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29.06.2020
29.06.2020 09:45 Uhr

«Die Welt von gestern»

Chris von Rohr: «Wir Hamsterrädler und Vollkasko-Westler leiden unter einer ganz anderen Krankheit.»
«Es ist grotesk, aber was als Bekämpfung dieser Pandemie gedacht ist, erweist sich in vielen Ländern als grösseres Übel als die Krankheit selbst», sagt Chris von Rohr in seiner aktuellen Kolumne.

«Es ist ein stiller, sonniger Junimorgen. Ich laufe zwischen den Olivenhainen die Treppen hoch zur Akropolis in Athen. Ein bewegender Moment. Ausser ein paar Sicherheitsleuten ist niemand vor Ort. Für mich genial, für die Einheimischen eine Katastrophe. So sitze ich da, umgeben von diesen imposanten verfallenen Tempeln, und schwelge in historischen, längst vergangenen Zeiten. Die Geschichte Griechenlands spricht hier aus jedem Stein. Ein gosses Covid-19-Warnschild beamt mich wieder ins Jetzt.

Doppelt so viele Hungernde

Am schlimmsten erwischt es wieder einmal die Länder des Südens. Was da nebst dem Virus die von Amts wegen verfügten Massnahmen anrichten, ist verheerend. Das World Food Programme der Uno prognostiziert 260 Millionen Hungernde bis Ende Jahr – doppelt so viele wie 2019. Die Führung Indiens, ein Land, in dem jedes Jahr 250 000 Menschen an Tuberkulose sterben, verordnete eine Ausgangssperre und die Schliessung Abermillionen von Läden und Gewerben. Unzählige sind direkt in ihrer Existenz bedroht. Obwohl achtbare Mediziner längst sagten, dass dieses Virus in der Regel nur für eine klar begrenzte Risikogruppe tödlich werden kann, überbot sich die mediale sowie politische Panikmache und Überbeisserei mit irreführenden Zahlen, Statistiken und Aktionen. Es ist grotesk, aber was als Bekämpfung dieser Pandemie gedacht ist, erweist sich in vielen Ländern als grösseres Übel als die Krankheit selbst.

Corona etwas für Reiche

Die afrikanische BBC-Moderatorin Sharon Machira sagte, Corona sei etwas für die Reichen. Dort, wo die Menschen seit je an Seuchen und Armut gewöhnt sind, wären wir als dauerverwöhnte Phlegmatiker verloren. Wir Hamsterrädler und Vollkasko-Westler leiden unter einer ganz anderen Krankheit. Das Immer-schneller-niegenug- urbane-busy-going-nowhere-Modell, eine Art Luxus-Depression. Als entnervte, unzufriedene Konsumkälber sind zunehmend viele Opfer des eigenen, selbst erschaffenen Wohlstands geworden. Eine Art Tod vor dem Tod. Man muss nur in diese leeren, traurigen, lieblosen Gesichter schauen. Was erzählen sie uns? Mit Sicherheit kein Loblied auf die Freiheit, Warmherzigkeit oder Lebensfreude. Eher die Ballade der betrübten Blockflöten.

Natur konnte aufatmen

Doch in den letzten Monaten tauchten völlig unerwartet Lichtblicke auf. Der Alltagslärm wich einer Ruhe, wie ich sie im Ansatz nur noch aus den Sechzigern oder den Sommerferien kannte. Es war ein leises Leben ohne Druck und Gehetze, ohne Aktionsblödsinn und brachialem Gedröhne. Auch die Natur schien aufzuatmen, der Himmel war eine unberührte, tiefblaue Kathedrale, und auch der Wald rief. Vieles begann zu funkeln – innen wie aussen. In der Not zeigt der Mensch plötzlich sein besseres Ich. Es gab wieder herzvolle Begegnungen. Menschen halfen einander, und Verfeindete gingen aufeinander zu. Wir wurden auf uns selbst zurückgeworfen, einfach sein und ruhen. Für viele war das wohltuend und bereichernd, trotz grossen finanziellen Einbussen.

Stillstand kann Fortschritt sein

Die Wiederherstellung des «Normalzustands» muss jetzt nicht zwangsläufig eine Rückkehr zur seelenlosen Raserei, zum ganzen grimmigen, aggressiven Weltenwahnsinn bedeuten, wo Familien, Freunde und Träume verbannt werden. Ich hoffe, einige von uns werden erkennen, dass etwas Stillstand auch Fortschritt sein kann und weniger oft mehr ist. Wenn Begeisterung, Offenheit und Empathie – auch uns selbst gegenüber – wieder einkehren, bekommt das Sein einen neuen Wert. Dann war dieser Lockdown mehr als nur eine Vorbereitung auf den «big one». Es muss nach Corona nicht alles gleich bleiben – oder schlimmer werden, wie der Schriftsteller Houellebecq sagt.

Welt von gestern

Für mich fühlten sich diese Monate an wie die Welt von gestern, und so probiere ich einen Teil davon in die Welt von morgen hinüberzuretten. «Yamas, Christo!», ruft mein griechischer Freund mir zu. «Auf das Heute und einen guten Sommer!»

Angaben zu Chris von Rohr

Weitere Kolumnen «Notabene» finden Sie auf der Website der «Schweizer Illustrierten».

Mehr über Chris von Rohr auf www.chrisvonrohr.ch und auf seinem Instagram-Account.

Chris von Rohr: Autor, Musiker, Produzent
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