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10.08.2022

Kiew fordert die Krim zurück

dpatopbilder - Am Strand von Saky steigt Rauch nach einer Explosion auf. Foto: Uncredited/Anonymous/AP/dpa
dpatopbilder - Am Strand von Saky steigt Rauch nach einer Explosion auf. Foto: Uncredited/Anonymous/AP/dpa Bild: Keystone/Anonymous/AP/Uncredited
Russland – Nach den schweren Explosionen auf einem russischen Militärstützpunkt auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim haben die Behörden dort den Ausnahmezustand ausgerufen.

Schon zum zweiten Mal in diesem Sommer werden Feriengäste am Schwarzen Meer aus der Strandruhe gerissen. Bei den Explosionen auf der Basis in Saki nahe dem Kurort Nowofjodorowka wurde ein Mensch getötet, wie Krim-Verwaltungschef Sergej Aksjonow sagte. Es gab demnach auch 14 Verletzte. Schon am 31. Juli schlug bei der russischen Schwarzmeerflotte in der Hafenstadt Sewastopol nach Behördenangaben eine ukrainische Drohne ein. Auch da gab es Verletzte.

Beide Zwischenfälle werfen bei russischen Beobachtern inzwischen Fragen auf, wie gut die militärisch hochgerüstete Halbinsel, die sich Moskau 2014 einverleibte, tatsächlich geschützt ist. Kremlchef Wladimir Putin hatte immer wieder angekündigt, dass die Sicherheit der Krim noch weiter verstärkt werden solle.

Auch andere russische Regionen im Grenzgebiet zur Ukraine berichten von einer extrem gespannten Lage im Zuge angeblicher Angriffe aus dem Nachbarland. Die Gouverneure von Brjansk, Kursk und Belgorod klagen über Verletzte und schwere Zerstörungen. Aber bisher hat Russland seinen Drohungen, Kommandozentralen in Kiew zu bombardieren, wenn der Beschuss nicht aufhöre, keine Taten folgen lassen.

Überprüfbar von unabhängiger Seite ist nicht, wer genau die Attacken verübt. Auch in der Ukraine wird darauf hingewiesen, dass Russland sie selbst inszenieren könnte, um einen Vorwand für neue Schläge zu schaffen. Klar ist aber, dass auch der neue Fall der Explosionen dem russischen Image als Garant für die Sicherheit auf der Krim schadet.

Die Krim gehört völkerrechtlich zur Ukraine, doch Russland sieht sie wegen der strategisch wichtigen Lage im Schwarzen Meer traditionell als seinen Einflussbereich. Schon seit Zarenzeiten ist die Krim Sitz der russischen Schwarzmeerflotte, die dort auch nach dem Zerfall der Sowjetunion stationiert war. Nach dem proeuropäischen Umsturz in der Ukraine annektierte Russland die Halbinsel und baute dort die Militärpräsenz massiv aus. Die Ukraine fordert die Rückgabe der Krim und hat Russlands Forderungen nach einem Verzicht stets ablehnt.

Der ukrainische General Dmytro Martschenko stellte prompt eine militärische Rückeroberung der Krim in Aussicht. "Wir werden die Krim zurückerobern, genauso wie wir Cherson, Luhansk und Donezk zurückerobern werden", sagte er in einem Interview der Nachrichtenagentur RBK-Ukrajina. Zudem drohte er mit der Zerstörung der zum russischen Festland führenden Krim-Brücke. Sollte der Westen die versprochenen Waffen in ausreichender Menge liefern, werde die Ukraine im kommenden Frühjahr den Sieg über Russland feiern.

Die ukrainische Führung räumt nicht offiziell ein, für die Anschläge auf der Krim oder auf russischem Gebiet verantwortlich zu sein. Aber verkneifen können sich viele in Kiew die Freude nicht. "Das ist nur der Anfang", schrieb der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak auf Twitter. Es seien mindestens zehn russische Flugzeuge zerstört worden, sagte der Sprecher des ukrainischen Luftwaffenstabs, Jurij Ihnat, am Mittwoch im Fernsehen.

Offiziellen Angaben aus Moskau zufolge ist ein Verstoss gegen die Brandschutzregeln die Ursache der jüngsten Explosionen. Schon als im April die "Moskwa", das Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte, sank, nannte das Verteidigungsministerium in Moskau einen solchen Grund. Allerdings gilt als sicher, dass die ukrainische Armee das Schiff mit Harpoon-Raketen aus US-Produktion versenkte. Russland räumt in seinem am 24. Februar begonnenen Angriffskrieg gegen die Ukraine traditionell keine Kampferfolge der Gegenseite ein.

Militärexperten des US-amerikanischen Institute for the Study of the War zufolge will die russische Führung einen ukrainischen Angriff aus Imagegründen nicht eingestehen. Dann würde Moskau einräumen müssen, dass seine Luftabwehr versagt habe, hiess es.

Von der Basis Saki nördlich von Sewastopol flogen russische Kampfjets vom Typ Suchoi Su-24 und Mehrzweckkampfflugzeuge vom Typ Suchoi Su-30 viele Angriffe auf Ziele im Süden der Ukraine. Erste, noch nicht überprüfte Videos von dem Stützpunkt zeigten zahlreiche ausgebrannte Autos sowie eine zerstörte Su-24.

Während Moskau nach dem Vorfall vom Dienstag davon sprach, es sei durch Fahrlässigkeit Munition explodiert, berichtete die "New York Times" von einem ukrainischen Angriff. Dabei sei eine von der Ukraine entwickelte Waffe eingesetzt worden, zitierte das Blatt einen ranghohen ukrainischen Militär. Bei der Attacke hätten auch Partisanen, die loyal zur Ukraine stehen, eine Rolle gespielt. Erst am Dienstag hatte der Chef des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, Alexander Bortnikow, berichtet, ukrainische Geheimdienste würden immer aktiver junge Russen für "Terroranschläge" anwerben.

Auch der ukrainische Präsidentenberater Olexij Arestowytsch sprach inoffiziell von einem Angriff mit einer neuen ukrainischen Waffe, "während die Partner uns noch keine weitreichenden Raketen schicken". Die ukrainische Rüstungsindustrie mache Fortschritte. Das Augenmerk von Militärexperten richtet sich vor allem auf neue ballistische Kurzstreckenraketen Hrim-2. Sie wurden in der Ukraine entwickelt und haben angeblich eine Reichweite bis zu 500 Kilometern.

Präsident Woldymyr Selenskyj jedenfalls meinte, die Krim habe sich in einen der gefährlichsten Orte Europas verwandelt. "Die Schwarzmeerregion kann nicht sicher sein, solange die Krim besetzt ist", erklärte er. "Dieser russische Krieg gegen die Ukraine, gegen das ganze freie Europa, hat mit der Krim begonnen und muss mit der Krim enden, mit ihrer Befreiung."

Keystone-SDA