhr schliessen, der Bundesrat schon um 19 Uhr. Die Branche kocht vor Wut.

«Diese Stunde weniger ist wohl nicht von Dauer», befürchtet Walter Tobler, Kantonalpräsident der Gastro St.Gallen, kurz nach der Pressekonferenz der Regierung. «Wir gehen davon aus, dass die St.Galler Massnahmen am Freitag vom Bundesrat übersteuert werden und dann eine Sperrstunde ab 19 Uhr gilt. Es kommt mir so vor, als ob unsere Regierung einfach keinen Lockdown ausspricht, weil sie die Ausfälle dann zahlen müsste. Macht es der Bund, wäscht man seine Hände in Unschuld.»

Enttäuscht von der Regierung

Seit Monaten klingelt das Telefon von Walter Tobler in einer Tour, in sein Mailfach flattern täglich Anfragen von Journalisten und verzweifelten Wirten. Kaum eine Branche wurde so hart getroffen wie jene der Gastronomen. Abstandsregeln, Personenbegrenzungen, Maskenpflicht und Homeoffice drücken den Umsatz in tiefrote Zahlen. Die angedrohte Massnahme des Bundesrats, alle Geschäfte, Cafés und Bars um 19 Uhr zu schliessen, könnte der Todesstoss für viele Wirte nicht nur in der Stadt St.Gallen sein. 

Gastropräsident Walter Tobler fordert: «Die Branche braucht sofort Hilfe!» Bild: zVg

Zahl der Arbeitslosen im Gastgewerbe steigt

«Wir sind gerade so durchgekommen nach dem Lockdown, haben uns viel Mühe gegeben und sind stets flexibel geblieben. Jetzt sind aber die Reserven aufgebraucht - wir brauchen Geld, und zwar sofort. Der Covid-19-Kredit war eine Verschuldung und keine nachhaltige Unterstützung», sagt Tobler zu stgallen24. Der Gastropräsident ist sich sicher, dass die Zahl der Arbeitslosen in der Branche in den kommenden Monaten so richtig in die Höhe schiessen wird. «Bereits jetzt kann man beim RAV sehen, dass sich mehr Kellner, Wirte, Barkeeper und Clubbetreiber anmelden. Die Kacke ist am Dampfen.»

Tatsächlich meldete das Amt für Arbeit im Kanton St.Gallen anfangs Woche eine Zunahme von über fünf Prozent der Stellensuchenden im Gastgewerbe innerhalb eines Monats. Tobler ist von der St.Galler Regierung enttäuscht: «Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Regierungspräsident Damann und Bundesrat Berset werden auf unserem Buckel ausgetragen. Zu Beginn war der Austausch mit dem Kanton noch gut, aber mittlerweile scheinen die Regeln nur noch willkürlich. Das bringt uns nicht weiter.»

Kurzarbeit ist das falsche Instrument

Der Gastropräsident blickt auf die Nachbarländer Österreich und Deutschland, die es besser im Griff zu scheinen haben. Dort gibt es zwar einen Lockdown, und Restaurants und Bars sind ganz geschlossen - aber die Betreiber erhalten 75 bis 80 Prozent des letzten Jahresumsatzes. «Wir haben hier Kurzarbeit, aber das ist das falsche Instrument für die Branche. Ob die Serviertochter einen oder zwanzig Kaffees am Tag serviert, macht keinen Unterschied. Sie muss ja trotzdem da sein.»

Für Walter Tobler ist klar: Die Gastrobetriebe brauchen sofort Unterstützung. «Ansonsten gibt es sehr viele Restaurants und Beizen bald nicht mehr.»

Miryam Koc, Linth24/stgallen24